Credit Suisse, HSBC, Julius Bär sowie die Basler und Zürcher Kantonalbank haben in den vergangenen Monaten Tausende von Mitarbeiterdaten in die USA geliefert. Schon das ist höchst umstritten. Doch die brisante Frage ist: Befanden sich im Datenberg auch Kundendaten? Ja, sagen mehrere Quellen zum «Sonntag». Eine davon ist der Genfer Anwalt Alec Reymond, der die Interessen von Mitarbeitern von CS, HSBC und Julius Bär vertritt. «Mir sind Fälle bekannt, bei denen Kundennamen auf den geschickten Unterlagen waren. Oder Angaben, mit denen die amerikanischen Behörden die Kunden eindeutig identifizieren können.» Die besagten Fälle betreffen offenbar Kunden von CS und HSBC. Reymond selbst will keine Angaben zu den Bankennamen machen.

Die Kundennamen haben Reymond oder seine Kanzleipartner mit ihren Klienten gesehen. Diese hatten Einsicht in die von den Banken an die US-Behörden geschickten Dokumente verlangt, die sie betreffen. «Die Banken haben uns zugesichert, dass das auch wirklich die Dokumente sind, welche sie ausgeliefert haben», sagt Reymond. «Wenn das tatsächlich der Fall ist, dann haben die Banken auch Kundendaten geschickt.»

Reymonds Klienten sind keine Einzelfälle. Auch HSBC-Mitarbeiter A.* hat Kundennamen auf den ausgelieferten Dokumenten gesehen, wie er dem «Sonntag» sagt. «Ich war mit einem Anwalt bei HSBC in Genf zur Unterlageneinsicht. Sie haben mir eine Excel-Mappe auf einem Laptop gezeigt. Ich durfte Notizen machen, aber nichts ausdrucken oder kopieren.»

Dabei hat A. auch auf die Excel-Registerkarte seines Arbeitskollegen B.* geklickt. «Dort habe ich vier Kontoinhaber gesehen.» Bei den vier Namen habe es sich um zwei natürliche Personen sowie um zwei Gesellschaften gehandelt. B. wiederum wurde das Dokument mit den Kundennamen nicht gezeigt, wie er betont. Für A. ist klar: «Entweder hat die Bank Kundennamen in die USA geschickt, oder dann zeigt sie uns nicht die Unterlagen, die sie geschickt hat.»

Beides wäre schlecht: Denn die Banken müssen ihren Mitarbeitern «genau die Unterlagen zeigen, die sich auch wirklich geschickt haben», sagt Datenschützer Hanspeter Thür. Gravierender wäre allerdings, falls die Banken tatsächlich Kundennamen in die USA geliefert hätten. Dann hätten sie das Bankgeheimnis gebrochen.

Der Verstoss gegen Art. 47 des Bankgesetzes ist ein Offizialdelikt. Die Justiz müsste von Amtes wegen aktiv werden. Doch obwohl das Gerücht auf dem Genfer Bankenplatz seit Wochen kursiert und die «Basler Zeitung» über den Verdacht geschrieben hat, ist bis jetzt keine Untersuchung eröffnet worden. Auch bei der Finanzmarktaufsicht tut sich nichts: «Die Finma hat bis heute keine Hinweise, dass im Rahmen der Datenlieferungen in die USA gegen das Bankgeheimnis verstossen wurde», sagt Sprecher Tobias Lux.

Folgenlos bis jetzt ist auch die Eingabe des Genfer Anwalts Douglas Hornung: Er hat den Verdacht auf Bankgeheimnis-Bruch im Rekurs festgehalten, den er für den früheren HSBC-Chefjuristen Eric Delissy am 30. August beim Bundesstrafgericht in Bellinzona eingereicht hat. Einige «Geopferte» bei HSCB hätten auf ihren ausgelieferten Dokumentationen «Referenzen zu Kundennamen» gesehen, schreibt Hornung. Und weiter: «Ehemalige Mitarbeiter bestätigen, Kundennamen (…) gesehen zu haben.»

CS-Sprecher Marc Dosch bezeichnet den Verdacht als «schlicht nicht plausibel». Bei HSBC blieb die Medienanfrage unbeantwortet. Dossierkenner halten es jedoch für möglich, dass im Datenberg versehentlich auch Kundennamen in die USA verschickt wurden. «Mich würde das nicht wundern», sagt einer. Schliesslich hätten die Banken Tausende von Dokumenten verschickt, da könne es doch gut vorkommen, dass nicht alle Kundennamen geschwärzt wurden.

Was die Amerikaner alles haben wollten, zeigt ein Schreiben der US-Justizbehörde DoJ an die CS, HSBC und Basler Kantonalbank vom 9. Dezember 2011: unter anderem alle E-Mails, Korrespondenzen, Fax, Gesprächs- und Telefonnotizen von Kontakten mit US-Kunden – und zwar zurück bis zum 1. Januar 2000.

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