Boston ist ein Mega-Cluster im Mini-Format: In einem Radius von etwa fünf Kilometern befinden sich mit renommierten Universitäten wie MIT oder Harvard 54 Hochschulen, über 20 Spitäler, unzählige Life-Sciences-Start-ups und Forschungslabors grosser Pharmafirmen.

Novartis war einer der ersten Riesen, der hier 2003 im Klinikerbau einer ehemaligen Süssigkeiten-Fabrik sein Labor aufbaute. Heute zählt der Campus des Novartis Institutes for Biomedical Research (NIBR) mehrere Gebäude. Sie liegen an der Massachusetts Avenue, in Sichtweite zum MIT.

Wer der Strasse weiter folgt, erreicht Harvard. Von hier aus machte sich Forschungschef James Bradner Anfang 2016 auf, um ein neues Forschungskapitel bei Novartis zu schreiben, das dem Konzern mehr der dringend benötigten Innovation bringen soll.

Herr Bradner, als ehemaliger Harvard-Wissenschafter und Arzt forschen Sie seit Jahren an neuen Therapien gegen Krankheiten. Die Wissenschaft hat in der Zeit riesige technologische Fortschritte gemacht. War es jemals spannender, Forscher zu sein?

James Bradner: Es gibt mit Sicherheit keine aufregendere Zeit als heute, um Forscher zu sein. Denn wir verstehen die molekularen Einzelheiten von Krankheiten und der Biologie des Menschen besser als je zuvor. Zudem steht uns heute zum ersten Mal die benötigte Technologie zur Verfügung, die es braucht, um dieses Wissen in neue Therapien für Patienten zu übersetzen.

Die einzelnen Disziplinen verschmelzen. Immer mehr Aufgaben erledigen Algorithmen. In gewissen Bereichen der Diagnostik sind sie zum Teil schon besser als Ärzte. Frustriert Sie das?

Nein. Fortschreitende Technologien haben Ärzten schon immer geholfen, Patienten besser zu behandeln. Ein gutes Beispiel sind bildgebende computer-basierte Verfahren wie das MRI. Damit konnten Neurologen ihren Patienten zum ersten Mal erklären, was in ihrem Gehirn genau passiert. Algorithmen helfen uns heute, noch schneller festzustellen, an was der Patient leidet.

Machen Algorithmen den Arzt irgendwann obsolet?

Die Rolle der Ärzte hat sich im digitalen Zeitalter grundlegend verändert. Ärzte haben einerseits eine neue Verantwortung, mit der Technologie umgehen zu können. Andererseits ist es ihre Aufgabe, den Patienten und seine Angehörigen zu beraten, zu besänftigen, zu unterstützen – all das zu tun, was ein Computer eben nicht kann.

Die Gesundheitskosten steigen überall. Regierungen suchen händeringend nach Lösungen, die Kosten zu senken. Der künstliche Arzt kommt da zumindest für einfache Abklärungen gelegen. Werden wir das bald erleben?

Weltweit stehen Ärzte heute unter enormem Druck, die beste medizinische Versorgung zu liefern und dabei die Kosten in Schach zu halten. Mithilfe künstlicher Intelligenz wird die Qualität und Effizienz der medizinischen Versorgung weiter verbessert.

Wie setzen Sie Algorithmen bei Novartis ein?

Wir machen uns künstliche Intelligenz in vielen Bereichen zunutze. Das fängt bei der Suche nach neuen Wirkstoffen an. Dort helfen uns Algorithmen zum Beispiel, besser zu verstehen, wie Gehirnzellen, sogenannte Neuronen, miteinander vernetzt sind. Sie zeigen uns auch besser auf, wie Wirkstoffe mit molekularen Bestandteilen des Menschen, vor allem Proteinen, interagieren und wie genau sie im Körper wirken. An unseren NIBR-Standorten verfügen wir mit über 400 Informatikern diesbezüglich bereits über eine hohe Expertise.

