Den Swiss-Vertretern war am Mittwoch nicht so richtig zum Feiern zumute. Der Flughafen Zürich hatte zum Jahresend-Cocktail im Ballsaal des Hotel Radisson Blu geladen, rund 450 Gäste kamen. Doch während der Flughafen Zürich weiterhin fette Margen einfährt, gab es für die Swiss kurz vor Jahresende eine böse Überraschung. Die junge Etihad Airways aus Abu Dhabi übernahm vor einem Monat 33 Prozent der kriselnden Tessiner Regionalairline Darwin, nennt sie neu Etihad Regional und will damit Europa erobern – von Genf und Zürich aus, den wichtigsten Flughäfen der Swiss. Die neue Regionalflotte soll die Mutter-Airline im ölreichen Golfemirat Abu Dhabi und ihre Partner-Airlines mit Passagieren für die Langstreckenflüge füttern. Mit Preisen, die die europäischen Traditionsairlines das Fürchten lehren.

Für die Swiss bedeutet die Geburt von Etihad Regional, dass spätestens jetzt das Horrorszenario, von dem die Branche seit Jahren warnte, Realität geworden ist: Die Araber sind hier. «Bei der Swiss sind die Leute extrem nervös», sagt ein Brancheninsider. «Man weiss nicht, wie gross die Sache mit Etihad Regional wird, und das bereitet ihnen Angst.» Offenbar macht man sich deshalb bei der Swiss nun Gedanken, Schützenhilfe in Bern zu beantragen. «Man muss sich schon überlegen, ob die Schweizer Aviatik Airlines wie Etihad in Europa einfach so schalten und walten lassen soll», sagt ein Swiss-Manager. «Mit ihren staatlichen Subventionen sind sie schliesslich extrem wettbewerbsverzerrend.»

Öffentlich wagt sich die Swiss, die der deutschen Lufthansa gehört und selber nur dank staatlicher Starthilfe existiert, nicht zu weit aus dem Fenster: «Wir beobachten die Situation und die Entwicklungen genau», sagt Sprecherin Myriam Ziesack. Beim Bundesamt für Zivilluftfahrt hat die Schweizer Fluggesellschaft aber bereits lobbyiert. «Die Swiss hat sich auf informellem Weg bei uns Gehör verschafft und uns ihre Sorgen mitgeteilt», bestätigt Sprecher Urs Holderegger.

Die Etihad-Offensive kommt für die Swiss zur Unzeit: In Genf versucht sie zurzeit mit beträchtlichen Investitionen und Kampfpreisen, den Anschluss an die dominierende Billigairline Easyjet zu schaffen. In Zürich zog sie im Gebührenstreit gegenüber dem Flughafen den Kürzeren. Und in Basel, wo Easyjet einen Marktanteil von 50 Prozent hält, musste sie ihre Wachstumspläne schon länger begraben.

Derweil nimmt die Strategie von Etihad Regional langsam Konturen an. Laut mehreren Einträgen in gewöhnlich verlässlichen Aviatik-Foren wird Etihad 16 Maschinen des Typs ATR-72-600 mit je rund 70 Sitzplätzen kaufen. In welchem Umfang sie die bestehenden zehn Saab-Maschinen ersetzen oder die Flotte vergrössern werden, bleibt abzuwarten.

«Die ATR-Maschinen würden Sinn machen», sagt Aviatik-Spezialist Hansjörg Bürgi. «Die Saab-2000 sind schliesslich bald 20 Jahre alt und wartungsintensiv.» Darwin-Chef Maurizio Merlo sagte nach Bekanntgabe des Etihad- Deals im Branchenmagazin «SkyNews.ch», dass man die ATR-Projekte «sehr aufmerksam» beobachte.

Die Turboprop-Maschine hat einen Listenpreis von 19 Millionen Dollar. 16 neue Flugzeuge würden also rund 300 Millionen Dollar kosten – ein Klacks für die Herrschaftsfamilie in Abu Dhabi, die Mitte November Flugzeugbestellungen über 25 Milliarden Dollar bekannt gab. Etihad-Regional-Sprecher Massimo Boni will auf die Informationen in den Foren nicht näher eingehen, sagt nur: «Entschieden ist noch nichts.»

Etihad Regional könnte auf einen Schlag noch grösser werden. Der «Zürcher Unterländer» berichtete über Spekulationen, dass die acht Airbus 319 und 320 der Belair, die unter Air-Berlin-Flagge fliegen, schon bald zur Etihad Regional stossen könnten. Etihad ist grösster Teilhaber der Air Berlin, die in finanziellen Nöten steckt. Insofern würde dieser Schachzug Sinn machen. Mit dem Verkauf der Belair-Maschinen würde Geld in die Berliner Kassen gespült und Etihad Regional könnte ihr Netz markant erweitern und Langstrecken-Flüge anbieten.

Die Beteiligungen von Air Berlin und Darwin sind Teil der grossen Expansionsstrategie von Etihad. Sie hält schon jetzt Anteile an Air Seychelles, Virgin Australia, der irischen Aer Lingus und der indischen Jet Airways. Zurzeit wird Etihad als Retterin der verlustschreibenden Alitalia gehandelt. Bis Mitte 2014 will Etihad Regional in der Schweiz 21 neue Strecken und 16 zusätzliche Destinationen lancieren.

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