Am Donnerstag drückte David Iselin auf einen Knopf. Kurz darauf konnte der Ökonom sagen, wie es um die Schweizer Wirtschaft steht. Jetzt gerade. In den drei Monaten bis zum 20. Mai wuchs das Bruttoinlandprodukt (BIP) um 0,56 Prozent (siehe Grafik rechts). Auf ein Jahr hochgerechnet, würde das rund 2,3 Prozent ergeben. Eine stolze Zahl.

Stolz ist auch die Art, wie diese Zahl entsteht. Iselin ist Forscher an der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich. Früher als alle anderen will diese mit ihrer Berechnung wissen, wohin die Reise geht. Im ersten Quartal des Jahres wuchs das BIP um 0,68 Prozent, wie die Werte zeigen, die Iselin für die «Schweiz am Sonntag» errechnet hat. Die offizielle Schätzung publiziert der Bund erst am kommenden Mittwoch.

Das Beispiel zeigt, wie sich der Blick auf die Wirtschaft verändert. Während Jahrzehnten warteten Ökonomen auf harte Zahlen, welche die Statistiker in Betrieben und Ämtern erfasst hatten, um zu berechnen, wie viel in der Schweiz produziert wurde. Heute wird indirekt geschätzt, mit anderen Zahlen. Und deutlich früher.

Das Stichwort heisst «Nowcast», ein Kunstwort, das sich aus «now» (jetzt) und «forecast» (Prognose) zusammensetzt. Ein Nowcast nutzt schnell verfügbare Daten, um ein aktuelles Bild zu zeichnen. Er ist gewissermassen der Blick in die ökonomische Kristallkugel, die zeigt, was gerade läuft. Ursprünglich stammte der Ausdruck aus der Meteorologie. Dort meint man mit dem Nowcast die Vorhersage der kommenden Stunden.

Daten sind heute in allen erdenklichen Varianten vorhanden. Viele schon kurz nachdem ein Ereignis passiert ist. 600 Variablen nutze die KOF für den Nowcast, sagt Ökonom Iselin. Darunter seien traditionelle Informationen wie Umfrageergebnisse aus der Industrie, aber auch Arbeitsmarktindikatoren, Börsenkurse oder Zinssätze.

Eine der spannendsten Quellen für Ökonomen derzeit ist Google. Die Suchmaschinen-Betreiberin weiss, was die Menschheit bewegt. Sie erfasst, was im Netz publiziert wird und wonach die Menschen suchen. Auch die KOF setzt auf solche Daten. Für den «Rezessionsindex» werte man Zeitungsartikel aus, erklärt Iselin. Die reelle Stimmung spiegelt sich in der Berichterstattung, also ist der Rückschluss möglich. «Dabei arbeiten wir auch mit Trend-Daten von Google», sagt Iselin. Über das Statistik-Portal Google Trends können Forscher abfragen, wie oft nach welchen Begriffen gesucht wird. Sie können die Daten herunterladen und dann damit arbeiten.

Google hat nicht nur die Daten, sondern auch das Know-how für Wirtschaftsanalysen. Bereits seit 2007 amtet der US-amerikanische Wirtschaftsprofessor und Lehrbuchautor Hal Varian als Chefökonom des Datenkonzerns. Er hat dargelegt, wie die Analyse des Suchverhaltens Prognosen verbessern kann.

Varian macht ein einfaches Beispiel: Fast jeder, der seinen Job verliert, sucht als Erstes im Internet nach Informationen, wie er sich bei der Arbeitslosenkasse anmelden muss. Die Menge der Suchanfragen «sign up for unemployment» («als arbeitslos anmelden») decke sich in den USA deutlich mit den effektiven Anmeldungen. In Echtzeit zeigt Google, was die offiziellen Statistiken erst Tage oder Wochen später enthalten. Dieser Vorsprung kann bares Geld wert sein für Anleger oder Firmen in konjunkturabhängigen Bereichen.

Auch die Konsumentenstimmung lasse sich so beschreiben, erklärt Varian im Google-Wissenschaftsblog. In Krisenzeiten suchten Konsumenten nach Online-Shops, die «kostenlose Lieferung» anbieten. Steigen diese Anfragen, sei das ein Indiz für eine sich verschlechternde Stimmung. Google, das Thermometer des Shoppingfiebers.

Google dokumentiert auch saisonale Effekte: So interessieren sich die Schweizer jeweils im April und Oktober für Schuhe, dazwischen jedoch nicht. Nach Krediten suchen sie eher Anfang Jahr, jedoch nie im Dezember.

Wie mächtig solche Methoden sind, machte Google 2009 in einem anderen Bereich vor, als der Datenriese mit den gleichen Mitteln Grippewellen analysierte und in Echtzeit Epidemien ankündigen konnte. Google Flu Trends ist mittlerweile ein festes Angebot.

Auch Notenbanken wie die Amerikanische oder die Europäische Zentralbank nutzten heute Google-Trends für ihre Analysen, sagt Google-Chefökonom Varian. Die Schweizerische Nationalbank gehört bisher allerdings nicht dazu. Auch der Schweizer Forscher Iselin attestiert Google «spannende Daten», und etwas Neid ist durchaus spürbar, wenn er das sagt. Doch die Reise geht bereits weiter: «Künftig wäre denkbar, mit Daten von Twitter zu arbeiten.»

Noch nutze die KOF solche Nowcasts vor allem für eigene Analysen bei der Erstellung der Wachstumsprognosen, sagt Iselin. Dereinst könnten sie aber auch an Finanzmarktakteure verkauft werden, so wie es heute mit den Konjunkturbarometer-Daten geschehe.

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