Herr Soiron, Lonza steht an der Börse rekordhoch. Vor vier Jahren dagegen war der Pharmazulieferer abgestürzt und Sie als Präsident wurden angegriffen. Sie würden mit zu langer Leine führen. Wie gelang die Wende?
Damals wusste es tatsächlich jeder besser. Und viele befürchteten, es sei schlimmer als bekannt. Warum es doch wieder gut kam? Wir haben uns nicht aufgegeben! Dann haben wir den richtigen Chef eingesetzt, Richard Ridinger, und uns mit ihm geeinigt, was wir wollten. Er hat konsequent Team um Team und Prozess um Prozess angeschaut und in Ordnung gebracht. Dass ein Journalist mich damals mit der burschikosen Redewendung «Liefere, nit laafere» zitierte, hat mich nicht gefreut. Aber dass Ridinger genau das lebt, freut mich!

Ihr Führungsstil ist noch der gleiche?
Der Vorwurf der «langen Leine» hat mich schon geärgert. Zwar rede ich einem CEO tatsächlich nicht in jedes Detail drein und ein Dompteur, der dauernd dem Publikum vormachen muss, wie er wilde Tiere bändigt, bin ich nicht. Doch wo’s drauf ankommt, gibt es diese lange Leine nicht. Aber eben: Die Medien schreiben einander nicht nur ab, sondern gelegentlich auch, was sie wollen. Wenn sie damit in meinem Beruf nicht leben können, sind Sie «e-n-arme Kaib».

Sie haben eine dicke Haut?
Nein, eigentlich nicht. Oft weiss ich, dass ein Kommentar kreuzfalsch ist, und rege mich trotzdem auf.

Gab es damals in der Krise so etwas wie Panik unter Angestellten, Investoren und Lieferanten?
Nervosität gab es bei den Investoren, aber nicht im VR und kaum beim Personal. Gewiss empfand niemand die Situation als paradiesisch, aber alle waren überzeugt, dass wir besser waren, als Börse und Medien uns behandelten. Durchs Personal ging so etwas wie ein Ruck, als wir mit der Devise «Konzentration und Liefern» Projekte kappten, die nicht zentral waren: «Endlich merken die da oben, was hier falsch läuft.» Der Börsenkurs fand seinen Boden, als Richard begann, sehr präzise, systematisch, aber realistisch zu sagen, wohin wir wollten, in Sachen Aktivitäten, Investitionen, Margen, Rentabilität.

Haben Sie zu lange zugeschaut?
Ich gebe Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, gerne eine zweite Chance. Vielleicht war das in diesem Falle falsch. Aber wichtige Entscheidungen zu früh zu fallen, kann auch ein falsches Timing sein: Dann sehen die Mannschaften nämlich die Notwendigkeit noch gar nicht ein und stehen nicht hinter Ihnen. Doch schauen Sie, wo Lonza jetzt steht: So schlecht war das Timing nicht, oder?

Heute machen sich die Börsianer Sorgen, der Höhepunkt sei überschritten.
Wie der Börsenkurs sich entwickelt, weiss ich nicht, und das ist mir auch nicht das Wichtigste. Aber ich sehe keinen Grund zu zweifeln, dass der Trend der Aktivitäts- und Ergebnisverbesserungen weiter geht. Schauen Sie sich übrigens die öffentlichen Zielvorgaben an, seit Ridinger an Bord ist: Mal um Mal hat er auf den Punkt geliefert, oder besser. Diese Zuverlässigkeit wollen wir zum Lonza-Markenzeichen machen.

Wie lange bleiben Sie noch an Bord?
Ich wäre schon Geschichte, hätte uns Daniel Vasella nicht Jörg Reinhardt abgeworben, der mein Lieblingskandidat gewesen wäre. Aber dass er sich für das überraschende Novartis – Angebot entschied, war logisch. Diese Anekdote zeigt, dass ich mich nicht ans Amt klammere, auch wenn ich es gerne habe. Jetzt stelle ich mich nochmals der Wiederwahl; die Ablösung passiert, sobald wir uns im VR über meinen Nachfolger einig sind – oder eine Nachfolgerin...

