VON YVES DEMUTH

Wenn heute um 10.15 Uhr Flug LH696 in Frankfurt abhebt, ist dies die erste reguläre Verbindung der Lufthansa in den Irak seit 20 Jahren. Die deutsche Fluggesellschaft fliegt die nordirakische Stadt Erbil deshalb wieder an, weil die Flug-Nachfrage «aufgrund der Ansiedelung ausländischer Firmen» wächst, wie Sprecher Boris Ogursky sagt. Zwar werden die 132 Sitzplätze in Business- und Economyklasse bei Weitem nicht gefüllt sein, doch Lufthansa ist vom Potenzial des Iraks so überzeugt, dass sie diesen Sommer auch Bagdad in den Flugplan aufnehmen wird.

Grosses Interesse am irakischen Markt hat auch der Industriekonzern Alstom, der am 1. Juli eine repräsentative Niederlassung in Bagdad eröffnen wird. Der Regionenverantwortliche werde zwar in Jordanien stationiert bleiben, erklärt Sprecher Stéphane Farhi. Doch ab Juli werden Mitarbeiter in Bagdad die ganze Alstom-Palette von Kraftwerkausrüstungen bis zu Transportmitteln anbieten. Alstom lieferte bereits Komponenten für drei irakische Kraftwerke sowie Lokomotiven für die irakische Eisenbahn.

Das Potenzial des irakischen Marktes wollen sich auch Schweizer Firmen nicht entgehen lassen: ABB ist momentan dabei, die rechtliche Registrierung einer Tochterfirma im Irak vorzunehmen, wie Sprecher Wolfram Eberhardt sagt. Vorerst ist der Schweizer Energie- und Automatikkonzern im Irak nur als Zulieferer tätig und lässt sich durch ein Verkaufsbüro vertreten.

«ABB schliesst jedoch nicht aus, in absehbarer Zeit eine eigene Niederlassung im Irak zu eröffnen», sagt Eberhardt. Aufgrund der Sicherheitslage seien aber vorerst nur ein paar wenige ausländische Mitarbeiter im vergleichsweise sicheren Nordirak stationiert.

Das Schwyzer Logistikunternehmen Kühne & Nagel arbeitet im Irak vorab mit lokalen Unternehmen zusammen. Der Konzern baut jedoch momentan eine eigene Repräsentanz auf. «Selbstverständlich ist die Sicherheitssituation angespannt, trotzdem ist der irakische Markt für Logistikdienstleister interessant», sagt Sprecherin Inge Lauble.

Einen lokalen Verkaufspartner in Bagdad hat auch der Winterthurer Industriekonzern Sulzer, der unter anderem Pumpen für den Öl- und Gasmarkt herstellt. Der Irak biete bedeutende Geschäftsmöglichkeiten, im Moment sei die Sicherheitslage aber noch «recht schwierig», sagt Sprecher Thomas Gerlach.

Die Ingenieurfirma AF-Colenco, die an der Planung des Ilisu-Staudamms beteiligt war, verzichtet hingegen auf Aufträge im Irak – trotz entsprechender Anfragen. «Die Sicherheitsfrage erachten wir als noch nicht gelöst», erklärt Finanzchef Bruno Pianzola.

Obwohl seit Anfang Jahr im Irak 895 Zivilisten getötet wurden, nimmt der Warenverkehr mit dem Irak stark zu. So wurden 2009 Güter im Wert von 111 Millionen Franken in den Irak exportiert, 31,3 Prozent mehr als im Vorjahr, wie die Schweizer Aussenhandelsstatistik zeigt.

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