VON PATRIK MÜLLER UND PIRMIN KRAMER


Am nächsten Mittwoch treten SBB-Chef Andreas Meyer und Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi vor die Medien. Bis dahin ist der Geschäftsbericht unter Verschluss, doch «Der Sonntag» kennt die Zahlen bereits heute: Die SBB haben im letzten Jahr mehr verdient als erwartet. Viel mehr: Exakt 298 Millionen Franken beträgt der Konzerngewinn laut Insidern. Mit weiteren Effekten sind es sogar 312 Millionen (Reingewinn der SBB AG).

Das ist fast zu gut. Denn die Zielvorgabe des Alleinaktionärs, des Bundes, belief sich auf «nur» 169 Millionen Franken. Diese Vorgabe war gegenüber dem Vorjahr massiv heruntergenommen worden (damals lautete das Ziel 316 Millionen) – und dennoch weisen die SBB nun ein Superergebnis aus. Der Hauptgrund: Die Schweizerinnen und Schweizer fahren häufiger mit der Bahn als angenommen. In der Division Personenverkehr resultierte ein Rekordgewinn von 293 Millionen Franken.

Meyer und Gygi brüten nun über der Frage: Wie erklär ich diesen Supergewinn meinen Kunden? Seit rund einem Jahr betonen sie bei jeder Gelegenheit, die SBB hätten Preiserhöhungen dringend nötig. Eben erst, im vergangenen Dezember, wurden die Tarife um 5,9 Prozent angehoben. Geht es nach den SBB, folgen nun jedes Jahr weitere Erhöhungen – um jeweils durchschnittlich 3 Prozent. Die Bahn begründet den Preisschub mit anstehenden Investitionen und höheren Unterhaltskosten.

Bereits jetzt spielen die SBB den Gewinn herunter. «Die Situation ist nur auf den ersten Blick erfreulich», relativiert SBB-Sprecher Daniel Bach. In den letzten Jahren sei die Verschuldung des Unternehmens gestiegen. «Die Einnahmen aus dem Betrieb waren immer tiefer als die notwendigen Investitionen.»

Auf die angekündigten Preiserhöhungen wollen die SBB keineswegs verzichten. «Bis 2030 werden die SBB rund 20 Milliarden Franken in neue Züge und den Ausbau des Angebotes investieren», so Bach. «Das können wir nur aus eigener Kraft tun, wenn genügend hohe Gewinne erwirtschaftet werden. Das wiederum können wir nur, wenn wir die Tarife in den nächsten Jahren schrittweise erhöhen.»

Allerdings: Es ist illusorisch und wird illusorisch bleiben, dass die SBB ihre Investitionen aus eigenen Gewinnen finanzieren können. Denn jedes Jahr zahlt der Steuerzahler den SBB gigantische 2 Milliarden Franken an die Infrastruktur. Dieser Betrag ist in den letzten Jahren leicht gestiegen.

Der Passagier wird also mehr und mehr zur Milchkuh. Noch vor fünf Jahren lag der Gewinn im Personenverkehr bei weniger als 100 Millionen Franken, letztes Jahr nun waren es 293 Millionen. Der Güterverkehr dagegen ist seit vielen Jahren tiefrot, 2010 wurden keine Fortschritte erzielt und das Defizit war mit 64 Millionen sogar noch ein wenig höher als im Vorjahr.

Faktisch findet eine Quersubventionierung des Güterverkehrs durch die Passagiere statt; hier haben die SBB bekanntlich ein Monopol und können Preise problemlos erhöhen, während im Cargo-Bereich Konkurrenz und ein brutaler Preiskampf herrschen. Fairerweise muss man anfügen, dass das «Melken» der Bahnfahrer politisch gewollt ist, von Bundesrat und Parlament.

Die Prognose ist einfach: Die von den SBB vorgesehenen Tariferhöhungen werden auf massiven Widerstand stossen. Preisüberwacher Stefan Meierhans sagte schon im Dezember im «Sonntag»: «Ich staune schon: Während Jahrzehnten hat man den Leuten eingebläut, sie sollen auf den öffentlichen Verkehr umsteigen. Und jetzt, da die Bahn Erfolg hat, dreht der Wind.»

Angesichts des hohen Konzerngewinns kritisiert nun auch Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz: «Ich sehe nicht, dass die SBB jetzt Tariferhöhungen fordern müssen. Man muss jetzt zuerst klären, wie der Bahnverkehr finanziert werden soll. Es braucht ein ganzheitliches Konzept.»

Und noch an einer zweiten Front wird der 298-Millionen-Gewinn für die SBB zum Problem: Auch das Personal verlangt seinen Anteil. Manuel Avallone, Vizepräsident des Verkehrspersonals (SEV) sagt: «Wir fordern eine Gewinnbeteiligung. Jeder der rund 28000 Mitarbeiter soll jetzt sofort eine Prämie von mindestens 500 Franken erhalten.» Denn die SBB müssten nun «Respekt zeigen vor den Leistungen der Mitarbeiter»: «Für das Personal muss etwas drinliegen.»

Gut möglich, dass tatsächlich etwas herausspringt. Jedenfalls sagt SBB-Sprecher Daniel Bach: «Wir haben von der Forderung der SEV Kenntnis und werden sie im Rahmen der Bilanzmedienkonferenz am 30. März beantworten.»

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