Ob künstliches Hüftgelenk, Blinddarm oder Kaiserschnitt: In keinem anderen Industrieland kommen die Patienten so oft unters Messer wie in der Schweiz. Das zeigt eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Sie hat Daten von fünf häufigen Operationen aus 17 Mitgliedsländern miteinander verglichen. Das Resultat: Die Schweiz ist führend beim Einsetzen künstlicher Hüften und bei Prostataoperationen. Ein Mann in der Schweiz hat ein fast dreimal so hohes Risiko auf Prostataentfernung wie einer in Spanien oder England. Auch macht kein europäisches Land mehr Gebärmutterentfernungen. Das Risiko, dass einer Schweizerin ihre Gebärmutter herausoperiert wird, ist mehr als doppelt so gross wie in Spanien. Bei Kaiserschnitten liegt die Schweiz auf Platz zwei hinter Italien, ebenso bei Blinddarmoperationen, wo sie praktisch gleichauf mit Deutschland vorne liegt (siehe Grafiken).

Die Studie legt den Finger auf einen wunden Punkt: Die medizinischen Behandlungen werden in der Schweiz nicht nur immer teurer, sondern auch häufiger. Beides zusammen treibt die Kosten. In den letzten zehn Jahren haben sich deshalb die Prämien für die obligatorische Krankenversicherung um die Hälfte erhöht.

Anderen Ländern ist es gelungen, den Trend zu mehr Leistungen bei einzelnen Operationen zu brechen. So sinkt laut der OECD in mehr als der Hälfte der untersuchten Länder die Zahl der Prostataentfernungen. Nicht so in der Schweiz, wo sie weiter zunehmen. Das gleiche Bild zeigt sich bei den Blinddarmoperationen. In fast allen untersuchten Ländern ging ihre Zahl im vergangenen Jahrzehnt zurück, vermutlich wegen besserer technischer Ausrüstungen in den Spitälern. In der Schweiz hingegen ist von diesem Fortschritt nichts zu sehen. Hier werden Jahr für Jahr mehr Blinddarmoperationen durchgeführt.

Die Häufigkeit der Behandlungen sei «oft von anderen Faktoren getrieben als von Patientenbedürfnissen», schreibt die OECD. Das sieht man auch in der Schweiz so. Fachleute orten die Gründe im höheren Pro-Kopf-Einkommen, der hohen Therapiefreiheit der Ärzte, die einen finanziellen Anreiz haben, ihre Geräte und Operationssäle auszulasten, und dem praktisch unbeschränkten Zugang der Patienten zur Gesundheitsversorgung. «Wir haben in der Schweiz eine ausgeprägte Leistungsfreiheit», sagt Michael Jordi, Zentralsekretär der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren. «Jeder Patient kann zu irgendeinem Arzt gehen, und der ist in der Therapie frei.» Das hat negative Folgen: Die Patienten neigen dazu, unnötige Leistungen zu verlangen, und die Ärzte können die Leistungsmenge ausdehnen, selbst wenn kein Zusatznutzen sichtbar ist.

Zur grossen Operationsfreudigkeit trage die hohe Spitaldichte in der Schweiz bei, sagt Stefan Felder, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Basel. «Wir haben eine eindeutige Überversorgung im stationären Bereich. Es gibt sehr hohe Kapazitäten mit vielen zu kleinen Spitälern.» So hat die Schweiz doppelt so viele Spitäler pro Einwohner wie die USA und fast fünfmal so viele wie Schweden.

Jetzt mahnen selbst die Ärzte, die teuren Operationen seien häufig unnötig. «Für zahlreiche seit langem etablierte medizinische Verfahren gibt es keine Studien, die einen Nutzen nachweisen konnten», hält die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften im Positionspapier «Nachhaltige Medizin» fest, dass sie im Dezember veröffentlicht hat. Trotzdem würden Ärzte und Spitäler heute sehr oft «alles» einsetzen, um die Patienten zu behandeln – unabhängig davon, ob dies sinnvoll ist.

Mit dieser «Maximalmedizin» müsse Schluss sein, fordert die Akademie. «Die Haltung, möglichst alles zu machen, und zwar möglichst sofort, sollte ersetzt werden durch die Haltung, genug zu machen, aber nicht zu viel.» Sie hat nun die ärztlichen Fachgesellschaften damit beauftragt, bis Ende Jahr eine Liste mit jeweils zehn kostspieligen Behandlungen zu erarbeiten, die offensichtlich unnötig sind und daher nicht mehr durchgeführt werden sollten.

«Es geht darum, den wirklichen Nutzen von Therapien für den Patienten zu bestimmen», sagt Vizepräsident Peter Suter. «Das wird heute in der Schweiz vergleichsweise zu wenig häufig gemacht.» Operationen und Diagnosemethoden, deren Wert für den Patienten nicht erwiesen ist, sollen dann aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung gekippt werden. Zu diesem Thema finden in den kommenden Wochen Gespräche von Vertretern der Akademie mit Gesundheitsminister Alain Berset statt.

«Es hat einen gewaltigen Kosteneffekt, wenn alle unnötigen Abklärungen und Interventionen nicht mehr gemacht werden», sagt Peter Suter. In den USA wird gemäss einer neuen Studie mindestens ein Drittel der Gesundheitskosten für unnütze Leistungen ausgegeben. In der Schweiz sei die Rate ähnlich hoch, schätzt Suter. Das heisst: Vom jährlichen Gesundheitsbudget von mehr als 60 Milliarden Franken werden rund 20 Milliarden für sinnlose Therapien ausgegeben.

Als ein Beispiel unnötiger Eingriffe nennt Suter die Operation nach einem Kreuzbandriss. In den meisten Fällen lohne sich abwarten und Physiotherapie, statt zu operieren. «Hier können mehrere Millionen Franken pro Jahr gespart werden, ohne dass die Lebens- und Bewegungsqualität bei diesen Patienten eingeschränkt wird.» Verzichtet werden könne auch auf die teuren Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule bei Personen mit akuten Rückenschmerzen ohne ernsthafte Krankheitsanzeichen, sagt Jean-Michel Gaspoz, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin. Auch Antibiotikabehandlungen bei einer Stirn- oder Kieferhöhlenentzündung ohne besondere Alarmzeichen seien unnötig. «Wir reden hier nicht von Rationierung», sagt Gaspoz, «sondern von Verschwendungsvermeidung».

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