Herr Gisel, Sie übernehmen von Pierin Vincenz per 1. Oktober 2015 das Ruder bei Raiffeisen. Was werden Sie als Erstes anpacken?
Patrik Gisel: Oberste Priorität hat die Erneuerung unserer Banken-Softwareplattform, die wir im vorgegebenen Zeitrahmen erfüllen müssen.

Der Zeitplan bis Mitte 2017 ist sportlich. Schaffen Sie das?
Ich bin zuversichtlich. Wir haben die Möglichkeit, das Projekt ein wenig zu entschlacken, aber es bleibt ein anspruchsvoller Plan.

Weitere Punkte auf Ihrer Agenda?
Ich will unser Kerngeschäft – also Sparen, Hypotheken, Zahlen – verstärken sowie das Anlage- und Firmenkundengeschäft weiter ausbauen. Da haben wir noch viel Potenzial. Andere wichtige Themen sind die Digitalisierung, welche die gesamte Bankbranche betrifft, sowie die Optimierung der Raiffeisen-Organisation.

Das Internet als Vertriebskanal gewinnt an Bedeutung. Grosskonzerne wie die SBB und Post streichen das physische Vertriebsnetz zusammen. Welche Bedeutung werden die Geschäftsstellen von Raiffeisen in fünf bis zehn Jahren noch haben?
Es wird sicher weniger Bankstellen geben. Wir haben in den letzten Jahren bereits 200 abgebaut und betreiben heute noch gut 1000 Geschäftsstellen. Diese Zahl wird nochmals sinken. Raiffeisen wird aber weiterhin mit einem dezentralen Netz nahe bei den Kunden arbeiten.

Glauben Sie noch an den physischen Kanal?
Daran glaube ich nach wie vor, aber wir werden zusätzlich neue Bankdienstleistungen anbieten, die über digitale Kanäle an die Kunden gelangen. Wir werden dazu innerhalb der Raiffeisen eine Art Think Tank mit drei bis fünf Leuten aufbauen, der sich ausschliesslich mit Zukunftsfragen im Bankgeschäft beschäftigt.

Sie wollen auch die Organisation verbessern. Wo hapert es heute?
Die Organisation muss flexibler werden und schneller auf Marktveränderungen reagieren können. Es dauert bisweilen zu lange, bis wir Neues in den Banken auch umsetzen können. Das ist mit der genossenschaftlichen Struktur eine Herausforderung. Die Entscheidungsmechanismen sind zum Teil zu langsam. Das werde ich angehen, ohne dabei aber die Grundwerte unserer erfolgreichen Genossenschaft anzutasten.

Werden die regionalen Genossenschaften noch mehr Macht an die Zentrale in St. Gallen abtreten müssen?
Nein, die Selbstständigkeit per se ist nicht infrage gestellt, aber diese nützt auch nichts, wenn man sich nicht rechtzeitig an neue Marktanforderungen anpassen kann, weil man schlicht zu langsam ist. Ich sage damit nicht, dass wir bis jetzt Trends verschlafen haben, aber in der heutigen schnelllebigen Zeit steigt dieses Risiko. Es geht vielmehr um veränderte Entscheidungsprozesse in der Gruppe. Das ist eine Diskussion, die wir intern mit den Genossenschaften führen müssen. Unsere Struktur hat viele Vorteile, und ich stehe auch voll zu der genossenschaftlichen Struktur. Aber sie hat auch Nachteile, und die müssen wir proaktiv angehen.

Bleibt Raiffeisen eine Genossenschaft, oder wird sie zu einer Aktiengesellschaft?
Sie bleibt eine Genossenschaft – es sei denn, wir werden gezwungen, die Rechtsform zu ändern.

Sie sprechen die Finma an.
Genau. Aber ich glaube nicht, dass das ein realistisches Szenario ist.

Sie wurden von der Finma zu einer systemrelevanten Bank erklärt. Können Sie heute sagen, welche Folgen das für die Raiffeisen hat?
Es sind noch einige Fragen offen, die wir mit dem Regulator klären müssen. Wenn durch die Abwicklungspläne Veränderungen unserer Struktur gefordert würden, müssen wir diese intensiv mit dem Regulator diskutieren. Derzeit gehen wir nicht davon aus, dass dies nötig sein wird.

Raiffeisen kaufte für viel Geld die Privatbank Notenstein auf und stieg ins Asset Management ein. Wie zufrieden sind Sie mit dem Kauf? Noch schreibt die Bank ja kaum Gewinne.
Der Kauf war langfristig eine richtige Entscheidung. Natürlich müssen wir noch die Profitabilität verbessern. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis ist noch nicht dort, wo wir es haben wollen. Wir streben in den nächsten zwei Jahren eine Cost-Income-Ratio von 75 Prozent oder besser an.

Und wie sieht es beim Neugeld aus?
Mit der Übernahme von La Roche kommt Notenstein auf verwaltete Vermögen von 27 bis 28 Milliarden Franken. Das ist gut, aber noch zu wenig. Mittelfristig peilen wir deutlich über 30 Milliarden Franken an. In den nächsten zwei, drei Jahren muss ein klarer Aufwärtstrend erkennbar sein.

Ihr Vorgänger Pierin Vincenz hatte eine spezielle Liaison mit Vontobel. Er hätte sie am liebsten einverleibt. Steht die Zürcher Bank auch auf Ihrem Speiseplan?
Vontobel war für uns immer ein wichtiger Partner und wird dies in der einen oder andern Art auch in Zukunft sein. Wir haben nach Abschluss des Schiedsverfahrens wieder ein entspanntes Verhältnis zueinander.

Das Bankgeheimnis ist unter Druck. Wird es im Inland halten? Oder kommt der AIA auch hierzulande?
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Diskussion in diese Richtung geht. Langfristig wird sich das Bankgeheimnis im Inland nicht in der Form halten können. Aber das ist eine Diskussion, welche die Schweizer Bürger in den nächsten Jahren führen müssen.

Werden Sie die Volksinitiative zum Schutz der Privatsphäre unterstützen?
Privatsphäre bleibt ein wichtiges Element. Ich glaube allerdings nicht, dass man sie gleich in die Bundesverfassung schreiben muss. Das Anliegen der Initianten ist legitim. Mit der Steuerfrage soll nicht gleich die gesamte Privatsphäre über Bord geworfen werden. Es geht um Grundwerte, welche die Schweiz seit Jahrhunderten besitzt und mit denen man sehr vorsichtig umgehen sollte.

Die Bank BSI hat einen Deal mit den Amerikanern abgeschlossen. Wie sieht es mit Raiffeisen aus, die sich in Gruppe drei eingereiht hat?
Wir führen derzeit intensive Gespräche und sind nach wie vor überzeugt, dass wir in der richtigen Gruppe sind.

Wann kommt es zu einem Abschluss?
Dies ist sehr schwierig zu sagen, da der zeitliche Takt durch die amerikanischen Behörden vorgegeben wird. Raiffeisen selbst wird alle Termine einhalten; der Independent Examiner wird seinen Bericht fristgerecht einreichen. Ob ein Abschluss dieses Jahr noch möglich ist, bleibt völlig offen.

Wie stehen Sie zu den Negativzinsen der Nationalbank?
Ich glaube nicht, dass die Negativzinsen so schnell wieder verschwinden. Denn der Franken ist nach wie vor zu hoch bewertet – auch wenn ich mittelfristig von einer leichten Abschwächung des Frankens von zurzeit 1.04 pro Euro auf vielleicht 1.10 ausgehe.

Solange der Franken so stark ist, braucht es die Negativzinsen?
Es ist schwer zu sagen, was die Negativzinsen bewirken. Diese Beurteilung überlasse ich der Nationalbank.

Hat die Nationalbank heute zu viel Macht, müsste sie breiter abgestützt werden?
Entscheidend ist, dass sie politisch unabhängig bleibt. Die Versuche aus der Politik, die Nationalbank stärker einzubinden, etwa durch eine engere Koordination, halte ich für gefährlich.

Das Direktorium hat nur gerade drei Mitglieder – alles Theoretiker. Ist das bei so wichtigen Entscheiden wie dem Ende des Mindestkurses nicht problematisch?
Meiner Meinung nach nicht. Ein kleines Direktorium ist effizient und kann schnell entscheiden. Manchmal wünsche ich mir so etwas auch bei Raiffeisen (lacht). Interessant ist, dass die Frage der Nationalbank-Governance erst jetzt, bei der Freigabe des Frankens, diskutiert wird. Als 2011 der Euro-Mindestkurs eingeführt wurde, war das kein Thema – obwohl dieser Entscheid von grösserer Tragweite war: Faktisch haben wir damals eine Fremdwährung übernommen, und zwar für mehr als drei Jahre. Ohne politischen Prozess.

Sind Sie in einer Partei?
Ich bin Passivmitglied der FDP ...

... was heisst passiv?
Ich zahle meinen Mitgliederbeitrag und verfolge interessiert, was die Partei zu den wichtigen Fragen sagt.

Gehören Sie in der FDP eher zu denjenigen, die für eine Annäherung mit der SVP plädieren, oder zu denjenigen, die sich abgrenzen wollen?
Solche Fragen interessieren mich wenig. Entscheidend ist für mich: Die FDP steht auch mit ihrer historischen Rolle für liberales Gedankengut. Das ist ihre Identität, und das gibt ihr ihre Berechtigung.

Wo stehen Sie europapolitisch? Wie haben Sie’s mit der EU?
Wir sollten den bilateralen Weg weiterverfolgen. Er gibt der Schweiz die politische Autonomie und ebenso die wirtschaftliche Integration in Europa. Beides ist wichtig für unser Land.

Sie übernehmen den CEO-Posten von Pierin Vincenz am 1. Oktober, der 15 Jahre lang Chef war. Was können Sie besser als er?
Mal abgesehen von Ausdauersport, meinen Sie? (lacht)

Welchen Sport treiben Sie?
Triathlon. Wobei mir zunehmend die Zeit fehlt. Ich versuche jede Woche, sechs bis acht Stunden zu trainieren, meistens morgens um 5.15 Uhr. Aber zurück zu Ihrer Frage: Pierin Vincenz hat bei Raiffeisen eine herausragende Arbeit geleistet. Wir haben vieles gemeinsam gemacht – er mehr gegen aussen, ich gegen innen. Ich bin ein anderer Mensch und werde einiges anders angehen als er, das ist klar. Aber an der Strategie ändert nichts, wir setzen auf Kontinuität, auch unsere Geschäftsleitung ist sehr stabil.

Wie führen Sie?
Mein Führungsstil ist sehr kooperativ. Ich versuche, gut zuzuhören und mit den Leuten zu arbeiten. Das hat den Nachteil, dass ich mich manchmal zu sehr involviere.

Sie sind ein ehrgeiziger Sportler, sind Sie auch ein Geniesser?
Kommt darauf an, wie Sie Genuss definieren: Abends mal ein gutes Glas Wein trinken, das mag ich. Fairerweise muss ich aber sagen: Ich bin eher der Adrenalin-Typ. Geniessen, das ist für mich vor allem Sport. Da kann ich mich auch am besten erholen.

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