Es grenzt an ein Wunder, dass Sauber 2014 überhaupt am Start steht. Millionen-Betreibungen und ein Schuldenberg gefährdeten Mitte letzter Saison den Betrieb. Doch inzwischen habe sich die Lage etwas beruhigt, heisst es im Umfeld des Teams, das zurzeit im sportlichen Tief steckt. Wie ist das möglich? Haben sich die Millionenschulden in Luft aufgelöst?

Vor 14 Tagen wurde im Fahrerlager von Bahrain herumgereicht, dass der Retter von Hinwil einen prominenten Namen habe: Bernard Charles Ecclestone. «Big Bernie» himself, der unverwüstliche Formel-1-Strippenzieher, soll den Hinwilern mit einer Finanzspritze nachgeholfen haben. Offiziell wird diese Information natürlich nicht kommentiert. Schon alleine deshalb, weil noch andere Teams deutlich mehr Schulden als PS unter der Haube haben.

Sauber, so berichteten deutsche Medien vergangene Saison, hatte rund 70 Millionen Dollar Schulden, allein 40 Millionen bei Motorenpartner Ferrari. Ecclestone soll diese 70 Millionen nun über den Winter «auf null gestellt» haben. Finanziell ist das für ihn ein Klacks: Der ehemalige Gebrauchtwagenhändler aus dem englischen Ipswich ist über 4 Milliarden Dollar schwer.

Dieser Tage hat der 83-Jährige aber noch andere Sorgen: Ab Donnerstag steht der Formel-1-Boss in München vor Gericht. Weil er dem früheren Bayern- Landesbank-Vorsitzenden Gerhard Gribkowsky 44 Millionen Dollar bezahlt haben soll, um den Verkauf der Formel-1-Anteile an CVC zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Der Brite bestreitet die Schmiergeldvorwürfe. Gribkowsky selbst wurde zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt – und schmort seit zwei Jahren hinter Gittern. Ecclestone aber glaubt an sich: «Die Anklage kostet mich viel Zeit und Geld. Aber die Vorwürfe sind unhaltbar und lächerlich», sagte er vor zwei Wochen beim GP Bahrain mit zerknirschter Miene zu «Schweiz am Sonntag».

Geld spielt bei Ecclestone keine Rolle. Vielmehr sorgt er sich um das Überleben der Formel 1. Die Königsklasse des Motorsports ist todkrank. Von elf Teams liegen ausser Mercedes, Ferrari, Red Bull und McLaren mehr oder weniger alle auf dem Sterbebett. Nicht zuletzt wegen der jüngsten Technik-Revolution.

Auch Sauber kämpft ums Überleben. Die gross inszenierte Rettung aus Russland erwies sich als Märchen. Alles, was vom vermeintlichen Superdeal mit dem weltweit grössten Erdgasunternehmen Gazprom sowie den zwei angeblich «top seriösen Investoren» übrig geblieben ist, ist ein unbekannter russischer Sauber-Testfahrer, der 2013 noch in der Formel Renault herumgurkte. Mehr als 5 Millionen dürften aus Russland nicht geflossen sein. Sonst würde jetzt nämlich Sergei Sirotkin im Sauber-Cockpit sitzen – und nicht Adrian Sutil.

Ecclestones Engagement für Hinwil wäre nicht ganz uneigennützig. Denn ein Konkurs von Sauber – nach Ferrari, McLaren und Williams das viertälteste Team der Formel-1-Geschichte – hätte im GP-Zirkus wohl eine Lawine ausgelöst. Auch Lotus und Force India stecken tief im Schuldensumpf. Und die Hinterbänkler von Caterham und Marussia stehen ohnehin am Abgrund. Ein Sauber-Aus hätte für das F-1-Feld weitreichende Konsequenzen gehabt. Vielleicht der Anfang vom Ende der Königsklasse. Es macht also durchaus Sinn, wenn Ecclestone im Sinne des Sports in Hinwil eingegriffen hat. Wie auch immer er es gelöst hat.

Trotzdem: Die Sauber-Probleme sind nicht vom Tisch. Soll der aktuelle C33-Bolide noch konkurrenzfähig werden, braucht es dringend umfassende Updates. Und das kostet richtig Geld. Sportlich läuft seit Saisonbeginn nichts: drei Nullnummern in Australien, Malaysia und Bahrain. Der C33 ist viel zu schwer. Die beiden Piloten Esteban Gutiérrez (22) und Adrian Sutil (31) sind gewichtsmässig bereits am Limit, mehr hungern geht nicht.

Für den heutigen Oster-Grand-Prix erhoffen sich die Hinwiler, dass nach den Zwischenfällen in Bahrain die faulen Eier diesmal anderswo gelegt werden – und im Fall von Kollisionen die beiden Sauber nicht wieder involviert werden. Innerhalb des Teams ist die Nervosität gross, die Unruhe überall spürbar. Da helfen auch die Hoffnungsparolen der unter Druck stehenden und teilweise überfordert wirkenden Teamchefin Monisha Kaltenborn nichts.

Gegen aussen tritt die langsam, aber sicher verbittert und frustriert wirkende 42-Jährige, die 30 Prozent an Sauber hält, kaum noch in Erscheinung und spricht, wenn überhaupt, nur noch mit Schönwetter-Journalisten. Hülkenberg-Nachfolger Adrian Sutil hat die Sauber-Teamführung nicht im Griff. Der Mann aus Oensingen motzt im Paddock nach fast jeder Ausfahrt herum.

Doch so unterirdisch, wie der Deutsche den C33 beschreibt, ist das Auto nicht. Vielmehr müsste Sutil einfach mehr Gas geben. Selbst Saubers zweiter Ersatzpilot, der Holländer Giedo van der Garde, fährt dem Neo-Solothurner in den freien Trainings zeitenmässig um die Ohren. Peinlich.

Und Verwaltungsratspräsident Peter Sauber selbst? Vom mittlerweile 70-jährigen Teamgründer und heutigen 70-Prozent-Eigner wurde eigentlich erwartet, dass er 2014 wieder an den Rennstrecken anzutreffen ist. Oder sogar am Kommandostand Platz nimmt. Doch der leidgeprüfte Schweizer des Jahres 2005 fehlt nach seiner verletzungsbedingten Pause Ende 2013 ebenso wie neuerdings sein Sohn Alex Sauber: Der Marketing-Direktor des Teams, in den letzten Jahren stets fast an allen Rennen live dabei, wurde bislang im Fahrerlager nicht gesichtet. Über dem Team hängt der Mantel des Schweigens.

Das Leiden der Fans geht also weiter. Und alle fragen sich: Warum bloss blätterte nach Peter Saubers Abgang der Teamlack so schnell ab? Kaltenborn steht vor schwierigen Wochen. Ihr Frauen-Bonus im männerdominierten PS-Business ist aufgebraucht. Was jetzt zählt, ist knallharte Führung – und Punkte. Ansonsten droht Sauber der Absturz. Mitte 2013 sagte Kaltenborn noch: «Wir fahren die Saison zu Ende.» Ob das 2014 wieder gelingt, ist derzeit mehr als fraglich. Denn sportliche Nullnummern sind im knallharten Formel-1-Business tödlich.

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