Herr Schneider-Ammann, der Schweizer Franken ist für viele Unternehmen nach wie vor ein Problem. Wie sehen Sie das?

Johann Schneider-Ammann: Ich teile diesen Eindruck. Zwar ist der Euro zuletzt etwas stärker geworden. Der Frankenschock ist aber noch nicht überall komplett verdaut. Insgesamt konnte die Schweizer Wirtschaft den Schock jedoch überraschend gut abfedern. Die Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit unserer Unternehmen und ihrer Mitarbeitenden hat mich einmal mehr beeindruckt. Die Zuversicht wächst wieder. Viele Unternehmen kamen aber nur mit einem Verzicht auf Margen durch die schwierige Phase. Damit blieben Investitionen aus. Ich hoffe, dass dafür nicht noch eine negative Quittung kommt.

Die hohen Lohnkosten werden immer wieder als hemmender Faktor angesehen für den Werkplatz. Stimmt das?

Das hohe Lohnniveau spiegelt auch die hohe Produktivität der Schweizer Wirtschaft wider, Kaufkraft und Lebensqualität. Das ist grundsätzlich etwas Positives. Aber es stimmt, die Schweiz ist generell kein günstiges Land, um zu produzieren, nicht nur wegen der Lohnkosten. Dafür verfügt die Schweiz auch über höchst qualifizierte Fachkräfte, die beste Qualität herstellen, vermarkten und vertreiben. Die Löhne sind in der Schweiz Sache der Sozialpartner – und nicht des Wirtschaftsministers. Ich engagiere mich dort, wo ich etwas bewirken kann: für weniger Bürokratie, für die Sicherung der Flexibilität, für offene Märkte.

Lange war die Auslagerung die einzige Alternative. Gibt es andere?

Das war schon in meiner Zeit als Swissmem-Präsident ein Dauerthema. Damals sah die Bilanz ernüchternd aus: Ein Drittel der Firmen, die auslagerten, kam wieder zurück. Ein Drittel ging ein. Und nur ein Drittel hatte Erfolg. Vergessen wir aber nicht: Viele Firmen investieren auch im Ausland, um sich gerade damit so breit abzustützen, dass ihr Schweizer Standort gesichert werden kann. Mein Fokus liegt darauf, die Rahmenbedingungen in der Schweiz so attraktiv zu gestalten, dass auch in Zukunft industrielle Tätigkeit in unserem Land möglich ist. Zahlreiche Firmen zeigen Tag für Tag, dass dies heute noch der Fall ist. Ich danke ihnen – und mache ihnen Mut: Ihr habt unsere Unterstützung!

Die Konkurrenz aus dem Ausland schläft nicht. Sie bietet die Produkte oft viel günstiger an als Schweizer Hersteller. Können Schweizer Unternehmen noch punkten?

Ginge es um die Preise allein, könnten wir häufig nicht mithalten. Das ist nicht neu. Schweizer Produkte und Dienstleistungen machen den Unterschied mit Innovation, Qualität und Service. Damit haben wir weltweit Erfolg und überzeugen auch die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten. Den anderen immer einen Schritt voraus sein – dann, und nur dann, können wir punkten!

Fehlt es den Schweizer Kunden an einem nationalen Gewissen?

Ich bin ein überzeugter Liberaler. Und ich habe Verständnis zum Beispiel für Familien, die auf jeden Franken schauen müssen und deshalb ein günstiges Angebot suchen. Die Konsumenten müssen selber entscheiden, wo sie ihre Produkte beziehen möchten. Der Wirtschaftsminister kann ihnen nicht vorschreiben, in der Schweiz einzukaufen. Aber jeder soll wissen, dass er damit einen Beitrag leisten kann, um in unserem Land Arbeitsplätze und Wohlstand zu erhalten. Das kommt jedem Einzelnen wieder zugut. Auch zum Einkaufstourismus gilt: Wenn wir es dank besserer Rahmenbedingungen schaffen, dass die Kosten sinken, dann sinken auch die Preise. Das ist das beste Rezept gegen Einkaufstourismus.

Was kann die Politik unternehmen, um den Schweizer Unternehmen zu besseren Rahmenbedingungen zu verhelfen?

Wir haben zwei Hebel. Erstens: runter mit der Bürokratie. Das bedeutet zum Beispiel den Abbau kostentreibender Regeln und administrativer Belastungen oder die Vereinfachung von Bewilligungsverfahren. Zweitens: die Schranken für den Handel zu beseitigen oder wenigstens so tief wie möglich zu halten. Mein Departement arbeitet derzeit an einem Massnahmenpaket für Importerleichterungen zur Bekämpfung der Hochpreisinsel Schweiz. In einigen Monaten wird der Bundesrat sich damit beschäftigen.

Wie sollen diese aussehen?

Es ist noch zu früh, um auf einzelne Massnahmen einzugehen. Diese werden derzeit noch erarbeitet.

Braucht es für die industriell hergestellten Güter nicht auch einen Zollschutz, wie ihn die Landwirtschaft geniesst?

Im Gegenteil: Die Schweiz profitiert stark von offenen Märkten. Jeden zweiten Franken verdienen wir im Handel mit dem Ausland. Wenn wir die Zölle auf importierte Güter erhöhen würden, täten die anderen Länder das Gleiche gegenüber unserem Export. Ein weiterer Grund: Oftmals importieren Schweizer Unternehmen Vorleistungen, leisten hier eine hohe Wertschöpfung und exportieren die Güter weiter ins Ausland. Das dürfen wir nicht erschweren. Protektionismus wäre Gift für unseren Wohlstand.