Eine derartige Häufung von grossen Verkäufen ins Ausland und Fusionen hat die Schweizer Wirtschaft wohl noch nie erlebt. Doch es sind nicht nur Grossfirmen wie Sika, Holcim oder Syngenta, deren geografische Zukunft nicht auf ewig in der Schweiz liegen dürfte. Die einstige Thurgauer Familienfirma Sigg produziert ihre Aluminium-Flaschen nach wie vor in Frauenfeld, gehörte aber bereits seit 2003 einer amerikanischen Private-Equity-Gesellschaft. Diese Woche wurde bekannt, dass sie an die chinesische Haers-Gruppe geht. Auch Toblerone oder Ovomaltine sind schon seit einigen Jahren in ausländischer Hand.

«Sohn, du übernimmst!» lautete früher die Devise. Heute ist das anders. Die «Schweiz am Sonntag» hat sich bei Schweizer Traditionsfirmen umgehört. «Heute ist die Nachfolgeregelung oft eine grössere Herausforderung als noch vor 20 oder 30 Jahren», sagt Max Manuel Vögele, Präsident und Mitinhaber des gleichnamigen Schuhhändlers.

Der 56-Jährige muss es wissen, schliesslich übernahm er die Leitung der Firma in dritter Generation vor knapp 25 Jahren. «Viele Branchen, auch unsere, wurden schnelllebiger und unberechenbarer», sagt Vögele. Da sei es schwierig, auf Generationen hinaus zu planen. Seine beiden Kinder und jene seiner vier Geschwister wären noch zu jung, um die Firma zu übernehmen. «Und wir möchten sie später zu nichts drängen.» Bei anderen Firmen ist die Planung weiter vorangeschritten.

> Kambly: Beim Guetzli-Hersteller in Trubschachen BE zeichnet sich ebenfalls eine familieninterne Lösung ab. Mit der 30-jährigen Dania Kambly, der Tochter von Firmenpatron Oscar A. Kambly (65) steht die vierte Generation der Traditionsbäckerei in den Startlöchern. Sie wird das Unternehmen laut einem Sprecher «in absehbarer Zeit» übernehmen.

> Hug: Die Hugs der gleichnamigen Luzerner Guetzli-Fabrik mit 390 Angestellten stellen sich die Nachfolgefrage. Andreas Hug (55) führt die Firma mit Sitz in Malters in vierter Generation, präsidiert wird sie von seinem Bruder Werner (70). «Wir beschäftigen uns sehr ernsthaft mit dem Thema», sagt Andreas Hug. «Wir möchten, dass die Fabrik auch in der fünften Generation in der Familie bleibt.» Vor kurzem wurde Werners 43-jährige Tochter Anna Hug in die Geschäftsleitung befördert, wo sie den Bereich Entwicklung und Innovation leitet. Zudem arbeitet der 33-jährige Fabian Hug, Sohn von Andreas Hug, seit Sommer im Geschäftskunden-Bereich. Auf die Nachfolger der Brüder, die auch Willisauer Ringli, WernliGuetzli und Dar-Vida-Cracker herstellen, warten grosse Herausforderungen. 2015 ist der Umsatz um 3,5 Prozent auf 110 Millionen Franken gesunken. Der starke Franken hinterlässt Spuren. Zudem trüben politische Regulierungen die Aussichten. So sorgt das 2017 in Kraft tretende Swissness-Gesetz für massive Mehrkosten.

> Caran d’Ache: Beim Stifteproduzent ist der Stab schon übergeben. Seit 2012 zieht Carole Hübscher (49) die Fäden in Genf und versucht kräftig zu expandieren, mit Filialen auch in China. Ihr und zwei weiteren Familien gehört das Unternehmen.

> Louis Widmer: Annemarie Widmer sitzt seit einigen Jahren im Chefsessel der Kosmetikfirma, die ihr Grossvater 1960 gegründet hatte und später von ihrem Vater geleitet wurde. Die 36-Jährige sieht in der Patron-Bezeichnung etwas Gutes, wie sie dieser Zeitung einst sagte: «Patronaler Führungsstil tönt oft nach etwas dominant Negativem und Verstaubtem. Ist es aber nicht.»

Dass die Nachfolgeplanung nicht bei allen Firmen problemlos über die Bühne gehen wird, untermauert eine aktuelle Studie der Universität St. Gallen und des Beratungsunternehmens EY. Befragt wurden 34 000 Unternehmerkinder aus 34 Ländern. In der Schweiz möchte nur knapp ein Prozent der Befragten direkt nach dem Studium im elterlichen Betrieb arbeiten. Und nur jeder Zehnte kann sich vorstellen, in die Fussstapfen der Eltern zu treten.

Experten glauben, die gute Schweizer Wirtschaftslage mache die Jungenso widerspenstig. Denn in einem gut funktionierenden Arbeitsmarkt bieten sich Karrierechancen auch anderswo. Wo die Konjunktur hingegen schwächelt, kommt eine Stelle im Familienbetrieb oft gelegen.

Carl Elsener (57), Geschäftsführer und Inhaber des Sackmesserproduzenten Victorinox aus Ibach SZ, sagt, die Nachfolgeregelung sei ein Thema, das die ganze Familie betreffe. Aber: «Die fünfte Generation ist noch zu jung und zum grössten Teil in der Ausbildung. Wir müssen uns also noch etwas gedulden, bis wir sie in der Geschäftsleitung einbinden können.» Voraussetzung sei, dass die Familienmitglieder bereit seien, ihre ganze Kraft und ihr Herzblut für den nachhaltigen Erfolg der Firma einzusetzen, und auch über die notwendigen Fähigkeiten verfügen. «Beides ist nicht selbstverständlich.»

Der Inhaber eines bekannten Markenherstellers, der nicht genannt werden will, schliesst denn auch nicht aus, sein Geschäft irgendwann zu verkaufen: «Wichtig ist, dass die Aktionäre für die Firma langfristig die Richtigen sind.» Beat Grüter (55), Inhaber von Pasta Premium, der letzten grossen unabhängigen Teigwaren-Fabrik in der Schweiz, möchte nicht allzu weit vorausblicken. Seine 28-jährige Tochter arbeitete bis vor kurzem in der Firma mit. «Nun will sie sich aber anders orientieren.» Das sei für ihn in Ordnung. Das Teigwaren-Business sei schliesslich nicht mehr besonders lukrativ. Ein Verkauf sei irgendwann genauso möglich wie eine Schliessung.

Max Manuel Vögele von Vögele Shoes sieht in der Idee der Familienfirma kein Auslaufmodell. «Aber wir möchten ihr auch nicht alles unterordnen. Es ist unsere Pflicht als Unternehmer und Arbeitgeber, alle Optionen zu prüfen, um den Fortbestand der Firma zu gewährleisten.» Die beiden Hug-Brüder wollen noch nicht verraten, wie der Zeitplan für die Firmenübergabe aussieht. Aber Andreas Hug blickt als frischgebackener Grossvater zuversichtlich in die Zukunft: «Vor drei Wochen kam die sechste Generation zur Welt.»

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