Die Schweiz ist schön, aber ihre Läden sind geschlossen. Diese Lektion lernen Touristen schnell, wenn sie ihren Einkaufsbummel am Sonntag planen. Sonntagsverkäufe gibt es hierzulande maximal viermal im Jahr. Das ist den Touristikern ein Dorn im Auge. Nun kursieren neue Ideen zur Aufhebung der Sonntagsruhe in den Innenstädten. Der Berner Grosse Rat hat vor kurzem einen Vorstoss an die Regierung überwiesen, wonach die Untere Altstadt als Tourismusgebiet bezeichnet werden soll. Damit sollen die Läden abends länger und auch sonntags geöffnet sein dürfen. Ob dies gelingt, ist offen. Gemäss Bundesgesetz können nur Gemeinden, für die der Tourismus von wesentlicher Bedeutung ist, als Tourismusgebiete definiert werden.

Eine neue Idee macht nun in Basel-Stadt die Runde. Weil die Innenstadt im Gegensatz zur Unesco-geschützten Berner Altstadt keinen exklusiv anerkannten Geschichts- oder Tourismusstatus hat, will Stadtentwickler Thomas Kessler den Weg für die Sonntagsöffnung über einen anderen Sonderstatus freimachen: jenen der Verkehrsknotenpunkte. Mit diesem Status können heute Läden in Bahnhöfen, Flughäfen, aber auch Tankstellen sonntags geöffnet werden. «Das soll neu auch für die Schifffahrt und somit für die zentrale Schifflände und ihr Umfeld gelten, analog dem Perimeter um den Bahnhof», sagt Kessler. Eine Coop-Filiale, eine Apotheke und weitere Läden wären darin enthalten und könnten so sonntags Schiffsreisende und Innenstadtbesucher versorgen.

«Wir unterstützen die Idee eines Clusters, um den herum Geschäfte, Restaurants und Kulturinstitutionen auch sonntags geöffnet wären», sagt Mathias F. Böhm, Geschäftsführer von Pro Innerstadt Basel. «Dass alle Läden und viele weitere Angebote sonntags geschlossen sind, ist heute einer der grössten Nachteile im Städtetourismus. Touristen sind eine Sonntagsöffnung gewohnt und erwarten ein solches Angebot. Die Schweiz, insbesondere Basel, steht hier abseits.» Die rechtlichen Grundlagen, sagt Böhm, müssten zwar angepasst werden, aber dies wäre durchaus möglich.

Neben Pro Innerstadt unterstützt auch Basel Tourismus den Vorstoss. Andere Städte weibeln ebenso für permanente Sonntagsverkäufe: Touristenbefragungen zeigten, dass ein beträchtlicher Teil der Gäste Einkaufsmöglichkeiten auch am Sonntag wünsche, sagt Ueli Heer von Zürich Tourismus. «Wir begrüssen Bestrebungen hinsichtlich einer Liberalisierung», sagt er. «Die Besucher finden es irritierend, dass der Sonntagseinkauf in anderen europäischen Grossstädten möglich ist, in Zürich aber nicht.»

Offiziell stellen sich die Detailhändler Coop, Migros, Denner und Manor auf den Standpunkt, dass der Sonntag nicht angetastet werden soll und lediglich die Umsetzung der vier möglichen Sonntagsverkäufe gewünscht werde. In Basel-Stadt etwa sind derzeit nur zwei Sonntage verkaufsoffen. Der Sonntag dürfte für Detailhändler aber attraktiv sein. Vor fünf Jahren nahmen in der Stadt Zürich etwa noch vier Coop-Verkaufsstellen an den Sonntagsverkäufen im Advent teil, dieses Jahr sind es 19 – darunter Supermarkt-Filialen in Quartieren ohne Bezug zum Weihnachtsgeschäft.

Für eine Liberalisierung kämpfen auch die grossen Einkaufszentren des Landes. «Als Centerleiter würde ich mir eine weitere Liberalisierung wünschen», sagt Andreas Brunner, Chef des Zürcher Sihlcity. «Gerade am Sonntag wäre sie angezeigt. Viele Touristen, aber auch Schweizer wollen am Sonntag einkaufen, das zeigt der Erfolg der Tankstellenshops.»

Beim Thema Sonntagsöffnung habe die Schweiz grossen Nachholbedarf, sagt auch Patrick Stäuble, Chef des Einkaufszentrums Tivoli in Spreitenbach AG. «Es kann doch nicht sein, dass die kleine Schweiz in den einzelnen Kantonen Unterschiede hat.» Im Kanton Aargau dürfe er etwa im Dezember an zwei Sonntagen aufmachen. Am 27. Dezember müsse sein Center aber geschlossen sein – anders als in Zürich. «Das ist eine Wettbewerbsverzerrung insbesondere, da wir fast auf der Zürcher Grenze stehen», sagt Stäuble. «Wir sind klar näher an der Grenze zu Deutschland und müssen zusehen, wie die Kunden am 27. Dezember wohl über die Grenze einkaufen gehen.»

«Ich bin für liberale Öffnungszeiten», sagt Hanspeter Gisler vom Seedamm-Center in Pfäffikon SZ. Einzelne zusätzliche Sonntage könne er sich für sein Center gut vorstellen. Permanente Sonntagsöffnung sei zwar im Moment nicht nötig. «Die Gesellschaft wandelt sich allerdings. Diese Frage beantworte ich vielleicht in einigen Jahren anders.»

Ob die Liberalisierungsbestrebungen von Basel und Bern von Erfolg gekrönt sind, ist unklar. Zwar dürfte das neue nationale Parlament liberaler sein und etwa die Harmonisierung der Öffnungszeiten unter der Woche durchwinken. In Abstimmungen haben Liberalisierungen aber fast nie Erfolg.

Auch die Beschäftigten seien klar gegen permanente Sonntagsöffnung und die Sieben-Tage-Woche, sagt Natalie Imboden von der Gewerkschaft Unia. Das zeigten mehrere Umfragen. Dass heute nur in Tourismusorten unter klar umschriebenen Bedingungen die Sonntagsöffnung erlaubt sei, zeige ein Bundesgerichtsurteil. Die Lausanner Richter untersagten einer Migros-Filiale in Rapperswil-Jona den sonntäglichen Verkauf. Den Status als Touristenort erfüllten weder Basel noch Bern. «Unser Mandat ist klar: Wir setzen uns gegen eine Aufweichung des Arbeitsgesetzes ein», sagt sie.

Die Gegenseite setzt derweil auf die Zeit: «Irgendwann», sagt Mathias F. Böhm von Pro Innerstadt Basel, «wird die Sonntagsöffnung durch die gesellschaftliche und globale Entwicklung sowieso keine Diskussion mehr sein.»

Beantworten Sie dazu die Frage der Woche.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper