Herr Hälg, der Oppositionskurs wird inzwischen von 40 Prozent der Aktionäre unterstützt. Können Sie Namen nennen?
Paul Hälg: Von 15 Prozent sind die Namen bekannt, darunter befinden sich bekanntlich die Stiftung von Bill und Melinda Gates sowie zahlreiche Pensionskassen von Schweizer Städten, öffentlichen Institutionen und Unternehmen. Die anderen Investoren möchten derzeit nicht genannt werden. Sie haben uns aber schriftlich ihre Unterstützung zugesichert.

Erwarten Sie, dass sich Ihnen weitere Aktionäre anschliessen werden?
Die Dynamik hat im Januar erst richtig begonnen. Daher gehe ich fest davon aus, dass die Unterstützung noch wachsen wird. Inzwischen haben wir die Hälfte der Publikumsaktionäre hinter uns. (Sie machen 80 Prozent des Aktienkapitals aus; Anm. d. Red.) Das ist eine ganz anständige Unterstützung, mit der wir bereits sehr zufrieden sind.

Riskieren Sie nicht, dass die aufmüpfigen Investoren, die Sie anführen, als Gruppe betrachtet werden könnten?
Aus meiner Sicht besteht dieses Risiko nicht. Wir führen keine Aktionäre an, und ich habe keine Kenntnis davon, dass Absprachen unter den Aktionären stattfinden – und schon gar nicht mit uns.

Die Sika ihrerseits betrachtet die Familienaktionäre und Käufer Saint Gobain als Gruppe, weshalb sie deren Stimmrechte auf 5 Prozent reduzierte. Glauben Sie, damit tatsächlich durchzukommen? Beim analogen Fall Tecan hat das nicht geklappt.
Ich kann mich nicht zu anderen Fällen äussern. Ich beziehe mich auf das Gutachten von Professor Peter Nobel. Daraus geht hervor, dass das Bundesgericht in ähnlichen Fällen in unserem Sinn entschieden hat.

Spielen Sie einfach auf Zeit?
Nein, uns geht es sicher nicht darum, einfach nur ein paar Wochen länger im Amt zu bleiben, dafür gehen wir viel zu grosse Risiken ein. Wir haben grundsätzliche Bedenken am Deal. In Zukunft würde ein Aktionär mit 16 Prozent Kapitalanteil die Geschicke von Sika bestimmen – mit starken Nachteilen zulasten der Publikumsaktionäre, die 84 Prozent des Kapitals stellen.

Wird es noch zu einer ausserordentlichen Generalversammlung kommen?
Es läuft ein Gerichtsverfahren, das an Fristen gebunden ist. Dieses hat die Familie angestrengt. Es kann durchaus sein, dass der Entscheid des Gerichts zeitlich sehr nahe an die ordentliche GV herankommen wird. Dann würde eine ausserordentliche GV wohl wenig Sinn mehr machen.

Ist auch die ordentliche Generalversammlung in Gefahr?
Aus heutiger Sicht wird sie am 14. April stattfinden.

Mit dem Abwehrkampf verursachen Sie erhebliche Kosten. Wie hoch sind diese? Man muss von einem zweistelligen Millionenbetrag ausgehen.
Ich möchte mich zu den Kosten nicht äussern. Sie sind aber im Vergleich zum Ausmass des Falles mehr als vertretbar. Grosse Kosten hatten bislang die Publikumsaktionäre zu tragen, die wegen des Deals Kursverluste in der Grössenordnung von 20 Prozent oder 3 Milliarden Franken in Kauf nehmen mussten.

Mit Ihrem Kampf gegen die Besitzerfamilie gehen Sie und andere unabhängige Verwaltungsräte grosse persönliche Risiken ein. Im Falle eines Scheiterns entstehen Ihnen erhebliche Reputationsrisiken – Ihre Karriere als Verwaltungsrat dürfte besiegelt sein. Und Sie müssen mit einer Verantwortungsklage rechnen. Ist Ihnen dies bewusst?
Wir sind uns bewusst, dass wir als Verwaltungsräte haftbar gemacht werden könnten und dass wir ein Risiko eingehen. Wir setzen uns aber für sämtliche Stakeholder ein, für alle Aktionäre und die Firma. Das ist unsere gesetzliche Verantwortung. Alle Schritte, die wir bis jetzt unternommen haben, liegen klar innerhalb dieses Verantwortungsbereichs.

Haben Sie das Haftungsrisiko versichert?
Das ist eine unternehmensinterne Angelegenheit, zu der ich mich öffentlich nicht äussern will.

Stehen andere Verwaltungsräte voll hinter Ihnen? Sind Rücktritte zu erwarten? Zum Beispiel Monika Ribar, die Vizepräsidentin der SBB: Wird Sie an Bord bleiben?
Unter den sechs unabhängigen Verwaltungsräten herrscht grosse Einigkeit. Wir stehen alle voll hinter den Entscheiden, die immer einstimmig ausfallen. Mit über 40 Prozent des Kapitals von Sika sind wir sehr besorgt über die Zukunft der Firma und können die negativen Folgen der feindlichen Übernahme für Sika und ihre Stakeholder nicht akzeptieren.

Als wie gross betrachten Sie die Chance, den Deal noch zu verhindern?
Da möchte ich lieber die Analysten zitieren. Die einen schreiben, unsere Chance liege bei 70 Prozent. Andere vertreten die Ansicht, dass der Deal zu 70 bis 80 Prozent durchkommt. Wenn man die Mitte nimmt, dann dürften die Chancen bei fifty-fifty liegen.

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