VON FLORENCE VUICHARD, PATRIK MÜLLER

Nach der UBS-Rettung war er der Held der Nation, nun steht er in der Dauerkritik der Rechten. «Vielleicht sollte ich nicht nur beim Skifahren Helm und Rückenpanzer tragen», sagt Philipp Hildebrand. Er spricht über die Abhängigkeit des Frankens von Europa, die Notwendigkeit einer offenen Schweiz und die Folgen der Umwälzungen in Arabien.

Herr Hildebrand, die Volksaufstände im arabischen Raum verunsichern die Märkte. Wie gefährlich ist das für die Wirtschaft?
Philipp Hildebrand: Wir haben nun zusätzlich ein geopolitisches Risiko, das weitreichende Folgen haben kann. Längerfristig aber bieten diese Umwälzungen enorme Chancen für das politische globale System. Ob letztlich die Risiken oder die Chancen überwiegen, ist zurzeit schwer abzuschätzen. Eines lässt sich aber bereits sagen: Das Thema Nahrungsmittel-Inflation ist im Zusammenhang mit den Volksaufständen von zentraler Bedeutung.

Sie meinen die hohen Lebensmittelpreise, welche die Proteste mit ausgelöst haben?
Es zeigt sich in aller Deutlichkeit, wie problematisch eine hohe Inflation ist – denn sie trifft immer die Ärmsten. Ägypten gehört zu den Ländern, in denen die Nahrungsmittel im Warenkorb den höchsten Anteil haben: Sie machen rund 40 Prozent aus. Steigende Nahrungsmittelpreise treffen die Menschen dort deshalb sehr stark. Das hat gewaltige sozialpolitische Auswirkungen.

Der Ölpreis ist diese Woche wegen der Libyen-Krise angestiegen – wie stark heizt das die Inflation an?
Ein steigender Ölpreis birgt ein gewisses Risiko. Der Inflationsdruck ist global sehr unterschiedlich: In den aufstrebenden Ländern ist er offensichtlich; so haben Staaten wie China die Geldpolitik auch bereits gestrafft, um dem entgegenzuwirken. In den USA hingegen ist die Kerninflation tief – die Arbeitslosigkeit ist hoch. In der Schweiz haben sich die gestiegenen Ölpreise infolge des starken Frankens nur begrenzt niedergeschlagen.

Die gute Konjunktur könnte aber auch bei uns zu einem Preisschub führen.
In der Schweiz ist in der kurzen Frist die Preisstabilität gewährleistet. Was die Konjunktur angeht, ist es in der Tat so, dass wir zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise auch wieder ein gewisses Potenzial für eine positive Wachstumsüberraschung haben.

Wird der Franken als «sicherer Hafen» in Zeiten von Revolutionen und Aufständen noch stärker werden?
Es ist das übliche Muster. Die Unsicherheit hat die Nachfrage nach Schweizer Franken wiederum verstärkt. Die Frage ist, für wie lange. Wir wissen im Moment noch nicht, wie weitreichend die Folgen sind. Vielleicht sind sie vergleichbar mit 1989 in Europa.

Wie haben Sie die historischen Momente verfolgt, etwa den Aufstand auf dem Tahrir-Platz in Kairo?
Vor allem auf CNN. Das sind höchst eindrückliche Ereignisse, die man nicht so schnell vergisst.

Wie informieren Sie sich generell?
Ich habe meine Bloomberg-Bildschirme im Büro und auch zu Hause. Mittlerweile sind diese Informationen auch auf dem Handy abrufbar – leider, muss ich manchmal sagen. Zu Hause versuchen wir, die goldene Regel zu befolgen: Der Blackberry darf nicht ins Schlafzimmer. Da ist meine Familie ziemlich hart.

Lesen Sie auch Artikel über Sie selber?
Dafür haben wir unseren Mediensprecher. Er sagt mir dann, was ich lesen soll.