Dann werden Sie eine der grössten Schweizer Wirtschaftskarrieren hinter sich haben. Als man Sie 1993 bei Sandoz entliess, sah es nicht danach aus.
Ja, das war ein Tiefschlag und ich litt darunter schwer. Aber schnell kamen Angebote und Mandate, mit denen ich nie gerechnet hatte: Der grosse Karl Kahane wollte mich , Thomas Schmidheiny holte mich in den VR der Holderbank, mit Freunden gründeten wir die Bellevue-Bank und kurz darauf wurde ich Präsident der Basler Uni. All dies wäre bei Sandoz nicht möglich gewesen, denn Marc Moret, der Chef von damals, verlangte, dass man zu 100 Prozent nur für Sandoz da sei.

Wie kam es damals zum Rauswurf?
Den wirklichen Grund weiss ich noch heute nicht! Aber psychologisch war die Katastrophe nötig: Marc Moret war mein ein Übervater und von denen trennen Sie sich nur ganz, ganz schwer.

Sind Karrieren wie die Ihre planbar?
Ich weiss nicht, ob es Menschen gibt, die ihren Lebensweg wirklich planen konnten. Oft scheint es mir, sie erklären ihre Biografien nur ex post. Meine Berufsentwicklung war Null geplant, wirklich Null. Schon dass Marc Moret mir einen kleinen Teil des Finanzbereichs anvertraute und mich dann an die Harvard Business School schickte, habe ich damals kaum begriffen.

Bis heute nicht?
(schmunzelt) So schlecht kam es ja nicht.

Haben Sie ein Rezept?
Geholfen hat, dass ich oft in der Nähe von Einflussreichen war. So war mein erster Job bei Sandoz die Assistenz des Personalchefs, dann von Marc Moret, der Sandoz während einer langen Ära prägte. Sehr geholfen hat zweitens, dass ich leicht lerne. Schon in der Schule musste ich weniger Hausaufgaben als die andern machen und kam dennoch gut durch. Ohne das hätte ich mich später nicht in so vielen verschiedenen Gebieten bewegen können. Das Dritte, das geholfen hat, ist nicht banal, auch wenn es so tönt: Ich kann mich ausdrücken und etwas auf einen Punkt bringen. Leider können das nicht alle, gerade in der Wirtschaft. Und viertens fällt einem vieles leichter, wenn man daran glaubt, dass Teams stärker sind als einzelne und so arbeitet. Und ... (zögert) darf ich auf die «lange Leine» zurückkommen?

Sie dürfen.
Darum ist es viel Wichtiger als einem CEO in den Details reinzureden, ihm beim Aufbau funktionierender Teams auf allen Ebenen zu helfen. Um den Präsidenten braucht es einen VR, um den CEO eine Direktion, die als Ganzes Verantwortung, Intelligenz, Engagement einbringen. Genau das zu fördern, ist mir wichtig.

Wie kamen Sie zu grossen Entscheidungen, wie die Fusion von Lafarge und Holcim, von Synthes und Stratec oder dem Stellenabbau bei Sandoz?
Ich war nicht der Auslöser, und nicht allein. Vielmehr war ich – zwar an exponierter Stelle – einer der Mannschaften, welche ein Projekt, eine Entscheidung durchsetzen und abwickeln wollten. Die drei Projekte, die Sie nennen, waren Notwendigkeiten, die sich aus der Einsicht ergaben, dass man etwas Ausserordentliches machen musste, wenn man die industrielle Position verbessern wollte. Und ich war halt in der Nähe, und konnte so eine Rolle spielen. Allerdings manchmal nur eine Nebenrolle wie in der Fusion von Synthes und Stratec.

Wer hat die Notwendigkeit erkannt?
Wirklich weiss man das selten. Der Rhein entsteht in zwei Armen und die werden aus unzähligen kleinen Bächen gespeist. Welcher ist der wirkliche Rhein-Anfang? Weniges, was geschieht, macht einer allein. Wenn sich einzelne Zampanos trotzdem manchmal so gebärden, ist das Illusionstheater.