James Bradner: Der Forscher

James (Jay) Bradner ist seit März 2016 Präsident des Novartis Institutes for Biomedical Research (NIBR). Er leitet über 6000 Forscher, die an den sieben NIBR-Standorten in den USA, Basel, Singapur und Schanghai tätig sind. Bevor der 44-Jährige zu Novartis kam, leitete der das «Bradner Lab» für Krebsforschung am Dana-Faber Cancer Institute. Er war auch Fakultätsmitglied der Harvard Medical School in der Abteilung Medizinische Onkologie, zu dem das Lehrkrankenhaus Dana-Faber Cancer Institute gehört. Zudem war er von 2004 bis 2017 Associate Director des «Center for the Science of New Therapeutics» am Broad Institute. Das Institut forscht im biomedizinischen und genetischen Feld und arbeitet eng mit Harvard und MIT zusammen. Bradner ist in Chicago aufgewachsen, begeisterter Chicago-Cubs-Fan (Baseball), verheiratet und Vater von drei Kindern.

Die Technologie überwindet Hürde für Hürde in der Medizin. Wird es irgendwann keine unheilbaren Krankheiten mehr geben?

Das ist eine grosse Vision. Aber angesichts des riesigen Fortschrittes kann ich nicht anders, als an sie zu glauben. Doch zuerst müssen wir noch einige Rätsel in der Medizin lösen, damit die Vision eines Tages möglich sein wird. Das bedeutet, wir müssen unser Wissen über die Entstehung von Krankheiten noch weiter vertiefen.

Eines dieser Rätsel ist das Gehirn.

Das ist richtig. Bis dato gibt es keine wirksamen Medikamente gegen degenerative Gehirnkrankheiten.

Das muss Sie umtreiben. Schliesslich haben Sie die Neurologie zu einem Ihrer drei Hauptforschungsgebiete erklärt?

Ich denke ständig darüber nach, wie wir dort weiterkommen. Einen entscheidenden Schritt haben wir aber schon gemacht. Anders als etwa bei Krebs gab es für Gehirnkrankheiten bis vor kurzem kaum Möglichkeiten, Gehirnzellen im Labor nachzubilden. Wir haben eine Methode gefunden, solche Modelle zu entwickeln. Damit können wir im Labor nach Anhaltspunkten für mögliche neue Therapien suchen.

Sie experimentieren also mit dem Mini-Gehirn in der Petrischale. Was zeigt es Ihnen bei Alzheimer? Bei der Krankheit ist noch keinem der Durchbruch gelungen. Obschon immer mehr Menschen erkranken.

Bei der degenerativen Erkrankung Alzheimer ist bekannt, dass sich bestimmte Proteine im Gehirn zu sogenannten Plaques ansammeln und damit die Gehirnzellen, also die Neuronen, zerstören. Das führt schliesslich zum Gedächtnisverlust. Wir hoffen, dass wir mit einem neuartigen Molekül, das die krankheitsverursachenden Proteine im Gehirn ansteuert und zerstört, bei Alzheimer bald weiterkommen. Wir stehen mit unserer Forschung hier aber noch ganz am Anfang.

«Es gibt mit Sicherheit keine aufregendere Zeit als heute, um Forscher zu sein», sagt Novartis-Forschungschef James Bradner. Hier im Bild mit «Schweiz am Wochenende»-Redaktorin Laurina Waltersperger.

«Es gibt mit Sicherheit keine aufregendere Zeit als heute, um Forscher zu sein», sagt Novartis-Forschungschef James Bradner. Hier im Bild mit «Schweiz am Wochenende»-Redaktorin Laurina Waltersperger.

Bei einer kleinen Anzahl Patienten entsteht Alzheimer durch eine erbliche Veranlagung. Diese kann man entsprechend früh behandeln. Können Sie ihnen in absehbarer Zeit helfen?

Mit dem amerikanischen Banner Alzheimer’s Institute und mit der Firma Amgen führen wir aktuell eine klinische Studie an Patienten durch, die aufgrund ihrer erblichen Veranlagung ein hohes Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken. Unsere Therapie soll die Produktion eines Proteins verhindern, das in hoher Konzentration im Gehirn nachweislich die Neuronen beschädigt.