Nach der UBS-Rettung waren Sie der Held der Nation, jetzt sind Sie der Buhmann.
Geldpolitik ist ein Geschäft der Langfristigkeit. Dessen muss man sich als Notenbanker bewusst sein, auch wenn es die eigene Person betrifft. Man darf weder bei Lob noch bei Kritik überreagieren. Entscheidend ist die langfristige Stabilität – diese Sicht lernte ich zu verinnerlichen. Hinzu kommt, dass wir unter den Notenbankchefs international einen Austausch haben. Da haben es andere mindestens so schwer wie ich.

Warum haben Sie auf einmal so viele Feinde? SVP, mehrere Medien...
Das sind keine Feinde. Es gibt ein klassisches Muster in der Geschichte der Notenbanken: In normalen Zeiten interessiert die Notenbank niemanden. Bis 2007 wussten in Zürich nur wenige, wo eigentlich das Nationalbankgebäude steht – obwohl es sehr zentral liegt. In Krisenzeiten gerät die Notenbank auf einmal in den Fokus, weil sie als einzige Institution in einer extremen Situation sehr schnell und sehr weitgehend reagieren kann. Ihre Massnahmen lösen dann üblicherweise Diskussionen aus.

Früher kam die Kritik von links, nun erstmals von rechts. Und das, obwohl das SNB-Direktorium seit je in bürgerlicher Hand ist. Es gab noch nie ein SP-Mitglied in diesem Gremium.
Das Direktorium ist parteipolitisch unabhängig.

Bruno Gehrig war in der CVP, Hans Meyer in der FDP. Sind Sie parteilos?
Ja, ebenso meine beiden Kollegen im Direktorium. Das halte ich für wichtig und richtig. Dass die Kritik heute von einer Seite kommt, die sich früher vielleicht weniger mit der Geldpolitik befasst hat, mag damit zusammenhängen, dass unser Massnahmenkatalog, der in dieser Krise von uns angewandt wurde, sehr breit ist.

Oder damit, dass Sie als Internationalist gelten. Sind Sie für einen EU-Beitritt?
Das ist eine politische Frage, zu der sich die Nationalbank nicht äussert. Aus einer wirtschaftlichen Optik ist es zentral, dass die Bürger verstehen – und das tun sie auch –, dass wir eine der offensten und integriertesten Volkswirtschaften sind. Und dass Europa bei weitem unser wichtigster Handelspartner ist. Diese Feststellung mag nicht immer bequem sein, wenn man andere politische Ideen verfolgt. Unsere Integration in Europa und der Welt hat der Schweiz den Wohlstand ermöglicht; historisch gesehen waren wir ja ein armes Land. Deshalb sollten wir auch weiterhin der Offenheit und Integration verpflichtet bleiben.

Europapolitische Offenheit ist zurzeit schwer vermittelbar, denn der Schweiz geht es gut, während die EU-Länder in den Schulden versinken.
Es sind einzelne Länder, die eine Schuldenkrise haben. In diesem Kontext ist es tatsächlich nicht einfach, diese Offenheit zu vermitteln. Das ist aber nicht nur heute der Fall. Das hängt auch mit unseren Mythen zusammen. Im letzten Sommer war ich mit meiner kleinen Tochter am Vierwaldstättersee und habe ihr Sagen wie die von Tell erzählt – und dabei realisiert, dass ich hier Dinge erzähle, die so nicht stattgefunden haben... Dann habe ich versucht, meiner Tochter zu erklären, was ein Mythos ist.

Der Mythos der unabhängigen und selbstbestimmten Schweiz ist stark.
Mythen sind kulturell bedeutsam, aber wir müssen auch die Realität sehen – selbst wenn sie nicht populär ist. Wenn es ein Land gibt auf der Welt, das enorm von einem stabilen Europa profitiert, dann ist es die Schweiz. Schadenfreude gegenüber der EU wegen ihrer Probleme ist deshalb deplatziert.

Kann ein so kleines Land wie die Schweiz langfristig eine eigene Währung haben?
Letztlich kommt es darauf an, was um uns herum geschieht. Ich bin überzeugt, dass eine eigene Währung langfristig möglich ist, wenn das Umfeld ähnlich stabilitätsorientiert ist wie bei uns. Deshalb ist entscheidend – auch für uns –, dass Europa zu einer Stabilitätskultur zurückfindet: geldpolitisch, fiskalpolitisch, demografisch, strukturpolitisch.

