Ein Städtetrip nach Deutschland ist nicht teuer. Erst recht nicht für Gewinner eines Wettbewerbs von Postauto Schweiz. Für sie liegt schon bald eines von 300 Tickets des privaten deutschen Fernbusbetreibers MeinFernbus im Briefkasten. Auf den Bildschirmen in seinen Bussen bewirbt die Post-Tochter das Unternehmen als erste Wahl für «Shopping in Mailand oder Sightseeing in München». In Chur darf MeinFernbus darüber hinaus die Postauto-Haltestelle für seine Cars benutzen.

Von einer «sehr guten Zusammenarbeit» spricht Florian Rabe, Sprecher von MeinFernbus. Im Rahmen eines Kooperationsabkommens betreibe man gemeinsames Marketing mit Postauto Schweiz. Der Wettbewerb sei ein erstes Beispiel, weitere Aktionen folgten.

Mit der offensiven Bewerbung der Zug-Konkurrenz hat Postauto nicht nur eigene Kunden erstaunt, die sich auf der Postauto-Facebook-Seite fragen, wieso das Unternehmen «die Totengräber des öffentlichen Verkehrs» bewerbe. Auch die SBB, die ebenfalls gerne Passagiere zum Shopping-Trip nach Mailand transportieren, sind verärgert. Postauto dürfe zwar autonom entscheiden, mit wem das Unternehmen zusammenarbeite, sagt Mediensprecher Stephan Wehrle. «Natürlich haben wir aber keine Freude, wenn Mitglieder des öffentlichen Verkehrs für Konkurrenten werben», sagt er.

Man sei «gegenüber partnerschaftlichen Zusammenarbeitsformen im grenzüberschreitenden Personenverkehr offen», sagt Valérie Gerl, Pressesprecherin von Postauto. Potenzielle Marktchancen analysiere das Unternehmen äusserst sorgfältig. Der Fernbus-Markt habe durch die Deregulierung in Deutschland neuen Schwung erhalten.

Tatsächlich mischen deutsche Bus-Anbieter den grenzüberschreitenden Verkehr gehörig auf. Nicht nur Branchenführer MeinFernbus ist in der Schweiz aktiv. Das Unternehmen Flixbus hat diese Woche die Aufnahme neuer Linien in die Schweiz angekündigt und spricht davon, Zürich zu einem zentralen Fernbusknoten Europas zu machen. Insgesamt fünf deutsche Betreiber bedienen den hiesigen Markt mit ihren Cars und werben mit Gratis-WLAN und Tickets zu Dumpingpreisen. Allein München wird von Zürich aus bis zu zwanzigmal täglich angefahren. «Es werden weitere Linien in die Schweiz folgen», sagt MeinFernbus-Sprecher Rabe. Davon profitieren sollen auch Schweizer Firmen. Man sei erstmals in Gesprächen mit Schweizer Busbetreibern, die neue Linien für das Unternehmen fahren könnten.

Auslöser für den Boom der Fernbusse ist die Deregulierung des deutschen Marktes. Seit 2013 dürfen Bus-Betreiber in Deutschland die Bahn auch im Inland konkurrenzieren. Die Schweiz mitzubedienen, ist für die Betreiber günstig machbar. Viele ihrer Linien führen sowieso an die Grenze, der finanzielle Aufwand für die Verlängerung nach Zürich oder Basel ist klein. Auf den neuen Linien nach Italien wiederum müssen die Reise-Cars sowieso durch die Schweiz.

Weil die Schweiz ihren Binnenmarkt nicht liberalisiert hat, dürfen die Busbetreiber innerhalb des Landes keine Passagiere transportieren. Mit ihren Tiefpreisen für Reisen in europäische Grossstädte graben die Busse aber den internationalen Zügen das Wasser ab. Eine Fahrt nach München nächsten Samstag kostet beispielsweise mit dem Zug im besten Fall 61 Franken, während der günstigste Busanbieter für dieselbe Leistung 18 Franken kassiert.

Kein Wunder, warnt SBB-Chef Andreas Meyer bei jeder Gelegenheit vor der neuen Alternative. Dass das Bundesamt für Verkehr (BAV) Gesuche von ausländischen Anbietern in der Regel anstandslos durchwinkt, sorgt im Umfeld der SBB für Unmut.

Beim BAV ist der Spielraum allerdings begrenzt. Das Amt müsse etwa den Anträgen zustimmen, wenn die Gesuche bei einem Ministerium eines EU-Landes eingegangen seien, sagt Sprecher Andreas Windlinger. Derzeit existierten 230 grenzüberschreitende Buslinien.

Am wachsenden Markt wollen nun auch die Schweizer Städte teilhaben. Nachdem die Absichten für den Bau eines Kongresshauses beim Carparkplatz Sihlquai verworfen wurden, habe Zürich entschieden, das Erscheinungsbild und die Infrastruktur des Zürcher Busterminals zu verbessern, sagt Jürg Keller, Vizedirektor der Liegenschaftsverwaltung der Stadt. Die entsprechende Planung werde zurzeit aufgegleist.

Ähnliche Pläne wälzt Basel: «Die Infrastruktur für Fernbusse ist in Basel heute nicht optimal», sagt Benno Jurt, Leiter Mobilitätsplanung beim Verkehrsdepartement. Deshalb sei eine Planungsstudie für einen Terminal für Linien- und Reisebusse in Auftrag gegeben worden.

Und auch die Bundesstadt rüstet auf: Die Stadt Bern beobachte eine Zunahme des Bus-Verkehrs, sagt Karl Vogel, Leiter Verkehrsplanung. Der Car-Parkplatz Bern-Neufeld solle nun aufgewertet werden, ein entsprechendes Konzept werde erarbeitet – auch wenn die Bahn das Hauptverkehrsmittel für den Fernverkehr bleiben soll.

Das erhoffen sich auch die SBB. Deren Chef Andreas Meyer hat die Rhetorik verschärft. Man müsse sich bewusst sein, dass die Auswirkungen einer allfälligen Liberalisierung gar Bund und Kantone treffen würden, sagte er kürzlich. Vollständig konsequent zeigen sich die Bundesbahnen allerdings nicht. Zusammen mit der Deutschen Bahn betreiben sie viermal täglich einen Bus nach München – mit Preisen ab 24 Franken.

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