Gen-Methode CRISPR

Ein möglicher Schlüssel zur Behandlung, ja gar zur Heilung von Alzheimer und weiteren Krankheiten ist die Gen-Methode CRISPR. Dabei handelt es sich um eine Art «Genschere», mit der Defekte aus dem Erbgut geschnitten werden können. Denn entwickeln sich Fehler in den Genen eines Menschen, können diese zu lebensbedrohlichen Krankheiten führen.

Novartis will mit CRISPR bald Patienten mit der Blutkrankheit Sichelzellenanämie helfen.

Die Vorbereitungen für die ersten klinischen Untersuchungen laufen momentan. Obwohl die Krankheit seit Jahrzehnten bekannt ist, gibt es keine geeigneten Therapien. Wir versuchen, mit CRISPR die gendefekten und damit krankheitsverursachenden Blutzellen erwachsener Patienten so zu modifizieren, dass sie wieder normales Hämoglobin produzieren. Wir hoffen, bald mit den klinischen Studien zu starten.

CRISPR verspricht Heilung für eine ganze Reihe von Krankheiten. Die Gen-Therapie greift aber auch ins Erbgut des Menschen ein. In China und England finden Studien an embryonaler «Ausschussware» statt. Das heisst, an Embryos, die bei künstlichen Befruchtungen nicht eingesetzt wurden. Ist das vertretbar?

Unsere Gesellschaft muss diese Entwicklung wachsam beobachten, damit die Wissenschaft ihre soziale Verantwortung wahrnimmt und die ethischen Standards nicht verletzt.

Die ethischen Leitplanken werden unterschiedlich eng gezogen. Wo liegt Ihre Grenze?

Wenn ich über all die Jahre als Onkologe und Forscher zurückdenke, gab es für mich nie ethische Hürden, in einem Bereich zu forschen – bis tatsächlich auf CRISPR. Trotz den riesigen Heilungschancen, die uns die Technologie in Aussicht stellt, würde ich als Wissenschafter die Gen-Methode nicht an embryonalem Erbgut erforschen. Das gilt auch für unser Forschungsinstitut, das die Methode in der Medikamentenforschung sonst breit einsetzt.

Sie waren jahrelang Wissenschafter und Arzt, seit gut einem Jahr sind Sie Chef über 6000 Angestellte am NIBR. Hier ticken die Uhren anders als an der Universität: Forschung soll zum kommerziellen Erfolg führen. Mussten Sie Abstriche machen?

Bei meinem Antritt war ich überrascht, wie sehr das Umfeld meinem früheren Harvard-Labor gleicht. Der Fokus ist der gleiche: Wir wollen die Moleküle aus dem Labor als Wirkstoff zu den Patienten bringen. Anders als früher ist der Forschungshorizont hier jedoch viel länger und die Schwerpunktbereiche sind viel breiter.

Trotzdem haben Sie stark restrukturiert, um den kommerziellen Output des Forschungsinstituts zu verbessern. Dieser fiel bislang bescheiden aus.

Es gab einige harte Entscheidungen, die wir treffen mussten. Allen voran mussten wir rigoros priorisieren und unser Portfolio fokussieren. Wir haben einige Standorte geschlossen, um die Forscher näher zusammenzubringen und die Zusammenarbeit mit unserer globalen Entwicklungsorganisation zu verstärken. Damit sind wir nun bereit, als eines der schnellsten und produktivsten biomedizinischen Forschungslabors zu operieren.

Wann werden Sie liefern, was Sie in Aussicht stellen?

Wenn wir mit unserer Strategie recht behalten, wird sich die Anzahl Therapien, die es aus unserem Labor in die klinischen Studien schafft, bereits in den nächsten drei bis fünf Jahren erhöhen. Letztes Jahr hatten wir acht Wirkstoffkandidaten in die Humanstudien gebracht. Fragen Sie mich im Dezember nochmals, wie viele es mit der neuen Strategie Ende 2017 sein werden.