Ihre Antwort ist relativierend. Sie sagen nicht einfach: «Ja, wir können langfristig eine eigene Währung haben.»
Machbar ist es immer, aber die Frage ist, was die Vor- und Nachteile sind.

Haben Sie die Anbindung des Frankens an den Euro je geprüft?
Das darf die Nationalbank gar nicht. Verfassung und Gesetz schreiben uns eine unabhängige Geld- und Währungspolitik vor.

Die Dänen haben ihre Krone an den Euro gebunden, Österreich früher den Schilling an die D-Mark. Mit Erfolg.
Würden wir das tun, hätten wir keine unabhängige Geld- und Währungspolitik mehr. Dazu bräuchte es in der Schweiz eine Verfassungsänderung.

Ist die dauernde Aufwertung des Frankens eine Tatsache, die wir in den nächsten Jahren einfach hinnehmen müssen?
Nicht, wenn Europa wieder stabiler wird. Die Gefahr einer weiteren Aufwertung im Ausmass wie in der jüngeren Vergangenheit dürfte auch deshalb limitiert sein, weil wir in der Schweiz eine sehr begrenzte Anzahl an Gütern und Wertschriften haben, die ausländische Anleger kaufen können. Wir haben einen kleinen Obligationenmarkt, einen kleinen Aktienmarkt, einen kleinen Immobilienmarkt. Darum manifestiert sich die Nachfrage nach Schweizer Franken nicht in effektiven Investitionen, sondern primär auf den Derivatemärkten. Das heisst, es handelt sich vorwiegend um temporäre Anlagen. Der Ausdruck «sicherer Hafen» ist so gesehen falsch, es ist vielmehr ein «temporärer Hafen» – eine kleine Bucht, die Schutz vor dem Sturm bietet, aber kein ausgebauter, permanenter Hafen mit Infrastruktur.

Warum drängen Sie so sehr darauf, dass das Schweizer Parlament den Kredit von 16,5 Milliarden Franken an den Internationalen Währungsfonds (IWF) für das Euro-Absicherungspaket absegnet?
Es geht in keiner Weise um «drängen». Das Parlament ist hier zuständig. Die Schweiz hat aber ein existenzielles Interesse daran, dass der IWF im Notfall handeln kann. Der IWF ist derzeit die einzige globale Institution, die multilateral in Krisen unterstützend wirken kann – und das seit Jahrzehnten.

Aber es ist schon befremdend, dass Europa beim IWF anklopft. Der IWF ist doch für Schwellen- und Entwicklungsländer da.
Es ist eine neue Realität. Vor der aktuellen Schuldenkrise war Grossbritannien als letztes so genanntes Industrieland auf die Hilfe des IWF angewiesen, weil es Schwierigkeiten mit der Zahlungsbilanz hatte. Das war 1977. Seitdem wirkt Europa eigentlich nur als Kreditgeber für den IWF. Jetzt, und wohl auch in den nächsten Jahren, ist der IWF ein wichtiger Teil des Stabilisierungsmechanismus für Europa.

Wie stark wackelt eigentlich der Schweizer Sitz im IWF-Exekutivrat?
Der Sitz wackelt nicht. Bis zu den nächsten Wahlen im Oktober 2012 ändert sich nichts. Die Frage ist, ob und inwiefern die Schweiz danach die alleinige Führung ihrer Stimmrechtsgruppe behalten kann – oder ob sie diese allenfalls in irgendeiner Form teilen muss.

Damit würde die Schweiz aber an Einfluss verlieren?
Das ist eine generelle Tendenz. Denn die Welt hat sich in den letzten fünf Jahren rasant verändert: Die grossen aufstrebenden Länder wie China, Indien und Brasilien mit ihren hohen Wachstumsraten sind sehr schnell sehr gross geworden. Darum haben auch traditionell einflussreiche Staaten wie Spanien, Italien oder Kanada – ja selbst die USA – nicht mehr die gleiche Stellung. Auch die Schweiz ist relativ gesehen kleiner geworden.