Warum ist der Börsenverlauf von Lafarge-Holcim nur durchschnittlich?
Ergebnisse und Kurs haben nichts mit der Fusion zu tun. Warten Sie bis Wachstum und Bau in Indien wieder anziehen - der Börsenkurs geht durch die Decke. Aufwärts ginge es damit auch, wenn man an eine solide Aufhellung in Europa glauben würde.

Um die Schweiz machen sich viele Sorgen. Die politischen Beziehungen zur EU sind unsicher. Die Eurozone an sich scheint instabil. Womit rechnen Sie?
Sicher nicht mit einem dramatisch schlechten Szenario. Die Kräfte, die dieses Land auf Kurs halten, sind, sind robust. Allerdings stärken politisch diese Kräfte zurzeit nicht. Ich ziele damit auf den Grundkonsens, der uns abhandenkommt, von der Regulierungs- und Verwaltungsmentalität, die überhandnimmt, und vom harten Schaffen, das immer weniger beliebt ist.

Wie die Masseneinwanderungs-Initiative umgesetzt werden soll, weiss keiner.
Ja, das sehe ich leider auch so. Aber wir sind nicht ohne Chancen. Auch die Kommission der EU ist nicht allmächtig und muss ihren Weg finden. Wenn sie Themen wie «England», «Griechenland» einmal einigermassen hinter sich hat, wird sie wohl auch für vernünftige Lösungen mit der Schweiz zu haben sein.

Wie sähe eine vernünftige Lösung aus?
Ich glaube an eine von der Schweiz einseitig verkündete Schutzklausel, die klar, aber massvoll ist, sodass Europa daraus kein Drama macht. Das ist machbar. Allerdings wird, so meine ich, Europa auf die institutionellen Entwicklungen mit uns verzichten müssen. Da macht die Rechte bei uns nie mit.

Kann die Wirtschaft mit einer eingeschränkten Zuwanderung leben?
Zuwanderung brauchen wir, aber eben massvoll und gesteuert. Auch Lonza könnte mit Schweizern alleine einen immer spezialisierteren und anspruchsvolleren Standort wie Visp nicht halten, geschweige denn entwickeln.

Was sind Ihre grossen Sorgen?
Die Millionen Flüchtlinge. Übrigens nicht nur in Europa. Eine wirkliche Antwort sehe ich derzeit nirgends. Die Schweiz lag bisher abseits der grossen Ströme. Aber wenn es in Europa schlimmer werden sollte, wird das auch die Schweiz zu spüren bekommen. Denn auch wenn wir nicht zur EU gehören – Teil von Europa sind wir allemal.

Ist die Integration zu schaffen, wie Frau Merkel dies glaubt?
Was Frau Merkel wirklich glaubt, weiss niemand. Vielleicht müssen wir ehrlich akzeptieren, dass wir länger mit diesen Problemen leben müssen, als uns lieb ist. In jedem Fall wird eine Kombination der Arbeitsstränge «Integration», «Kontrolle und Beschränkung» und Neu- und Wiederaufbau in den Kriegs- und Krisenzonen der Welt nötig sein. Vielleicht sehr lange! Dabei dürfen wir aber die Bevölkerung bei uns nicht frustrieren und verlieren: Sie hat Angst! Doch wir müssen den Menschen erklären, dass es neben Investitionen in die Sicherheit hier die Notwendigkeit gibt, das Übel an der Wurzel so zu bekämpfen, dass es diese dramatischen Gründe nicht mehr gibt, die Länder zu verlassen.

Die Durchsetzungs-Initiative bereitet Ihnen keine Sorgen?
Doch. Auch sie würde, was die Schweiz stark macht, weiter schwächen: Nämlich die bewährte Mechanik des politischen Systems, so lange an Lösungen zu feilen, bis eine breite Mehrheit sie akzeptieren kann. Und stellen Sie sich vor, jede der vielen Initiativen der nächsten Jahre würde ihrerseits eine neue Durchsetzungsinitiative zur Folge haben. Wofür brauchen wir noch das Parlament?

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