M. P.* freute sich, als das schwarz-weisse Outfittery-Paket vor der Tür stand. Drin waren Marken-Hosen, -Shirts und -Schuhe, die ihm Stilberater Paul nach einem Telefongespräch zusammengestellt hatte. So funktioniert das Geschäftsmodell des deutschen Onlinehändlers. Der männliche Kunde erzählt dem Berater, wie sein Modegeschmack aussieht, und dieser wählt dann die Artikel für ihn aus. Was nicht passt, kann gratis retourniert werden.

Das meiste gefiel M. P. Doch dann erblickte er die Etiketten, auf denen auch die Euro-Preise ersichtlich waren. «Die Frankenpreise waren ein Vielfaches teurer», enerviert sich M. P. «Ich war so erbost, dass ich das ganze Paket retournierte, ohne ein Stück anzuprobieren.» Berater Paul schrieb ihm darauf, Outfittery habe sich an die Preisvorgaben der einzelnen Hersteller zu halten.

Die «Schweiz am Sonntag» machte die Probe aufs Exempel und bestellte ebenfalls ein Kleider-Paket. Und tatsächlich: Outfittery liess die Euro-Preisschilder an mehreren Textilien, die den Eins-zu-eins-Vergleich ermöglichen (siehe Tabelle rechts). Am grössten ist der Preisaufschlag bei zwei Poloshirts mit 31,5 Prozent. Noch schlimmer: Auf dem Preisschild der Shirts sind nicht nur die Euro-Preise (24.95) angegeben, sondern auch tiefere Preise in Franken. Demnach müssten die beiden Shirts Fr. 29.90 kosten. Auf dem Lieferschein sind es dann aber je Fr. 39.90.

Auf die Diskrepanz angesprochen, sagt Outfittery-Sprecher David Oppenheim, solche Fälle seien ärgerlich. Dazu komme es, wenn die Lieferanten keine Preisempfehlungen abgeben würden, die Artikel aber mit Preisschildern ausgerüstet seien. Offensichtlich fehlen beim noch jungen Unternehmen, das 2012 gegründet wurde, Kontrollmechanismen. Oder der Preis wird ungeachtet dessen erhöht.

Oppenheim sagt, man sei in der Preisgestaltung «absolut frei», man orientiere sich aber «konsequent an den unverbindlichen Verkaufspreisempfehlungen» der Lieferanten. Eine Pflicht, sich an diese zu halten, gebe es jedoch nicht. Diese Aussage von Stil-Berater Paul gegenüber M. P. sei Unwissen geschuldet.

Andere sind noch teurer
Gleichzeitig betont Oppenheim: «Unser Fokus liegt nicht auf dem Preis, sondern auf der Qualität und der Beratungsleistung.» Auf den Preiskampf, der aktuell tobe und den stationären Handel vor grosse Probleme stelle, wolle und könne man sich nicht einlassen. Der Sprecher unterlässt es aber nicht, andere Händler an den Preis-Pranger zu stellen: «Die Levis-Jeans aus Ihrer Bestellung kostet bei uns 119.90, bei Manor hingegen regulär 129.90 und bei Globus 139.90 Franken.»

Inzwischen zählt der Onlinehändler in der Schweiz laut eigenen Angaben 50 000 Kunden. Bis auf wenige Ausnahmen habe man keine negativen Rückmeldungen von Kunden bezüglich der Preisgestaltung erhalten, sagt Oppenheim. Das Geschäft entwickle sich hierzulande «sehr positiv». Umsatz- oder Gewinnzahlen werden keine genannt.

Im Gegensatz zum Online-Leader Zalando verfügt Outfittery über 18 Angestellte in der Schweiz. Bald werden es 26 im Zürcher Büro sein. Anfang Jahr sorgte die Firma jedoch für Aufregung, weil Interessenten ein Dumpinglohn von 2600 Franken angeboten wurde, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete. Nachdem Kritik laut wurde, korrigierte Outfittery den Lohn auf 4000 Franken. Insgesamt zählt die Berliner Firma 300 Mitarbeitende und ist in acht europäischen Ländern präsent.

Das Lager befindet sich in Deutschland, was die Schweizer Preise verteure, sagt Oppenheim von Outfittery. «Die Logistikkosten für Sendungen in die Schweiz liegen hier im Schnitt über 60 Prozent über den Kosten für Deutschland.» Dazu zählt er höhere Transport-, Zoll- und Retourenhandlingkosten.

Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels, sagt, es bestehe für viele Händler ein Druck, sich an die Preisvorgaben der Markenhersteller zu halten. «Ansonsten wird man plötzlich nicht mehr beliefert.»

Ob Preisaufschläge von mehr als 30 Prozent gerechtfertigt sind, wie im Fall von Outfittery, will Kessler nicht sagen. «Das ist von Produkt zu Produkt unterschiedlich.» Ein gewisser Schweiz-Zuschlag sei aber auch für Outfittery nachvollziehbar, da Werbung in der Schweiz doppelt so teuer wie in Deutschland sei und auch die Zollabgaben schwer wiegen würden.

«Preise gleichen sich an»
Nicht hilfreich wäre laut Kessler, wenn Outfittery tiefere Preise böte, dafür aber eine Beratungspauschale verlangen würde. «Solche Gebühren will niemand bezahlen, das schreckt ab.»

Kessler glaubt, dass in fünf Jahren derartige Diskussionen nicht mehr geführt werden. «Die Preise gleichen sich zunehmend an, sowohl im stationären als auch im Online-Handel.» Dies sei aufgrund der Preistransparenz und der globalen Liefermöglichkeiten unausweichlich. Fakt ist: Der Schweizer Onlinehandel schreitet weiter voran. 2015 stieg er um 8,5 Prozent auf 6,45 Milliarden Franken an. Am häufigsten bestellt werden Heimelektronik – und Mode.

* Name der Redaktion bekannt.

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