VON PETER BURKHARDT

81000 Mitarbeiter beschäftigt Roche zurzeit. Nun droht weltweit ein massiver Stellenabbau. Ein Insider, der über beste Kontakte in die Basler Konzernzentrale verfügt, sagt dem «Sonntag»: «In dieser Woche wird ein grösserer Abbau beschlossen. An der Konzernleitungssitzung von Anfang Woche ist das ein Thema.»

Von der Sparrunde betroffen sind laut dem Informanten alle Bereiche der Pharma-Division, also nicht nur die Verkaufsmannschaft, sondern auch die Forscher und Entwickler, die Produktionsund die Verwaltungsmitarbeiter. «Das hat Konzernchef Severin Schwan vor ein paar Wochen an einer grossen Managementkonferenz vor 200 Topkadern klargemacht», so der Informant.

Wie viele Stellen gestrichen werden, ist noch offen. Aber, so der Insider: «Es geht nicht nur um ein paar hundert Leute, sondern um mehr. Und der Abbau findet nicht nur in einem Land statt, sondern weltweit.» Damit dürfte auch der Forschungsstandort Basel betroffen sein. Roche beschäftigt allein in der Schweiz 10000 Mitarbeiter und gehört in der Nordwestschweiz zu den grössten Arbeitgebern.

Einen Entscheid wird das Management gemäss Recherchen bereits diese Woche fällen. Das wird von Roche-Sprecher Alexander Klauser bestritten. Er bestätigt aber, dass kürzlich eine Managementkonferenz stattgefunden hat und dabei das Sparprogramm zur Sprache kam. «Es gibt Potenzial für Produktivitätsverbesserungen über die ganze Organisation betrachtet. Daran arbeiten wir und werden sie entsprechend umsetzen. Am Ende geht es darum, den mittel- und langfristigen Erfolg unseres Unternehmens zu sichern.»

Schon bei der Bekanntgabe der Halbjahresresultate Ende Juli hatte die Konzernleitung verkündet, dass sie drastische Sparmassnahmen plant. «Wenn die Preise sinken, schlägt dies auf den Gewinn durch», sagte Konzernchef Severin Schwan. «Es gibt nur einen Weg, dies zu kompensieren: bei den Kosten. So einfach ist das.»

Pharmachef Pascal Soriot erklärte: «Wir sehen uns verschiedene Szenarios an und treffen in den nächsten Wochen oder Monaten einen Entscheid. Eines der Szenarios ist eine substanzielle Reduktion der Verkaufsmannschaft.» Allein in den USA beschäftigt Roche 750 Aussendienstmitarbeitende, die Medikamente für Hausärzte vertreiben.

Stellen abgebaut hat Roche schon bisher – allerdings ohne grosses öffentliches Aufsehen. So ist der Konzern seit zwei Jahren daran, die Tablettenherstellung von Basel nach Deutschland und Italien zu verlagern. Ein Teil der 100 bis 150 Mitarbeiter verliert bis 2012 die Stelle. Öffentlich kommuniziert wurde das aber nie. «Roche probiert langsam und ohne grosses Aufsehen, einen Abbau zu vollführen», sagt Harald Frieden von der Gewerkschaft Unia. «Wir fordern von Roche, dass sie endlich die Karten auf den Tisch legen.»

Die Sparmassnahmen machen deutlich, dass die besten Zeiten bei Roche vorerst vorbei sind. In den USA und in Europa drücken die überschuldeten Regierungen aus Sorge um die Finanzierung ihrer Gesundheitssysteme die Preise der Medikamente. «Bei Roche, die sich von allen Pharmakonzernen am stärksten auf die hochwertigen Medikamente spezialisiert hat, schenkt das am meisten ein», sagt ein Branchenkenner.

Der Spardruck hat sich in diesem Jahr dramatisch erhöht, nachdem die erfolgsverwöhnten Basler eine Reihe von Rückschlägen einstecken mussten. So stellte Roche im Mai die Entwicklung eines Arthritis-Medikaments wegen unerwünschter Nebenwirkungen ein. Im Juni gab der Konzern bekannt, dass er die Einführung eines ersten Diabetes-Medikaments von Ende 2011 auf frühestens 2013 verschieben muss. Ende Juli wurde bekannt, dass dem bestverkauften Medikament Avastin in den USA der Entzug der Marktzulassung zur Brustkrebsbehandlung droht. Damit könnte der Jahresumsatz von Roche um gut eine Milliarde Franken einbrechen.

Zwei weitere Hiobsbotschaften ereilten den Konzern in dieser Woche: Am Dienstag lehnte die britische Gesundheitsbehörde Nice Avastin zur Behandlung von Darmkrebs als zu teuer ab. Und am Freitag zerschlugen sich die Hoffnungen von Roche, dass die US-Gesundheitsbehörde die Zulassung eines neuen Brustkrebsmedikaments beschleunigt. Statt wie erhofft schon 2011 wird das Medikament nun bestenfalls ab 2012 verkauft werden können. «Dieser Rückschlag wirft erneut Fragen über die Forschungspipeline von Roche auf», sagt Pharmaspezialist Karl-Heinz Koch vom Analystenhaus Helvea.

Bereits bildet sich die Schwäche von Roche in den Geschäftszahlen ab. Im zweiten Quartal reichte es dem einstigen Überflieger nur noch zu einem Umsatzplus in Lokalwährungen von 0,5 Prozent. In Schweizer Franken aber, in denen der Konzern abrechnet, gab es wegen der Euro- und Dollarschwäche einen Umsatzrückgang von 0,3 Prozent.

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