Der Präsident von Gastro Suisse, Casimir Platzer, nannte den Abwärtstrend im Tourismus jüngst «angsteinflössend». In einem Gastbeitrag für die «Schweiz am Sonntag» rief er die Schweizerische Nationalbank (SNB) zum Kurswechsel auf. Der Bundespräsident Johann Schneider-Ammann solle einen Tourismus-Gipfel einberufen. «Der courant normal reicht nicht aus.»

Schneider-Ammann reagierte erst zurückhaltend und liess bloss einen persönlichen Mitarbeiter bei Platzer vorsprechen. Doch am Fest zum 125-Jahr-Jubiläum von Gastro Suisse bot der FDP-Bundesrat überraschend Hand für einen Krisen-Gipfel. «Mein Angebot haben Sie», versprach der Bundespräsident Mitte dieser Woche den 600 anwesenden Hoteliers und Gastwirten in der Stadthalle von Olten SO.

Erstmals mit einem Defizit
Neue Daten zeigen, dass der Tourismus weiter leidet. Seit Jahrzehnten erwirtschaftet die Schweiz im Tourismus jedes Jahr einen schönen Überschuss. Ausländische Gäste gaben hierzulande regelmässig mehr aus, als Schweizer Touristen im Ausland liegen liessen. Doch im Jahr 2015 ist dieser traditionelle Überschuss auf kümmerliche 0,2 Milliarden geschrumpft – der schlechteste Wert seit vierzig Jahren. 2010 waren es noch 3,7 Milliarden gewesen. Das zeigen provisorische Zahlen der SNB zur Fremdenverkehrsbilanz, die nicht gesondert veröffentlicht werden.

Ein Blick in die Quartalszahlen für 2015 zeigt ein noch düstereres Bild. Die Schweiz kam wohl nur deshalb um ein Tourismus-Defizit herum, weil der Frankenschock im ersten Quartal noch nicht voll durchschlug. «Als die Nationalbank den Mindestkurs am 15. Januar aufhob, hatten viele die Ferien schon gebucht», erklärte der emeritierte St. Galler Professor Franz Jaeger.

So kam die Schweiz im ersten Quartal noch auf einen Überschuss von 0,7 Milliarden. Im weiteren Jahresverlauf hinterliess der Frankenschock dann deutliche Spuren. Im vierten Quartal wuchs das Defizit auf 0,4 Milliarden Franken an. «Auch das dürfte der schlechteste Wert seit vierzig Jahren gewesen sein», sagt Jaeger.

Noch vor dem Sommer
In diesem Jahr wird der negative Trend wohl angehalten haben. «Nach allem was wir wissen, war es ein schlechter Winter», sagt Jaeger. Er geht davon aus, dass die Schweiz dieses Jahr erstmals eine negative Fremdenverkehrsbilanz haben wird. «Ich wäre positiv überrascht, wenn es anders käme.» Der Tourismus komme nicht zurecht mit der Frankenüberbewertung. «Die Branche bemüht sich redlich, aber sie hat schlicht weniger Möglichkeiten, sich anzupassen, als andere Branchen.»

An der Gastro Suisse-Feier einigten sich Schneider-Ammann und Platzer bereits auf das weitere Vorgehen. «Zur Vorbereitung wird zunächst innerhalb der Branche in kleinen Arbeitsgruppen über leicht umsetzbare Massnahmen diskutiert», sagt Gastro Suisse-Präsident Platzer. Gleichzeitig erwarte er natürlich auch Vorschläge vom Bundespräsidenten selbst. «Immerhin verfügt sein Departement über riesige Ressourcen.» Einen festen Termin für den Krisengipfel gebe es zwar noch nicht. «Aber er wird mit Sicherheit noch vor den Sommerferien stattfinden.»

Platzer erhofft sich eine Entlastung durch einen Bürokratieabbau oder klügere gesetzliche Regeln, die beispielsweise Parallelimporte ermöglichen sollen. Diskutieren will er die Geldpolitik der Nationalbank. «Es sollte geprüft werden, ob die SNB nicht mehr für die Schwächung des Frankens tun kann.» Er habe Signale von anderen Verbänden aus dem Handel und der Industrie erhalten, die ebenfalls solche Massnahmen besprechen wollen.

Derweil mahnt Adolf Ogi zur Eile. Der Alt-Bundesrat hatte im Winter die Idee eines Tourismus-Gipfels lanciert. Seither haben sich die Probleme im Tourismus seiner Ansicht nach verschärft. «Damals gab es die Hoffnung auf eine passable Wintersaison. Diese Hoffnung hat sich zerschlagen.» Nach dem Wegschmelzen des Schnees sei es unbestreitbar, dass es dem Tourismus sehr schlecht gehe. «Wir brauchen dringend Massnahmen, damit dieser wichtige Zweig unserer Wirtschaft nicht zugrunde geht.» Gelinge keine Kehrtwende, drohe in den Bergtälern eine Abwanderung. «Das wäre später nicht mehr rückgängig zu machen.»

Gemäss Ogi müssen möglichst viele Akteure aus dem Tourismus einbezogen werden. «Schweiz Tourismus etwa, die Vermarktungsorganisation, sollte an einem Gipfel teilnehmen. Sie sollte sich beispielsweise fragen, ob ihre Werbung an die richtige Zielgruppe adressiert und effizient ist.» Hotellerie, Gastronomie, Bergbahnen, Verkehrsvereine, Ski- und Snowboard-Schulen, Sportartikel-Industrie – sie alle seien aufgerufen, sich mit eigenen Ideen einzubringen.

Fehlende Gastfreundschaft
Gleichzeitig warnt Ogi, der Tourismusgipfel dürfe nicht zur Symbolpolitik verkommen. «Es gibt da einen politischen Trend, einen Gipfel abzuhalten und danach wieder zur Tagesordnung überzugehen. Das darf in diesem Fall nicht passieren. Es muss ein Paket von Massnahmen herauskommen.» Tabus dürfe es dabei keine geben. «Auch wenn das viele im Tourismus nicht gerne hören: Wir haben bei der Gastfreundschaft nach wie vor grossen Aufholbedarf.»

«Auch über die Nationalbank sollte man diskutieren. Wohlwissend, dass man ihre Politik nicht beeinflussen kann und will», sagt Ogi. Man könne es nicht wegdiskutieren: Der Negativtrend im Tourismus sei weitgehend durch die Aufhebung des Mindestkurses eingeleitet worden. «Bereits zuvor hat die Schweiz als kostspielig gegolten. Dann wurden wir auf einen Schlag 10 bis 20 Prozent teurer.» Schliesslich fordert Ogi Ideen, wie einheimisches Personal vermehrt für die Gastronomie gewonnen werden kann. «Und wie die Bürokratie im Tourismus markant abgebaut wird. Das ist dringend nötig!», sagt der ehemalige Verkehrsdirektor von Meiringen-Haslital BE.

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