Strategie ist das eine. Der Kulturwandel das andere. CEO Joe Jimenez bezeichnete das NIBR rückblickend als «Monolith». Dieser Gedanke dürfte auch fest in den Köpfen der Mitarbeiter verankert sein.

Es braucht Zeit, ein Institut wie das NIBR in der Grösse und Expertise aufzubauen. Das ist ein Prozess, der mehr nach innen gerichtet ist. Das haben wir nun geschafft. Jetzt geht es darum, unser Institut nach aussen zu öffnen und besser zu vernetzen.

Denken Ihre Forscher auch so?

In der Kultur steckt bereits viel Ehrgeiz und Unerschrockenheit. Diese Haltung können wir noch ausbauen. Zum Beispiel können wir noch mutiger werden.

Wie?

Haben wir den Mut, 30 Chemiker für ein Projekt bereitzustellen, um dieses mit voller Kraft voranzutreiben? Ja. Wir setzen mittlerweile 30 oder mehr Wissenschafter auf überzeugende Projekte an, die wir gewinnen müssen.

Das bedeutet zusätzliches Risiko – und das für einen Konzern, der bereits an verschiedenen Fronten unter hohem Leistungsdruck steht. Machen da die Novartis-Aktionäre mit?

Unsere Marktbewertung an der Börse ist höher als unsere Einkünfte. Das ist ein Zeichen dafür, dass unsere Aktionäre darauf vertrauen, dass wir weiterhin neuartige Therapien entwickeln werden, die ein Unternehmen mit 118 000 Mitarbeitenden rechtfertigt. In den rund eineinhalb Jahren, in denen ich nun in diesem Konzern bin, habe ich festgestellt, dass viele Investoren ziemlich genau verstehen, was wir tun und was wir damit erreichen wollen. Sie glauben an unsere Vision.

Teil Ihrer Vision ist, die Tore des NIBR zu öffnen. Das wissenschaftliche Umfeld in Boston ist sehr kollaborativ. Novartis geniesst bislang nicht gerade den Ruf, offen zu sein.

Wir kollaborieren bereits sehr aktiv. Aber wir können noch mehr tun und fokussieren darauf, ein noch offeneres Forschungsumfeld bei Novartis zu schaffen. Wir arbeiten daran, dass die Wände unseres Instituts künftig sehr viel durchlässiger für gute Erfindungen von aussen sein werden. Wir müssen uns mit den Innovatoren vernetzen, das ist ganz klar.

Sie setzen auf Innovationen von aussen. Setzen dort einen Fuss in die Tür, wo es für Sie interessant wird, aufzuspringen. Pragmatisch.

Pharmafirmen haben oft das Gefühl, sie müssten wie kleine Biotech-Unternehmen sein, die eine Idee von Grund auf entwickeln. Meiner Meinung nach ist das falsch. Sie sollten sich viel mehr wie ein Fonds strukturieren und positionieren, der Wagniskapital an Innovatoren vergibt. Das heisst, sie haben ein breites Portfolio an vielversprechenden Technologien und können jederzeit dort zugreifen, wo sich eine interessante Opportunität für sie auftut.

Die Novartis-Forschung NIBR war lange nach innen gerichtet. Haben Sie das Netzwerk und Wissen, in welchen Labors dieser Welt grosse Ideen keimen?

Novartis konzentriert sich auf acht Krankheitsfelder und hauptsächlich drei technologische Ansätze für Arzneien. In diesen Bereichen sollten wir definitiv keine blinden Flecken haben. Das  müssen  wir  sicherstellen.

Ihre Leidenschaft gilt nicht nur der Wissenschaft, sondern auch dem Baseball. Sie sind ein grosser Chicago- Cubs-Fan, der Club aus Ihrer Heimatstadt. Was nehmen Sie vom Sport für Ihre Arbeit mit?

Ich liebe die Chicago Cubs. Gleich wie am NIBR verfügen die Cubs über viele Jungtalente und legendäre Stars, die als echtes Team zusammenspielen.