Bei den SBB gibt es zwei Welten. In der einen ist alles gut: Im Personenverkehr läuft das Geschäft wie geschmiert. In der anderen herrscht schon fast Untergangsstimmung. Im Güterverkehr reisst der starke Franken ein Millionenloch in die Bücher.

Weil der Personenverkehr aber viel mehr Gewicht hat als die Cargo-Sparte, steuern die SBB unter dem Strich auf einen historischen Rekordgewinn zu: Im ersten Semester 2011 resultierte ein Konzerngewinn von 167 Millionen Franken, wie die Halbjahresergebnisse zeigen, die dem «Sonntag» vorliegen. Die interne, vertrauliche Prognose für das ganze Jahr 2011 zeigt einen Gewinn von 372 Millionen – das wäre noch mehr als der bisherige Höchstwert aus dem Jahr 2009. Und vor allem: Es wären rund 120 Millionen mehr, als die SBB budgetiert haben. Doch die SBB-Manager mögen sich angesichts der «katastrophalen Entwicklung» im Güterverkehr, wie es einer unverblümt formuliert, nicht freuen. Die Lage sei derart dramatisch, dass man Geld aus dem 2-Milliarden-Paket des Bundes zur Frankenstärke brauche: «Denn die SBB sind ein grosser Euro-Verlierer. Wir brauchen Geld aus diesem Topf.» Am Mittwoch kommt es bereits zum Treffen der SBB-Spitze mit Bundesrätin Doris Leuthard.

SBB-Sprecher Reto Kormann bestätigt, dass geprüft werde, ob die SBB Projekte haben, die vom 2-Milliarden-Programm profitieren können. Die SBB würden die Unterstützung von nachhaltigen Projekten durch den Bund begrüssen. «Zuerst müssen wir aber das Anforderungsprofil und die Rahmenbedingungen für das Programm des Bundes kennen», so Kormann. Voraussetzung des Bundes ist, dass es sich um Projekte handelt, die sofort realisierbar sind. Die SBB hatten bereits beim letzten Konjunkturpaket 2009 profitiert – damals sprangen 150 Millionen Franken heraus.

Der schwache Euro trifft SBB Cargo äusserst hart. «Für jeden Rappen, den der Eurokurs gegenüber dem Schweizer Franken sinkt, verliert SBB Cargo rund 1Mio. Fr. pro Jahr», gemäss Kormann. Mit anderen Worten: Stürzt der Euro von Fr.1.50 auf Fr. 1.10, verlieren die SBB 40 Millionen.

Schon im März musste SBB Cargo deshalb die Preise erhöhen. Und nun steht wohl der nächste Aufschlag bevor. Sprecher Kormann sagt: «Mit dem aktuellen Eurokurs ist ein Transitgeschäft auf der Schiene praktisch nicht mehr rentabel machbar. Auch für unsere Wettbewerber nicht.»

BLS-Cargo-Chef Dirk Stahl handelt derzeit ebenfalls höhere Preise für 2012 aus. Denn das Cargo-Halbjahresresultat sei wegen der Währungsverluste negativ. «Die Verhandlungen sind äusserst schwierig, da wir Aufschläge im zweistelligen Prozentbereich benötigen», sagt er. Es bestehe die Gefahr, dass die BLS aufgrund der Preiserhöhungen Marktanteile an die Strasse oder an den Brenner verliere. Dies müsse er jedoch in Kauf nehmen, um die Kostenstrukturen zu verbessern. «Zweifellos besteht aber die Gefahr, dass die Verkehrsverlagerung ohne Gegenmassnahmen einen Rückschlag erleiden wird», warnt Stahl.

Das Ziel einer Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs auf die Schiene ist bereits arg gefährdet. So ist der Anteil der Schiene seit Annahme der Alpeninitiative 1994 von 74 auf 62 Prozent gesunken. Der Cargo-Chef fordert vom Bund deshalb zumindest eine gezielte Entlastung bei den Trassenpreisen, die per 2013 erhöht werden sollen.

Die Euroschwäche belastet bei den SBB neben den Transit- auch den Binnenverkehr. Selbst dort fallen mehr als 20 Prozent der Einnahmen in Euro an, die Kosten aber fast ausschliesslich in Franken.

Und weil der Binnenverkehr chronisch schwächelt, kommt es hier besonders dick. Gemäss «Sonntag»-Informationen betrug der Verlust allein in diesem Cargo-Bereich 36 Millionen Franken (ohne Transitverkehr). Zwar wurden die Bundessubventionen letztes Jahr bereits auf rund 22 Millionen Franken verdoppelt, aber die SBB wollen jetzt noch mehr.

Auch das wird Thema des Gesprächs mit Doris Leuthard sein. Die SBB-Spitze wird klarmachen: Wenn es nicht mehr Bundesgeld gibt, droht der Kahlschlag. Heute gibt es landesweit 330 Stationen, wo Güterwagen angedockt werden. Künftig könnten es massiv weniger sein. Ein hoher SBB-Manager sagt: «Das würde bedeuten: Hunderte von Arbeitsplätzen fallen weg.»

Ein durchaus realistisches Szenario. Wie tief der Einschnitt ist, wird die SBB-Konzernleitung im Herbst entscheiden. «Die Fläche, die wir bedienen, ist viel zu gross – das heutige Cargo-Netz hat so keine Zukunft», sagt der Insider.

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