VON PATRIK MÜLLER

«Die Schweiz verdiente über Jahrzehnte prächtig am Geld von Steuerflüchtlingen. Nun ist der Tresor geknackt», schreibt die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung». Die Weltpresse verkündet seit Monaten genüsslich das Ende des Schweizer Bankgeheimnisses.

Doch es gibt nicht nur die Bürger, die sich deswegen mit weichen Knien selbst anzeigen. Es gibt auch die, die sich jetzt sagen: Dann folgen wir halt unserem Geld und ziehen in die Schweiz! Das zeigt sich am Beispiel Frankreichs, jenes Landes, in dem die erste gestohlene Konten-CD für Aufsehen sorgte. Gemäss französischen Presseberichten packen zurzeit jeden Monat 60 vermögende Franzosen ihre Koffer – um den Steuern zu entgehen.

Das wird in Paris jetzt zum Politikum. Gleich zwei Wirtschaftsmagazine skandalisieren die Steuerflucht nach Helvetien in ihren neusten Ausgaben. «Entreprendre» titelt auf der Frontseite: «Showstars, Unternehmer, Sportler: Der Skandal der Steuerflucht!», illustriert mit einem Schweizer Kreuz und einer Schweizer Karte. Die Zeitschrift «Capital» liefert gleich eine Liste vermögender «Exil-Franzosen in der Schweiz» mit, 50 an der Zahl, alle mit Angabe ihres Vermögens (siehe Tabelle rechts).

«Seit dem letzten Jahr werde ich dauernd von Franzosen kontaktiert, die ihre Konten nicht deklariert haben und sich nun in der Schweiz niederlassen wollen, um den Unannehmlichkeiten in ihrer Heimat zu entgehen», sagt der Genfer Anwalt Philippe Kenel. Das Bröckeln des Bankgeheimnisses stoppt die Steuerflucht nicht etwa, sondern fördert sie sogar: «Dass das Bankgeheimnis brüchiger geworden ist, führt nur dazu, dass die Auswanderung beschleunigt wird», kommentiert «Capital». Wohnen die Franzosen, die Geld in der Schweiz verstecken, neu in Genf oder Verbier statt in Paris, sind sie vor ihren Behörden in Sicherheit.

Attacken auf das Bankgeheimnis als Werbung für den Wohnort Schweiz: Dieser überraschende Effekt zeigt sich auch bei den Deutschen. «Ich kann diesen Trend bestätigen», sagt der Schwyzer Landammann und Finanzdirektor Georg Hess (CVP). «Ich hatte Gespräche mit Deutschen, die nun in Erwägung ziehen, hierher zu ziehen. Einige wirklich Vermögende sind bereits gekommen.» Laut dem Politiker «wirken sich die Jagd auf Reiche und der Trend zum gläsernen Bürger für ihr Heimatland zunehmend kontraproduktiv aus».

Weniger stark als andere Kantone profitiert die Deutschen-Hochburg Zürich vom neuen Fluchtmotiv. «Die Abschaffung der Pauschalsteuern für Ausländer wirkt sich bei uns negativ aus, reiche Deutsche zieht es eher in Kantone wie Schwyz», sagt der Zürcher Standortförderer Markus Assfalg.

In der Tat spielt die Pauschalbesteuerung eine wichtige Rolle. «Capital» stellte sie den Franzosen in den schönsten Farben vor: «Wer sehr reich oder sehr berühmt ist, kann sich als Ausländer in der Schweiz von den normalen Steuern befreien und sie durch eine Abgabe ersetzen lassen, die sich nach dem Mietwert seiner Liegenschaft orientiert. Einzige Voraussetzung: In der Schweiz darf man keinem Verdienst nachgehen.»

Von den umstrittenen Abkommen profitiert der Kanton Wallis besonders. Kürzlich wurde die Schwelle von 1000 pauschalbesteuerten Reichen überschritten. CVP-Staatsrat und Volkswirtschaftsdirektor Jean-Michel Cina sagt: «Obwohl diese Leute weniger Steuern zahlen, lohnen sich die Abkommen für unseren Kanton. Viele engagieren sich als Sponsoren oder Mäzene in der Kultur.» Zudem würden Franzosen, aber auch Engländer und Russen «mit ihren Privatfliegern den Flughafen Sion auslasten», so Cina. Auch würden mehr und mehr Investitionen von Ausländern getätigt.

Es ist nicht nur die Angst, dass die Behörden ihr Schwarzgeld entdecken könnten, die reiche Franzosen und Deutsche aus ihrer Heimat vertreibt. Sondern auch die Steuererhöhungen, die sich in beiden Ländern abzeichnen. Ihre Staatsschulden, die vor der Krise bei etwa 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) lagen, sind auf 80 Prozent explodiert. Dieses Jahr wird in Frankreich ein Rekorddefizit von 8,2 Prozent des BIP erwartet, in Deutschland von 5,5 Prozent.

Die Schweiz hingegen ist ohne neue Schulden durch die Krise gekommen. Sie mag den Trumpf «Bankgeheimnis» verloren haben, doch dafür scheint nun ein neuer zu stechen: «Tiefsteuerland».

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