«Es kostete mich einige Überwindung, hierher zu kommen», sagt Marcel Ospel zum «Sonntag» und schmunzelt: «Ich komme direkt aus Gstaad, dort ist es jetzt einfach zu schön.» Ospel (62), für viele der Hauptschuldige für den Beinahe-Kollaps der UBS 2008, sieht aus wie eh und je: braungebrannt, akkurat gescheiteltes Haar, verschmitzter Blick – aber einige Kilos leichter. An der 150-Jahr-Jubiläumsfeier am Freitagabend zeigt sich Ospel das erste Mal wieder in der Öffentlichkeit. Fotos sind im vornehm dekorierten Hallenstadion allerdings keine erlaubt. Die UBS steht für Diskretion; sonst wären wohl einige der 600 Gäste – Grosskunden und vor allem ehemalige Chefs – zu Hause geblieben.

«Ich mag Geburtstagsfeiern nicht sonderlich», sagt UBS-Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger, «weil man nie recht weiss, ob die schönen Worte ehrlich gemeint sind.» Ehrlich oder nicht – das fragt sich an diesem Abend, an dem Freund und Feind zusammengekommen sind, so mancher. Ex-UBS-Chef Oswald Grübel (68), der als Gegner Ospels gilt, macht beim Vorbeigehen an dessen Tisch Halt für einen netten Smalltalk. Christoph Blocher, 1993 aus dem UBS-Verwaltungsrat gejagt, verfolgt die Rede von Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf mit versteinerter Miene – ringt sich aber zu einem Höflichkeitsapplaus durch.

Die Anordnung der 60 Tische ist eine diplomatische Meisterleistung. Zwischen den Tafeln Widmer-Schlumpfs und Blochers besteht Maximalabstand. Die ausnahmslos anwesenden ehemaligen UBS-Chefs sitzen über die ganze Hallenstadionfläche verteilt – man weiss ja nicht, wie sie heute zueinander stehen. An Blochers Tisch sind Ospel und dessen damaliger Vize Alberto Togni platziert – er bleibt mit einem verpatzten «10 vor 10»-Interview zum Swissair-Grounding in Erinnerung. Blochers und Ospels Ehefrauen beschliessen, ihre Plätze zu tauschen: So sitzt Silvia Blocher den ganzen Abend neben Marcel Ospel, Adriana Ospel-Bodmer neben dem SVP-Übervater.

Hier, am Tisch Nummer 45, steigt nach jedem Menügang ein Räuchlein auf: Marcel Ospel steckt sich als Einziger im Hallenstadion, wo eigentlich Rauchverbot gilt, Zigarette um Zigarette an. Auch, als der aktuelle CEO Sergio Ermotti seine Rede hält und dann von SF-Moderator Rainer Maria Salzgeber interviewt wird. Ermotti erweist sich als witziger und charmanter Gesprächspartner – der Tessiner bekommt den wärmsten Applaus an diesem Abend. Noch kräftiger geklatscht wird, als Starkoch Philippe Rochat auf die Bühne tritt. Er hat für die Gäste ein Triple-A-Menü hingezaubert: Oscietra-Kaviar auf grünem Apfelgelee, Kardonen mit schwarzem Trüffel, Langustine an Madras-Curry und gegrilltes Wagyu-Rind mit Schalotten. «Philippe Rochat tritt im April nach 30 Jahren in den Ruhestand – im Gegensatz zur UBS», sagt Sergio Ermotti. Die UBS ruht bekanntlich nie.

Auch die Unterhaltung ist Spitze. Die Basel Sinfonietta spielt Bestseller aus den letzten 150 Jahren: Von Tschaikowsky und Offenbach über Edith Piaf («La vie en rose») bis zu den Rolling Stones und Whitney Houston («One moment in time») – Letzteres gesungen von Nubya. Bei «Yesterday» von den Beatles («all my troubles seemed so far away») können auch die ehemaligen UBS-Chefs in den alten Zeiten schwelgen.

Nikolaus Senn (85) ist da, noch immer voller Charisma, aber nicht mehr so gut zu Fuss – er wird von Robert Studer (74) begleitet. Studer hatte die UBS bei der Fusion Bankgesellschaft/Bankverein 1998 verlassen. Damals triumphierten nebst Ospel der im Hallenstadion anwesende Mathis Cabiallavetta (66). Ebenfalls gekommen sind der langjährige UBS-Chefjurist und Kurzzeit-Präsident Peter Kurer (62) und der immer noch jugendlich wirkende Ex-CEO Marcel Rohner (47).

Rohner geht nach dem Ende des offiziellen Teils um 23.30 Uhr an die Bar – im Gegensatz zu den anderen ehemaligen und amtierenden UBS-Bossen, die den Saal schnell wieder verlassen. Nur einer bleibt noch länger: der blendend gelaunte Oswald Grübel. Er hatte auch die Idee für diese Feier. Gegen 1 Uhr steigt an der Bar ein Räuchlein auf. Oswald Grübel hat sich keine Zigarette angesteckt.
Sondern, stilvoll, eine Zigarre.

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