Falsch deklariert

Sie rühmen sich mit «extra vergine» oder «nativ extra»: Doch oft ist im Olivenöl nicht das drin, was draufsteht

Faustregel: 10 Kilogramm Oliven ergeben einen Liter Olivenöl.

Faustregel: 10 Kilogramm Oliven ergeben einen Liter Olivenöl.

Eine neue Studie zeigt, dass ein Grossteil der Olivenöl-Produkte der höchsten Güteklasse falsch deklariert ist.

Es gehört in die Salatsauce, in einen selbst gemachten Pizzateig und in die Pfanne, um das Fleisch anzubraten: Olivenöl ist in der Küche unverzichtbar. 1,8 Liter werden in der Schweiz pro Kopf und Jahr konsumiert.

Wer beim Detailhändler neues Olivenöl kaufen will, der hat die Qual der Wahl. In den Filialen stehen den Konsumenten im Schweizer Detailhandel je nach Händler zwischen 10 und 65 Olivenölen zur Auswahl. Dabei sind so gut wie alle im Schweizer Handel befindlichen Olivenöle mit «extra vergine» oder «nativ extra» beschriftet, der höchsten Qualitätskategorie, welche die EU und die Schweiz für Olivenöl vorgeben. Die Preisspanne ist riesig: Sie reicht von vier bis 120 Franken pro Liter.

Das am meisten gefälschte Lebensmittel

Die riesigen Unterschiede beim Preis macht Olivenöl anfällig auf Fälschungen. «Olivenöl gilt heute als eines der am meisten gefälschten Lebensmittel der Welt – auch in der Schweiz», sagt Silvan Brun. Und das, obwohl gesetzlich festgelegt ist, wie «extra vergine» hergestellt werden muss. Oft werde Olivenöl der obersten Qualitätsstufe jedoch mit Öl von geringerer Qualität vermischt, oder sogar mit Ölen verfälscht, die aus billigen Früchten oder Samen hergestellt werden. Damit werden Gewinne gesteigert oder Verluste ausgeglichen. Brun handelt selbst mit Olivenöl und ist ein international anerkannter Olivenölverkoster.

Dass ein Grossteil der verkauften Öle nicht den gesetzlichen Standards entspricht, ist für Brun ein Ärgernis. Er sagt:

Viele Konsumenten würden gar nicht schmecken, dass sie schlechtes Olivenöl gekauft haben. «Dazu muss man ein paar Mal gutes Olivenöl degustiert haben», so Brun.

Brun präsidiert heute die 2016 gegründete International Olive Foundation (IOF) mit Sitz in Luzern. Ihr Ziel: die Qualität von gehandeltem Olivenöl in der Schweiz zu steigern. Mit einer Studie, deren Ergebnisse CH Media vorliegen, geht die Stiftung in die Offensive. Dazu wurden sämtliche bei den wichtigsten Schweizer Detailhändlern erhältlichen Olivenöle der Kategorie «extra vergine» analysiert. Insgesamt 183 Produkte wurden getestet.

Zertifizierte Labors haben die Olivenölproben analysiert, parallel dazu haben jeweils acht bis zwölf anerkannte Olivenöl-Verkoster einen sensorischen Test vorgenommen. Das Ergebnis, der von einem Notar begleiteten Untersuchung, bezeichnet Brun als «ernüchternd»: Der Test ergab, dass fast 80 Prozent die gesetzlichen Anforderungen an Olivenöle «extra vergine» nicht erfüllen. «Wir haben ein Kennzeichnungsproblem», sagt Brun. Nur 39 Produkte dürften das Qualitätssiegel «extra vergine» tragen. Der Grossteil der Stichprobe entsprach nur der zweiten Güteklasse «vergine». 41 Produkte wurden gar als sogenannte Lampantöle enttarnt. Dieses ist gesetzlich nicht zum Verzehr zugelassen. «Es hat einen ranzigen Geschmack», erklärt Brun. Zwei Produkte waren gar mit Sonnenblumenöl vermischt. Dies muss allerdings nicht krimineller Natur sein, es könnte auch auf einen verunreinigten Tank zurückzuführen sein.

© CH Media

Wie stark Preis und Qualität zusammenhängen, kann die Studie nicht abschliessend klären. Das Ergebnis zeigt zwar, dass Olivenöle mit einem Literpreis zwischen 30 und 40 Franken eher das Qualitätsmerkmal «extra vergine» verdienen, als günstigere Produkte. Aber es gibt durchaus auch preiswerte Produkte, die den Test bestanden. Ein hoher Preis ist noch keine Garantie auf hohe Qualität.

Die Studie zeige, dass der Schweizer Markt viel Verbesserungspotenzial habe, schreibt die IOF. Sie empfiehlt dem hiesigen Detailhandel die Einführung der noch wenig verbreiteten zweiten Güteklasse «vergine». Damit würde es eine klare Abstufung zur höchsten Qualitätsstufe geben und die Konsumenten hätten eine Orientierungshilfe. Zudem fordert die IOF, dass die nationalen und kantonalen Lebensmittelbehörden das bestehende Gesetz konsequent anwenden. Dies helfe, die Kunden vor Täuschungen zu schützen.

Detailhändler treffen Massnahmen und weichen aus

Die getesteten Detailhändler zeigen sich über die Studienergebnisse zumeist überrascht. Bei Globus wurden 56 Olivenöle getestet, nur 17 entsprachen dem Qualitätslabel «extra vergine». Ein Produkt war sogar mit einem anderen Öl verunreinigt. Dieses habe man umgehend aus dem Verkauf genommen, schreibt eine Sprecherin. «Bei allen anderen Olivenölen werden wir die Lieferanten kontaktieren, die Testergebnisse prüfen und entsprechende Massnahmen ergreifen.» Zudem fordere Globus per sofort für jedes Olivenöl chemische Untersuchungsparameter ein.

Ein Sprecher von Manor, der bei der Studie noch am besten abschnitt, betont, dass man sich bei der Beschaffung auf die Tests von anerkannten Laboratorien stütze. Manor bedaure, dass für einige von Manor angebotenen Olivenöle in der Analyse durchgefallen seien. Aufgrund der Analyseergebnisse geht Manor davon aus, dass es sich bei den beanstandeten Olivenölen um lagerungsbedingte Fehler der Ölalterung handelt, die nicht mit der ursprünglichen Produktqualität in Beziehung zu bringen sein dürften. Man wolle dies abklären, schreibt der Sprecher.

Für die Migros sind die Testergebnisse nicht nachvollziehbar. «Die Migros stellt strenge Anforderungen an ihre Extra-Vergine-Olivenöle», schreibt ein Sprecher. Jedes Produktionslot werde vor der Lancierung durch ein anerkanntes Labor sowohl chemisch als auch sensorisch geprüft. «Öle, die den definierten Richtlinien nicht entsprechen, kommen nicht in den Verkauf.» Ähnlich tönt es bei Coop: «Uns ist die hohe Qualität unserer Olivenöle sehr wichtig», sagt eine Sprecherin. Sowohl die Lieferanten wie auch Coop selber führen regelmässig Analysen durch und testen die Olivenöle auch sensorisch.

Auch Produkte von Silvan Brun, der selber mit Olivenöl handelt, wurden getestet. «Bei mir hat es ebenfalls Produkte gegeben, die nur die zweite Güteklasse erreicht haben», räumt er transparent ein.

Artboard 1