Am 23. Januar, kurz nach Bekanntgabe seines Rücktritts als Novartis-Präsident, gab Daniel Vasella der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens ein viel beachtetes Interview. Darin verneinte er, dass er Millionen für das Arbeitsverbot erhalte.

Frage des Journalisten: «Ich habe gelesen, Sie hätten eine Konkurrenzklausel unterschrieben: Fünf Jahre zu einem Millionenlohn pro Jahr. Stimmt das?» Antwort Vasella: «Das ist falsch.» Der Journalist: «Welcher Teil?» Vasella antwortete lachend: «Der Geldteil.»

Seit Freitag weiss die ganze Schweiz, dass es doch Millionen sind, sogar 72, verteilt auf sechs Jahre. Ganz offensichtlich hat Vasella kurz vor der Abstimmung über die Abzocker-Initiative sowohl die Öffentlichkeit als auch die Anleger und Politiker in die Irre geführt.

«Das ist für mich wirklich stossend, eine klare Entgleisung», sagt Hans Hess, Präsident des mächtigen Branchenverbandes Swissmem, der zusammen mit Vasella im Vorstandsausschuss des Unternehmensdachverbandes Economiesuisse sitzt. «Ich bin sehr irritiert über die Aussagen von Herrn Vasella und seine Konkurrenzklausel.» Sie werde auch bei Economiesuisse «als unnötig und unanständig angesehen».

Die Aktionäre hätten es an der Generalversammlung vom Freitag in der Hand, das Lohnsystem von Novartis zurückzuweisen. Doch mit seiner Flunkerei habe Vasella die Abstimmung hintertrieben, sagt Dominique Biedermann, Chef der Anlagestiftung Ethos. Denn die mächtigen US-Anlegerorganisationen ISS und Glass Lewis, die mehr als 25 Prozent der Aktionäre hinter sich scharen, legten sich nach seinem Fernsehauftritt vorzeitig auf ein Ja fest. Nun ist es für sie zu spät, ihre Meinung zu ändern. «Sie hätten das Lohnsystem sicher abgelehnt, wenn Vasella frühzeitig mit der Wahrheit herausgerückt wäre», sagt Biedermann. Nein sagen bisher nur Ethos, Actares, Z-Capital und die Corporate-Governance-Agentur Schweiz. Sie vereinen nur einige Prozent der Aktionäre.

Ethos will nun dem ganzen Verwaltungsrat die Décharge verweigern. «Schliesslich hat nicht Vasella die 72 Millionen bewilligt, sondern der restliche Verwaltungsrat.»

Innerhalb von Novartis herrscht Konsternation. «Leider ist es verpasst worden, solche Zahlungen frühzeitig abzuklemmen», sagt ein Verwaltungsrat, der nicht genannt sein will. Er deutet an, das millionenteure Konkurrenzverbot von Vasella sei schon vor mehr als einem Dutzend Jahren beschlossene Sache gewesen. Im Detail sei es zwar erst 2010 in einem Vertrag ausformuliert worden, «aber es hat eine lange Geschichte». Es gab also eine Art Vorvertrag oder eine Absichtserklärung zwischen dem damaligen Verwaltungsrat und Vasella, in der die Millionenabfindung bereits vorgespurt war. «Heute wäre das unmöglich», sagt das Verwaltungsratsmitglied.

Novartis behauptet, bislang sei keine Zahlung an Vasella erfolgt. Damit bleibt aber offen, ob die 72 Millionen bereits im Jahr 2010 auf ein Sperrkonto der Bank Wegelin einbezahlt wurden. «Wenn die Zahlungen bereits ausgelöst wurden, hätte das im Geschäftsbericht offengelegt werden sollen», sagt Z-Capital-Chef Gregor Greber. «Dies hätte zur Folge, dass die Schweizer Börse dazu eine Untersuchung starten müsste, wieso das nicht geschehen ist.»

Fraglich ist, ob der Vertrag mit Vasella überhaupt legal ist. Falls Aktionäre dagegen klagen, hätten sie wohl gute Chancen. Denn gemäss Obligationenrecht darf ein Konkurrenzverbot «nur unter besonderen Umständen drei Jahre überschreiten». Thomas Geiser, St. Galler Professor für Arbeitsrecht, hält den Vertrag für illegal, weil die Entschädigung in keinem Verhältnis zur Leistung stehe.

Zwei Wochen vor der Abstimmung über die Abzocker-Initiative zeigt die neuste Umfrage: Schon vor Bekanntwerden von Vasellas Zahlung wollten 58,8 Prozent der Befragten Ja stimmen (siehe Grafik). Sogar 70 Prozent erwarten, dass die Initiative angenommen wird. Verheerend für die Gegner: Ihr Zugpferd Christoph Blocher wird als weniger glaubwürdig eingestuft als Initiant Thomas Minder. Und nur eine Minderheit glaubt die Hauptbotschaft der gegnerischen Propaganda, die Initiative schwäche den Wirtschaftsstandort Schweiz.

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