Es war Wochenthema der Schweizer Pendler: Bei immer mehr Bahnhofsuhren fehlt der Sekundenzeiger. Der Schock ist noch nicht verdaut, da nehmen die SBB bereits Abschied von der nächsten Design-Ikone. Die eindrücklichen Anzeigetafeln in den grösseren Bahnhöfen sollen ersetzt werden.

Zukünftig setzen die Bundesbahnen bei den sogenannten Generalanzeigern nicht mehr auf Fallblätter, die beim Wechseln der Anzeige klappen und ein Rauschen von sich geben, sondern auf moderne LED-Technik. Vor wenigen Tagen publizierte SBB Infrastruktur den Beschaffungsauftrag. Siebzehn dieser Generalanzeiger betreiben die SBB in den grössten Bahnhöfen des Landes. Bis Ende März haben interessierte Betreiber Zeit, ihre Angebote einzureichen.

Mit den LED-Tafeln verschwindet die Mechanik aus den Bahnhöfen. Dafür hält der Kommerz Einzug. Die Generalanzeiger bestünden «immer aus einem Teil Kundeninformation und allenfalls zusätzlich aus einem Teil Werbung», heisst es in der Ausschreibung. Gefordert werden denn auch «integrierte Werbeboards». Ein Generalanzeiger besteht aus aneinandergefügten Boards. Die SBB wollen die eigene Ausschreibung nicht kommentieren: Man kommuniziere, wenn «die Fakten bekannt seien». Es laufe aktuell ein Projekt, das die «mittelfristige Ablösung der Generalanzeigen klären soll», sagt Sprecherin Franziska Frey.

Doch nicht nur die ganz grossen Tafeln sollen verschwinden. Auch die Anzeigen an den Perrons haben bald ausgeklappert. Im vollen Gang ist die Umrüstung im grössten Bahnhof. Im Zürcher HB werden derzeit alle Anzeigen ausgetauscht. Im Sommer sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Die neuen Anzeigen bieten auf den ersten Blick deutliche Vorteile. So können etwa Verspätungen genauer angezeigt, sämtliche Fahrziele programmiert und Zusatzinfos eingespielt werden.

Dass die Tafeln vielleicht bald schon Werbung zeigen, sieht Markenexperte Sven Henkel von der Universität St. Gallen derweil skeptisch. «Ob es klug ist, Platz für Werbung freizuhalten, ist zweifelhaft», sagt er. Viele Kunden fühlten sich dadurch gestört und verlangten nach kommerzfreien Inseln. Grundsätzlich sei der Abschied von den alten Tafeln der Identifikation mit den SBB wohl nicht zuträglich. «Gewisse Symbole und Charakteristika wurden von den Kunden über Jahre gelernt», sagt Henkel.

Solche Symbole seien wichtig, denn sie stärkten die Verbundenheit mit dem Unternehmen. Die Konstanz erinnere etwa an die Kindheit, und nicht zuletzt begrüssten viele in der digitalen Welt die letzten analogen Überbleibsel. «Wenn es geht», sagt Henkel, «sollten solche charakteristischen Elemente erhalten werden.»

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