VON HANSJÜRGEN MAURUS

Bob Lutz, Milliardenverluste bei GM, Toyota, Nissan, Ford, Daimler. Fiat mit einem gewaltigen Schuldenberg. Und VW und Porsche im Streit um eine Fusion. Wohin steuert die Automobilindustrie?
Wenn wir beim heutigen Nachfragestand bleiben, sehe ich für das Fortbestehen der weltweiten Automobilbranche sehr schwarz. Beim gegenwärtigen Nachfrageeinbruch in den USA von 40 bis 45 Prozent kann die weltweite Automobilindustrie in ihrer jetzigen Form nicht fortbestehen. Denn für viele Firmen, nicht nur für die grossen Amerikaner, sondern auch für Toyota, Honda oder Nissan sind die USA bei weitem der ertragreichste Markt. Zudem bleiben die Fixkosten und Verpflichtungen konstant, egal, wie gross die Nachfrage ist. Deshalb ist die Branche bei einem starken Nachfrageeinbruch sehr gefährdet, denn die Einnahmen sinken schnell, aber die Kosten bleiben.

Wer hat hier versagt?
Amerikanische Politiker, Medien und die Regierung machen den Fehler, dass sie der US-Automobilindustrie Versagen und falsche Produkte vorwerfen. Die haben keinen Schimmer, dass es mittlerweile den Japanern und den Europäern genauso schlecht geht. Diese haben zu Beginn der Krise nur einen grösseren Geldvorrat gehabt und können noch eine Zeit lang vom Fett leben. Die Situation ist aber für alle gleich kritisch.

Das hört sich an, als ob es ums nackte Überleben der Branche geht.
Ich glaube nicht, dass die deutsche Regierung zuschauen würde, wie Daimler, BMW oder VW untergehen. Dies hätte unglaubliche Konsequenzen für das Vertrauen der Firmen untereinander, die Wirtschaft und die Arbeitslosigkeit. Genauso wenig wird Japan Toyota, Nissan oder Honda untergehen lassen – und Sie sehen ja, was die US-Regierung mit GM und Chrysler vorhat.

Warum braucht Ford keine Staatshilfe?
Ford steht etwas besser da, weil man zu Beginn der Krise etwas mehr flüssige Mittel hatte. Aber wenn die Krise im heutigen Tempo weitergeht, dann sehe ich für jede Firma in den USA, die mit dem Automobilgeschäft zu tun hat, ähnliche Folgen. Für mich ist der wahrscheinlichste Ausgang die Intervention der Regierungen. Wenn die Firmen finanziell einigermassen stabilisiert sind, kann man an Fusionen arbeiten. Aber es wird nicht mehr so sein wird wie früher mit lauter ausgelasteten Werken, Vollbeschäftigung und zufriedenen Zulieferern.

Wie hoch sind die Überkapazitäten in der Branche?
Es gibt weltweit eine massive Überkapazität von schätzungsweise 50 bis 60 Prozent. Das wird zwangsläufig zu Werkschliessungen und Reduzierung der Kapazität führen . . .

. . . und zu Massenarbeitslosigkeit?
Wir müssen einen Mittelweg finden zwischen sozial und volkswirtschaftlich vernünftigem Handeln. Den gleichzeitigen Kollaps der weltweiten Automobilindustrie kann man nicht dulden, weder in der EU noch den USA, in Japan oder China. Niemand kann sich diesen Zusammenbruch leisten. Ein Mittelweg wäre, die Kapazität minimal zurückzufahren, sagen wir 10 bis 20 Prozent. Wenn sich die Wirtschaft langsam erholt, könnten weitere Kapazitätskürzungen vorgenommen werden. Dann hätte man bessere Chancen, die freigesetzten Arbeitnehmer woanders aufzufangen.

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