Auch der Kurdirektor macht mal Ferien. Mit seinen drei Kindern ist Pascal Jenny, Tourismuschef von Arosa, mitten in der Nebensaison verreist. «Herrlich» sei das, in der Zeit ohne Schulferien. «Die Preise sind tiefer, es ist nicht überfüllt. Und die Kinderprogramme sind ein Erlebnis, auch weil die Betreuer Zeit haben.» Von dieser Idylle sollen künftig nicht nur Gäste profitieren, sondern auch der serbelnde Inland-Tourismus. Jenny lanciert eine Idee, welche die Branche verändern könnte: Die Schulferien in der Schweiz sollen anders gestaffelt werden. Das führe dazu, dass mehr Schweizer ihre Ferien hierzulande verbringen.

Unterstützung erhält Jenny auf breiter Front. Mehrere Tourismusverbände und Politiker machen sich für das Anliegen stark. Das hat Gründe: Die Alarmglocken der Tourismus-Branche läuten Sturm, die heimischen Gäste bleiben aus, werden aber mehr gebraucht denn je (siehe Artikel rechts). Konkret will Jenny die Winterferien bis Ostern strecken. So sinke das Risiko, dass keine Zimmer mehr verfügbar sind, was im Februar oft der Fall sei. So könnte «eine hohe Auslastung über fast zweieinhalb Monate gewährleistet werden».

Die neu gegründete Tourismus-Partei, deren Präsident Jenny ist, wird die Ferien-Staffelung nun politisch angehen. In jedem Kanton soll ein Politiker gefunden werden, der sich das Projekt auf die Fahne schreibt.

Doppelt so teuer im Sommer
Support kommt von CVP-Nationalrat Dominique de Buman, einem der einflussreichsten Tourismus-Vertreter. Man könnte ihn als obersten Schweizer Touristiker bezeichnen: Er ist Präsident von Seilbahnen Schweiz und zugleich Präsident des Schweizer Tourismus-Verbandes (STV). Das ist der Dachverband des Schweizer Tourismus, er vertritt die Interessen der touristischen Anbieter in Politik, Behörden und Öffentlichkeit. De Buman sagt: «Die einheimischen Gäste sind die Stütze des Tourismus, insbesondere in Zeiten eines starken Frankens.» Bei den Schweizern habe der Tourismus noch viel Potenzial. Das Problem sei, dass die Ferien heute auf wenige Hochsaison-Wochen konzentriert sind. Sie müssten sich über eine viel längere Zeit erstrecken. So würden sich die Preisunterschiede zwischen der teuren Hauptsaison und der günstigen Zwischensaison verkleinern.

In Arosa kostet eine Woche in einem 4-Sterne-Hotel Mitte Juni beispielsweise 870 Franken. Dasselbe Hotel verlangt in der Hochsaison Ende Juli 1500 Franken, also fast doppelt so viel. De Buman verweist ausserdem darauf, dass die Gästezahlen etwa aus den einst hoffnungsvollen Märkten China und Russland sehr unbeständig seien. «Ein grosser Teil der Zukunft des Schweizer Tourismus sind die Schweizer.»

Andere Ferientermine kommen in vielen Regionen gut an. So hat der Tessiner Verkehrsverband die Idee in der Vergangenheit bereits unterstützt. Weitere Destinationen kommen nun hinzu. In Davos/Klosters heisst es, man befürworte eine weitere Staffelung. So könnten die Spitzen geglättet werden. Und Hotellerie-Suisse-Präsident Andreas Züllig will auch im Frühling, Sommer und Herbst grössere Differenzen in den Ferienplänen. «In den bevölkerungsreichen Kantonen des Mittellandes wäre es sehr hilfreich, wenn sie sich untereinander koordinieren könnten», sagt er. Besonders die Herbstferien finden heute in den meisten Kantonen zur selben Zeit statt.

Reaktion der SNB «unrealistisch»
Die Ferien-Forderung hängt damit zusammen, dass der Tourismus den Glauben an eine Entspannung der Währungssituation verloren hat. «Wir müssen lernen, mit einem Euro-Kurs von 1.10 zu leben», sagt Jean-François Roth, Präsident von Schweiz Tourismus und ehemaliger jurassischer Ständerat. Forderungen, die Nationalbank müsse einen neuen Mindestkurs einführen, beispielsweise bei 1.15, unterstützt er nicht: «Das ist unrealistisch.»

Basler Ferien ohne Zürcher
Doch wie schnell liessen sich die Schulferien verschieben? Die Kantone legen die Termine fest, meistens mehrere Jahre im Voraus. So sind beispielsweise die Feriendaten beider Basel bis Sommer 2020 terminiert. Der Basler Christoph Eymann, Präsident der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz, steht der Idee der Tourismusbranche trotzdem positiv gegenüber. Viele Familien würden die Ferien gern in der Schweiz verbringen, sagt er. Das gelte auch für ihn. «Bei einem Vorstoss werden wir uns sicher mit den Terminen befassen.»

Es wäre nicht das erste Mal, dass Ferienwochen verschoben werden. Um neben den Sport- auch Fasnachtsferien zu haben, hat Basel vor 10 Jahren eine Woche der Frühlingsferien in den Februar verlegt. Welchen Einfluss solche Änderungen auf den Tourismus haben können, hat Eymann damals selbst erlebt. Er war mit der Familie auf der Lenzerheide und unterhielt sich mit einem Skilehrer, der sich über die vollen Pisten beschwerte: «Wenn ich den erwische, der den Baslern zeitgleich mit den Zürchern Ferien gegeben hat, dann knallts», ärgerte sich der Mann. «Da bin ich schön ruhig geblieben», sagt Eymann und schmunzelt.

Klagen gab es auch 2013, als die Sommerferien wegen eines Vorstosses nach hinten verschoben wurden. «Dann beschwerten sich Eltern, dass Flüge in die Hochpreiskategorie fallen.» Gemäss Eymann sind die Reaktionen in den Ferienfragen immer geteilt. «Die Hälfte findet es toll, die anderen wollen nichts ändern.» Aus diesem Grund würde er empfehlen, die Diskussion in den kantonalen Verbänden zu vertiefen. «Sie wissen am besten, welche Wünsche die Eltern, Lehrer und Schüler haben.» Immer wieder melden sich Lehrer bei Eymann, die zwischen den Herbst- und Weihnachtsferien eine Woche frei haben möchten, weil die Schüler Ende Jahr am Anschlag sind.

«Kein Wunschkonzert»
Ob die Schulferien den Interessen des Tourismus untergeordnet werden sollen, ist selbstredend umstritten. «Die Sport- und Sommerferien sind schon heute gestaffelt», sagt SP-Nationalrat Matthias Aebischer. «Das ist sinnvoll.» Darüber hinaus könne die Schule aber nicht auf alle Wünsche der Wirtschaft Rücksicht nehmen. Die Interessen der Hotellerie, der Skibetriebe, der Bauern, der Weinbauern oder der Schifffahrtsgesellschaften seien ohnehin unterschiedlich. Die Ferientermine zwischen den einzelnen Kantonen noch stärker zu differenzieren, sei deshalb keine Lösung. «Die Schule ist kein Wunschkonzert», sagt Aebischer.

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