VON PATRIK MÜLLER UND PIRMIN KRAMER

Der schillernde Medienpionier Jürg Marquard («Cosmopolitan», «Joy», «Celebrity») ist ein Freund Ungarns. Als erster westlicher Unternehmer lancierte er dort im Jahr 1988 – noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs – Zeitschriften wie etwa «Popcorn». Heute ist Marquard Media mit zehn Magazinen Marktführer.

Ungewöhnlich wortkarg gab sich der Verleger vergangenen Mittwoch an einer Podiumsdiskussion im Zürcher «Kaufleuten», als ihn Moderator Kurt W. Zimmermann auf das neue ungarische Mediengesetz ansprach, das die Pressefreiheit ausser Kraft setzt und in ganz Europa scharf kritisiert wird. Marquard sagte bloss, der neue Premierminister Viktor Orban sei schon einmal Ministerpräsident gewesen und dann abgewählt worden. «Das hat er den Medien zugeschrieben.» Und deshalb nehme er diese nun an die Kandare.

Was hierzulande bislang unbemerkt blieb: Faktische Enteignungen von Medienunternehmern haben bereits stattgefunden – und Jürg Marquard gehört zu den Opfern. Der Schweizer ist beteiligt am «Slager Radio» (Schlager-Radio). Diesem hat der Staat die Lizenz entzogen. Der Sender sei «nicht wirklich links, aber offenbar auch nicht rechts genug», kommentierte die Zeitung «Pester Lloyd».

Der Wert des inzwischen abgestellten Senders wird auf 90 Millionen Dollar geschätzt. Gemäss «Sonntag»-Informationen war Marquard mit rund 14 Millionen daran beteiligt.

Auf der Slager-Frequenz hören die Ungarn nun einen Sender, auf dem Politiker ihre Parolen verbreiten dürfen. Hintergrund ist ein Kuhhandel von Viktor Orbans rechtsgerichteter Fidesz mit den Sozialisten: Die beiden Parteien haben sich zwei Sender geschnappt (nebst Slager auch Danubius) und untereinander aufgeteilt. Slager wurde den Sozialisten zugeschlagen, Danubius den Rechten. Der Lizenzentzug erfolgte bereits vor den Wahlen, doch die Slager-Betreiber klagten. Vor kurzem die Ernüchterung: «Am 23. Februar hat der Oberste Gerichtshof als letzte nationale Instanz die Klage von Slager Radio abgewiesen», sagt Marco Schicker, Chefredaktor von «Pester Lloyd».

Offenbar sehen das die Investoren – nebst Marquard ist das börsenkotierte US-Unternehmen Emmis beteiligt – anders. Doch zum weiteren Vorgehen will sich der Schweizer Verleger nicht äussern: «Kein Kommentar.»

Bislang hat dem Slager Radio die Unterstützung von oberster Stelle nichts gebracht. US-Aussenministerin Hillary Clinton und US-Vizepräsident Joe Biden haben in Ungarn interveniert. Ebenso wenig nützten Jürg Marquards Beziehungen zur ungarischen Regierung: Marquard kennt Premierminister Orban, Aussenminister Janos Martonyi und Staatspräsident Pal Schmitt persönlich.

Diese ungewöhnlichen Kontakte hängen damit zusammen, dass Marquard in Ungarn seit fast 25 Jahren eine Pionierrolle einnimmt. 1995 ernannte ihn die ungarische Regierung zum «Honorargeneralkonsul der Ungarischen Republik» in der Schweiz.

Marquard erhielt auch verschiedene Auszeichnungen von der Regierung, so 2005 die Gedenkmedaille «Pro Auxilio Civium Hungarorum» und 2006 die Ehrenmedaille «Held der Freiheit». Umso bitterer für ihn, dass ihm, dem Kämpfer für Freiheit, das Radio weggenommen wird.

Dass ein solcher Vorgang mitten in Europa möglich ist, halten nicht nur die Slager-Betreiber für skandalös. Der Fraktionschef der ungarischen Liberalen spricht vom «schwerwiegendsten Korruptionsskandal dieses Jahrhunderts». Der Chef der Behörde, welche für die Lizenzvergabe zuständig ist, ist unter Protest zurückgetreten.

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