Herr Tosato, wie lange werden wir noch tiefe Zinsen haben?
Massimo Tosato: Die Zinsen fielen von einem sehr hohen Wert im Jahr 1982 bis auf das heutige sehr tiefe Niveau. Wir sprechen also von einer sehr langen Periode. Den Tiefpunkt haben wir in den vergangenen zwei Jahren erlebt. Vielleicht steigen die Zinsen in zwei Jahren oder vielleicht auch erst in zehn. Wir wissen es nicht.

Das ist für Anleger nicht einfach.
Seit wir tiefe Zinsen haben, ist die gesamte Finanzbranche auf der Suche nach Alternativen. Das ist der Grund, warum Immobilien wieder gesucht sind und warum auch Infrastruktur-Projekte plötzlich wieder interessant werden.

Aber auch exotische Anlageklassen sind derzeit gefragt, wie Kunst.
Das ist ein Phänomen, das wir schon lange beobachten. Ich würde Kunst als Anlage jedoch nur absoluten Profis empfehlen, weil sehr grosse Risiken bestehen. Es braucht viel Wissen und Zeit, aber auch viel Kapital, um überhaupt in dieses Geschäft einzusteigen.

Wieso besinnen sich Anleger auf klassische Werte?
Zumindest in Europa ist das nichts Neues. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Immobilien wichtig für die finanzielle Absicherung von älteren Menschen. Man kaufte sich ein Haus oder zwei, um Einkommen im Alter zu erzielen.

Und Staatsanleihen gehörten früher auch in jeden Haushalt.
Staatstitel spielten eine ähnliche Rolle. Sie lieferten verlässliche Einkommensströme im Alter. Beiden waren die wichtigsten Vermögensanlagen bis Ende der 1970er-Jahre. In Belgien oder Italien dauerte diese Phase bis in die frühen 90er-Jahre. Erst mit den tiefen Zinsen, die der Euro brachte, gab es eine Abkehr zu «moderneren» Anlagen.

Wann kommt der Risikoappetit zurück?
In den letzten 18 Monaten beobachteten wir grössere Kapitalflüsse zu sogenannten High-Yield-Anlagen, also Unternehmensanleihen, die einen hohen Zins abwerfen und entsprechend risikoreich sind. Auch sehen wir einen Trend zu europäischen Aktien, die tief bewertet sind.

Die tiefen Zinsen haben zur Folge, dass bei Schweizer Privatbanken die Margen stark unter Druck kommen.
Privatbanken müssen lernen, mit Bruttomargen zwischen 60 und 70 Basispunkten zu leben. Das ist ein ziemlich grosser Sprung zu den Zeiten, als Margen noch von deutlich über 100 Punkten verdient wurden.

Jüngst sorgte ein Urteil des Bundesgerichts für Aufsehen in der Schweiz. Es verlangt, dass Verkaufskommissionen, welche die Bank von Fondsanbietern bekommen, dem Kunden gehören. Welche Auswirkungen hat dieses Urteil auf Ihre Branche?
Nicht nur in der Schweiz, überall zeichnet sich dieser Trend ab. In Europa gibt es derzeit grosse Diskussionen zu diesem Thema in Zusammenhang mit der definitiven Version der Mifid-II-Regeln. In Grossbritannien können Banken bereits heute keine Rabatte mehr einstecken, und in den USA tritt ein entsprechendes Gesetz auf Anfang Jahr in Kraft. Für unseren Teil haben wir bereits einen Grossteil des Geschäfts den neuen Realitäten angepasst.

Trotzdem gibt es Befürchtungen, dass nicht alle gleich lange Spiesse haben werden. Sehen Sie das auch so?
Meine grosse Besorgnis ist -- damit spreche ich auch als Vizepräsident der European Fund and Asset Management Association --, dass nicht alle Produkte gleich behandelt werden. Wir meinen, jedes Produkt, das den gleichen Zweck erfüllt, soll auf die gleiche Art und Weise behandelt werden. Das bedeutet insbesondere, dass auch bei Versicherungsprodukten und strukturierten Produkten die gleichen Transparenz-Regeln herrschen sollten. In Versicherungsprodukten befinden sich schnell einmal 4 bis 6 Prozent versteckte Gebühren, die nicht ausgewiesen werden müssen. Dagegen wehren wir uns.

Wie wichtig ist der Standort Schweiz für Schroders?
Die Schweiz ist für uns der zweitwichtigste Markt. Deshalb ist es unser ureigenes Interesse, dass sich die Schweiz gut entwickelt. Wir vertreiben hier nicht nur Produkte, sondern produzieren auch verschiedene Fonds.

Kommt der Schweizer Finanzplatz aus seiner derzeitigen Krise ?
Die Schweiz hat das Potenzial, ihre Position als wichtiger Privatbanking-Standort zu behaupten. Die Voraussetzungen sind ideal: die Sicherheit, der eigene Rechtsrahmen, die politische Stabilität. Voraussetzung ist natürlich, dass die Schweizer Vermögensverwalter auch einen exzellenten Job machen und ihre Expertise bei der Zusammenstellung von Kundenportfolios und Anlageklassen weiter verbessern.

Nicht alle Banken können das?
Gewisse Banken gehen aber sehr stark in diese Richtung, so habe ich grossen Respekt vor einer Bank wie Pictet. Wenn es den Banken gelingt, gute Renditen und eine hohe Servicequalität für die Kunden zu liefern, dann hat die Schweiz eine Zukunft als internationaler Sparhafen. Es geht dabei nicht mehr um Steuerflucht, sondern vielmehr um Qualität.

Wird das gelingen?
Vorerst wird es schwierig. Viele Staaten werden die Abgeltungssteuer einführen wollen. Das führt dazu, dass die Banken auf einen Schlag 35 bis 40 Prozent der unversteuerten Anlagen verlieren werden. Das wird die Banken sehr viel Geld kosten.

Kann die Schweiz diese Abflüsse kompensieren?
Die Schweizer müssen versuchen, die Gelder durch Zuflüsse aus den aufstrebenden Volkswirtschaften Osteuropas und Lateinamerikas zu kompensieren. Asien wird nicht in die Bresche springen können, da die meisten Gelder in Singapur oder Hongkong gebucht werden – teilweise auch bei Schweizer Banken. Und der amerikanische Markt ist bekanntlich tot. Ich glaube, am Schluss dieses Prozesses wird die Schweiz erfolgreich sein. Aber die nächsten fünf Jahre werden hart sein.

Was wird ihr nicht gelingen?
Fragezeichen habe ich, ob es dem Finanzplatz gelingt, individuelle Anlageklassen aufzubauen und Basisprodukte zu entwickeln. Dafür ist die Schweiz zu wenig bedeutend im Vergleich zu New York oder London.

Schroders hat eine kleine Privatbank in der Schweiz. Viele Auslandsbanken ziehen sich derzeit aus der Schweiz zurück. Gehört Schroders auch dazu?
Nein. Es gibt keinen Grund dazu. Vielleicht bietet sich uns im momentanen Umfeld sogar eine Übernahme-Chance, wer weiss ...

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