Sie stehen zurzeit unter Dauerdruck. Wir nehmen an, dass Sie sich als ehemaliger Profischwimmer ablenken, indem Sie schwimmen gehen?
Nein, ich schwimme nicht mehr oft. Aber ab und zu gehe ich zum Skifahren in die Berge.

Ist das nicht zu gefährlich?
Dieses Risiko reiht sich in eine Reihe von anderen Risiken ein. Ich fahre mit meiner Tochter, und die passt auf.

Mit Helm?
Immer mit Helm – und mit Rückenpanzer. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, diesen auch sonst zu tragen...

Zum Beispiel für die anstehende «Too big to fail»-Debatte. Glauben Sie wirklich, dass das Parlament harte Bankenregeln verabschieden wird?
Ich bin zuversichtlich. Denn wir haben eine sehr gute und pragmatische Lösung, die gemeinsam mit der obersten Führung der Grossbanken und in einem harten Prozess erarbeitet worden ist. Die Lösung ist gut, weil sie erstens das Risiko markant vermindert, dass die Schweiz systemrelevante Grossbanken retten muss – oder gar so endet wie Irland. Und zweitens: Die «Too big to fail»-Lösung verbessert die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes.

Die Banken argumentieren, die Regulierung beschneide ihre Wettbewerbsfähigkeit, weil sie viel mehr teures Kapital haben müssten als die ausländische Konkurrenz.
Die Welt hat sich verändert. Die Kapitalkosten werden sich erhöhen. Aber zum Teil kann mit den neuen Eigenkapitalarten bestehendes Hybridkapital und Fremdkapital ersetzt werden. Das ist bei der Gesamtkostenberechnung zu berücksichtigen. Ich bin überzeugt: In fünf Jahren wird der Markt diejenigen Finanzinstitute, die am besten kapitalisiert sind, am höchsten bewerten. Diese werden die tiefsten Refinanzierungskosten haben. In der neuen Welt wird eine starke Kapitalisierung ein klarer Wettbewerbsvorteil sein.

Dann wird sich UBS-Chef Oswald Grübel in fünf Jahren bei Ihnen bedanken müssen – dann als Rentner.
Wer weiss. Vielleicht bleibt er dem Finanzplatz noch lange erhalten, das wäre gut für die Schweiz.

Warum sind Sie so sicher, dass Sie recht haben? Die Banken haben ihre Gründe für ihre Skepsis.
Es ist ein schwieriger Anpassungsprozess. Es ist wie im Sport: Viele Leute machen nicht gerne Sport, weils anstrengend ist. Es ist ein anstrengendes Rennen, das die Banken jetzt machen müssen. Ein Marathon. Aber die guten Bankiers haben genau begriffen, dass sich die Welt verändert hat.

Klar scheint doch: Es werden Jobs verschwinden. Das, was heute noch vom Investmentbanking in der Schweiz vorhanden ist, wird abwandern.
Das glaube ich nicht. Letztlich ist die Stossrichtung der internationalen Regulierung überall gleich: Mehr Kapital, striktere Risikogewichtung – und ganz wichtig: Das Handelsbuch wird mit massiv mehr Kapital hinterlegt werden müssen, das heisst, der Eigenhandel wird teurer. Das ist die neue Welt, die mit dem Regelwerk Basel III geschaffen wurde. Das hat zur Folge, dass die Renditen der Banken kleiner werden und dass hochriskante Geschäfte im Investmentbanking nicht mehr so lukrativ sein werden – überall auf der Welt. Im Kern ist das letztlich das Ziel der internationalen Reform.

Die Anforderungen an die Grossbanken sind nirgendwo so streng wie hierzulande.
Das muss so sein und reflektiert die ganz spezielle Situation der Schweiz, wo die beiden Grossbanken ein Mehrfaches der gesamten ökonomischen Kapazität ausmachen. Kein anderes Land ist so verwundbar wie die Schweiz. Deshalb müssen wir hier strengere Anforderungen haben. Das wird den Finanzplatz Schweiz stärken, davon bin ich überzeugt.

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