Am 22. August 2013 zahlte die Novartis-Tochtergesellschaft Alcon dem texanischen Augenarzt Jack Holladay 150 000 US-Dollar als Beraterhonorar. Am 1. August 2013 lud die Roche-Tochter Genentech die Diabetesspezialistin Alessia Fornoni aus Miami nach Basel ein und zahlte ihr 39 978.80 Dollar für Flug und Unterkunft. Am 3. November 2013 übergab der Zahnimplantatehersteller Nobel Biocare einem nicht genannten Zahnarzt aus dem Staat New York 1708 Dollar in bar, deklariert als «Geschenk».

Hunderttausende solcher Zuwendungen deckt die neue Datenbank «Open Payments» auf, die das US-Gesundheitsministerium diese Woche im Internet aufgeschaltet hat. Möglich machte es der «Physician Payment Sunshine Act», der die in den USA tätigen Pharma- und Medizinaltechnikhersteller seit dem 1. August 2013 verpflichtet, alle Zuwendungen an Spitäler mit Lehraufträgen sowie an Ärzte zu melden.

Erstmals können die US-Bürger somit in Erfahrung bringen, von wem der eigene Arzt wie viel Geld oder andere Zuwendungen erhalten hat. Das ist wichtig, denn viele Menschen treibt die Frage um, ob die Pharmaindustrie ihren Arzt mit Zahlungen beeinflusst hat – oder ob er bei der Verschreibung eines Medikaments wirklich unabhängig ist.

Allein für August bis Dezember 2013 führt die Datenbank Zahlungen von 3,5 Milliarden Dollar auf. Zu den Empfängern gehörten 546 000 Ärzte und 1360 Spitäler. Ein Grossteil sind Abgeltungen für Forschung, klinische Versuche und Beratungen, welche die Ärzte für die Pharmahersteller durchführten. Heikler sind jene Zahlungen, die in der Abteilung «General Payments» aufgeführt sind, also nichts mit der Forschung zu tun haben. Hier ist alles zu finden, von fürstlichen Essen über gesponserte Flugtickets, Darlehen und Weiterbildungen bis zum plumpen Geschenk.

Der Basler Pharmariese Roche hat von allen Konzernen mit Abstand die grösste Summe gezahlt. Die gut 53 500 Zahlungen beliefen sich auf insgesamt 218 Millionen Dollar, wie Sprecher Nicolas Dunant bestätigt. Allein die Tochtergesellschaft Genentech zahlte 210 Millionen, davon 75 Millionen für Forschungstätigkeiten von Ärzten und Spitälern. Weitere 122,5 Millionen gingen als Lizenzgebühren an das Krebsforschungsinstitut City of Hope, das Patente an einem Roche-Medikament hält.

Die restlichen 13 Millionen Dollar zahlte Genentech hingegen für Tätigkeiten, die nichts mit der Forschung an Medikamenten zu tun haben. Man könnte dem auch Marketing sagen. Es finden sich Reisespesen, Vortragshonorare, die Bezahlung von Unterkünften, Essen und Getränken. Auch Darlehen von bis zu 42 500 Dollar wurden gewährt.

Roche-Sprecher Nicolas Dunant sieht darin kein Problem. Es sei legitim, Ärzten die Reise-, Verpflegungs- und Unterkunftskosten zu bezahlen, wenn sie Beraterdienste erbrachten oder Vorträge hielten. Zudem halte sich Roche an strenge Vorschriften und zahle nur geringe Beträge. Die Datenbank zeigt jedoch ein anderes Bild: Roche vergütete einzelnen Ärzten Reisekosten von bis zu 42 000 Dollar – für eine einzige Reise.

Üppige Gelder zahlen auch andere Schweizer Konzerne. Bei Actelion waren es 4,3 Millionen Dollar, bei Nobel Biocare 1,5 Millionen. Novartis, die als einziger Schweizer Konzern schon früher von sich aus die Zuwendungen in den USA offenlegte, hat mehr als 149 000 Zahlungen von total 91,2 Millionen Dollar geleistet, davon 67 Millionen für Forschung und 24,2 Millionen für «allgemeine Leistungen», sprich Marketing und Beziehungspflege. Insgesamt betragen die Zahlungen aller Schweizer Konzerne 315 Millionen Dollar.

«Bei diesen Zuwendungen handelt es sich um eine absolut gesetzeskonforme, angemessene und übliche Praxis in unserer Industrie, die letztlich dem Wohl der Patienten dient», sagt Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto. Die Zusammenarbeit mit Ärzten und Lehrspitälern sei wichtig, damit diese sich weiterbilden und über neue Therapien informieren. Actelion und der Branchenverband Interpharma sehen es gleich.

Novartis behauptet, sie lasse den Ärzten keine Geschenke zukommen. Doch die Datenbank führt mehrere Fälle auf, wo Novartis Geschenke für 300 bis 1000 Dollar überreichte – obwohl das ein Branchenkodex seit 2008 verbietet.

Entgegen der Darstellung der Pharmaindustrie sind die Zahlungen nicht unbedenklich. Die Firmen beeinflussen damit die Entscheidungen der Ärzte. Forschungen in den USA haben nachgewiesen, dass ein Arzt stärker geneigt ist, anstelle eines günstigen Generikums ein teures Originalmedikament zu verschreiben, wenn er vom Hersteller Zahlungen angenommen hat. Der Interessenkonflikt ist offensichtlich.

Aus diesem Grund hat der europäische Pharma-Dachverband in seinem verschärften Selbstbeschränkungskodex verfügt, dass Geschenke an Fachpersonen ab diesem Jahr verboten sind, selbst solche von geringem Wert. In der Schweiz verbietet das Heilmittelgesetz bereits seit zwölf Jahren grundsätzlich solche Geschenke. Der neue Kodex des Branchenverbandes Scienceindustries hält darüber hinaus fest, dass geldwerte Leistungen an Ärzte und Spitäler ab 2016 offengelegt werden müssen.

Ausgerechnet im wichtigsten Medikamentenmarkt, den USA, sträubt sich die Pharmaindustrie jedoch gegen schärfere Vorschriften. Dabei wären diese in ihrem eigenen Interesse. Denn die Branche setzt sich dem Verdacht aus, sich die Ärzte mit Schmiergeldzahlungen gefügig zu machen.

Das aktuellste Beispiel liefert Novartis: Ein Bundesrichter in New York entschied am Dienstag, eine von der Regierung eingereichte Klage zuzulassen. Die Behörden werfen Novartis vor, Ärzten üppige Rednerhonorare und teure Essen gezahlt zu haben. Als Gegenleistung sollten die Mediziner vermehrt Medikamente des Konzerns verschreiben. Novartis bestreitet die Vorwürfe.

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