Hinter den Kulissen schmiedet die Konzernleitung um die neue Postchefin Susanne Ruoff brisante Pläne: Sie will die anstehende Neuverhandlung des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) dazu benutzen, an den Löhnen zu schrauben. Wo die Post im Branchenvergleich zu viel zahlt, sollen diese gesenkt werden.

«Das Ziel ist es, marktgerechtere Löhne zu zahlen», bestätigt Konzernleitungsmitglied und Postauto-Chef Daniel Landolf. Im Vordergrund steht die Absicht, die Gehälter nach Regionen abzustufen. Heute erhalten alle Angestellten mit der gleichen Funktion schweizweit den gleichen Grundlohn – egal, ob sie im teuren Zürich arbeiten oder im günstigen Münstertal. Abgefedert werden die regionalen Unterschiede nur durch einen vergleichsweise bescheidenen Ortszuschlag.

Neu möchte die Konzernspitze auch den Grundlohn regional anpassen. Die gleiche Forderung hatte der damalige Postchef Ulrich Gygi schon 2004 erhoben, er scheiterte aber am Widerstand der Gewerkschaften.

Nun zieht die Post den Plan wieder aus der Schublade. «In Diskussion ist ein Modell, dass es je nach Funktionsstufe eine Lohnbandbreite gibt, innerhalb der man nach Region abgestufte Löhne bezahlen kann», sagt Landolf. «In wirtschaftlich schwächeren Regionen würden die Löhne eher am unteren Lohnband sein, in wirtschaftlich stärkeren Regionen eher am oberen Lohnband.»

Brisant ist, welche Vorbilder die Post hierfür heranzieht. Die Löhne der Postschalter-Angestellten sollen auf das tiefere Niveau im Detailhandel oder im Fachhandel gesenkt werden. «Einer der möglichen Vergleichsmassstäbe bei den Postschalter-Angestellten sind die Löhne der qualifizierten Fachhandelsangestellten und den Detailhandelsfachleuten», bestätigt Konzernleitungsmitglied Landolf. «Da liegen die Lohnunterschiede sicher im zweistelligen Bereich.»

Falls die Post diesen Massstab künftig wirklich anwendet, würde das bei mehreren tausend Schalterangestellten zu empfindlichen Lohnkürzungen führen. Denn sowohl gegenüber dem Detail- als auch dem Fachhandel zahlt die Post heute deutlich mehr.

Am 14.September legte die Post ihre Pläne gegenüber der Gewerkschaft Transfair offen. Dabei gab sie laut dem Branchenverantwortlichen Peter Heiri zu verstehen, dass sie ihren Schalterangestellten künftig höchstens noch 10 bis 12 Prozent mehr zahlen will, als die Detailhandelsangestellten erhalten.

Heute sind die Unterschiede aber bedeutend höher. Das zeigen zwei Studien, welche die beiden auf Lohnvergleiche spezialisierten Firmen Cepec (Lausanne) und GFO (Zürich) im Auftrag der Post erstellt haben. Sie analysierten für jede Region, wo das Unternehmen mit seinen Löhnen im Vergleich mit diesen Branchen steht. Die Resultate liegen dem «Sonntag» auszugsweise vor. Gegenüber dem Detailhandel zahlt die Post heute in den Städten Zürich und Genf 15 Prozent mehr, in den Agglomerationen dieser beiden Städte und den weiteren grossen Städten sind es 19 Prozent mehr, im Mittelland 21 Prozent und in den Randregionen 26 Prozent.

Von Lohnkürzungen sind also alle 7200 Schalterangestellten bedroht, am meisten aber jene, die in den rund 1200 Poststellen kleinerer Dörfer arbeiten. Das sind laut der Gewerkschaft Syndicom etwa 3800 Mitarbeiter.

Auch im Vergleich mit dem Fachhandel (herangezogen wurden unter anderem Ikea, Manor, Conforama und Tchibo) zahlt die Post bessere Löhne. Hier gibt es Abweichungen zwischen 12 und 48 Prozent. Der Mittelwert liegt bei etwa 18 Prozent. Eine Aufschlüsselung nach Regionen gibt es hier nicht.

In den Augen der Post ist auch ein Teil der Postauto-Chauffeure zu gut bezahlt. «In den ländlichen Regionen haben unsere Mitarbeiter im Vergleich zu den anderen Busfahrern im öffentlichen Verkehr bessere Löhne, in den Städten eher schlechtere», sagt Daniel Landolf. «Eine der möglichen Massnahmen ist, die ganz hohen Löhne der langjährigen Angestellten einzufrieren, wenn sie deutlich über den Marktlöhnen liegen.»

Welches Lohnsystem die Post schliesslich vorschlage, sei noch offen, betont Landolf. «Die Verhandlungsposition der Post für die GAV-Verhandlungen ist noch nicht entschieden, und es gibt auch noch andere mögliche Benchmarks.»

Vorsorglich machen die Gewerkschaften jedoch schon jetzt auf Opposition. «Die Post benutzt die GAV-Verhandlungen dazu, Lohnsenkungen anzustreben», sagt Transfair-Vertreter Peter Heiri. «Das kommt für uns nicht infrage.» Noch deutlicher wird Fritz Gurtner, Leiter Branche Post bei der Gewerkschaft Syndicom. «Wenn die Post mit solchen Ideen kommt, bedeutet das Krieg. Wir werden nirgendwo Lohnsenkungen zulassen.» Es gebe dafür keinen Grund, schliesslich mache die Post Jahr für Jahr 900 Millionen Franken Gewinn.

Vor allem aber kritisieren beide Gewerkschaften, dass die Post die Löhne von Schalterangestellten mit jenen im Fach- und Detailhandel vergleicht. «Der Vergleich hinkt», sagt Fritz Gurtner. Die Anforderungen bei der Post seien höher, das Tätigkeitsfeld breiter. So müsse ein Schalterangestellter nicht nur das ganze Grundversorgungsangebot kennen, sondern auch internationale Geschäfte abwickeln und über Finanzgeschäfte und die Zollformalitäten Bescheid wissen.

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