Lange Gesichter und entzauberte Top-Manager am WEF. John Cryan, langjähriger Finanzchef der UBS und Nachfolger von Joe Ackermann auf dem Thron der Deutschen Bank, sah noch trauriger aus als sonst mit seinen tiefen Augenringen, als er am Mittwochabend aus dem Nobelhotel Steigenberger in die klirrende Davoser Kälte hetzte. Nur Stunden zuvor musste seine Bank eine Gewinnwarnung aussprechen. Das grösste Geldinstitut Deutschlands wird 2015 einen satten Milliardenverlust ausweisen. Der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie sackte um über 10 Prozent ab.

Der Mittwoch war auch ein Horrortag für den Versicherungskonzern Zurich. Grosse Verluste im Schadensgeschäft und millionenschwere Wertberichtigungen verhagelten dem Konzern die Jahresbilanz. Das Ergebnis lag dermassen fernab von den Erwartungen des Marktes, dass die Zurich ebenfalls eine Gewinnwarnung aussprechen musste – die zweite innerhalb weniger Monate. Der Kurs brach um 10 Prozent ein.

Am selben Abend hatte Tom de Swaan, der Verwaltungsratspräsident der Zurich, die undankbare Aufgabe, diese schlechte Botschaft einer handverlesenen Schar von Kunden und Aktionären zu vermitteln und wenigstens ein bisschen Hoffnung zu verbreiten. Das gelang ihm nicht. Entsprechend gedämpft und betreten war die Stimmung im improvisierten Festsaal, einer umgebauten Schwimmhalle.

An den offiziellen Plenarveranstaltungen des Weltwirtschaftsforums wurden Zukunftsthemen wie die vierte industrielle Revolution debattiert. Doch hinter den Kulissen, in den Neben- und Hinterzimmern, drehten sich die Gespräche vor allem um die angespannte Lage auf den Weltmärkten. Der Ölpreis unterschritt kurzzeitig die Grenze von 30 Dollar pro Barrel. Die Aktienkurse rauschten in einem Höllenritt talwärts; erst Ende Woche erholten sie sich wieder leicht.

Die Zeichen verdichten sich, dass die Börsen vor einer Zeitenwende stehen. Märkte biegen nach einer rekordlangen Hausse in einen Bärenmarkt ein, so der Tenor in Davos. Das heisst, die Aktienkurse könnten sich für längere Zeit auf Talfahrt begeben. Nur noch wenige Finanzgurus sprechen von einer Korrektur, die lediglich auf eine kurze Verschnaufpause hindeuten würde. Technisch gesehen befinden sich der deutsche Aktienindex DAX und die Märkte in China und Japan bereits im Ausverkaufsmodus. Andere wie der Schweizer SMI könnten folgen.

Heftige Kursausschläge wie in der vergangenen Woche dürften 2016 noch zunehmen. Hohe Volatilitäten sind nicht per se schlecht. Für risikofreudige Anleger sind dies eigentlich die besten Zeiten. Doch diesmal ist es anders. Die Stimmung sei «ausgesprochen seltsam», sagte der Chef einer grossen Schweizer Bank im vertraulichen Gespräch. «Wir sehen keine gesunde Volatilität. Die Investoren haben Angst und ziehen sich zurück.»

George Soros, die Hedge-Funds Legende, dessen Einschätzungen immer noch einen grossen Einfluss auf die Märkte haben, gab in Davos einmal mehr die Marschrichtung vor: Der 85-jährige Milliardär sagte zu Finanzjournalisten, dass er «bearish» positioniert sei und den S&P-500-Index «shorte». Er spekuliert damit auf fallende Kurse.

George Soros sieht die Welt in einer Deflationsspirale gefangen. Aus dieser Welt der fallenden Preise wieder herauszukommen, ist nicht einfach. Der britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson glaubt, dass 2016 das Jahr wird, in dem allen klar wird, dass die Notenbanken trotz allen Massnahmen «nicht in der Lage sind, Inflation zu generieren», sagt er. Wir lebten in deflationären Zeiten bei gleichzeitig steigenden Schulden. Das sei ein gefährlicher Mix. Die Annahme, dass Zentralbanken einfach so die Inflation steuern können, erweise sich als falsch. Das werde jetzt immer deutlicher. Das sei fatal für Notenbanken. «Sie werden in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten», sagt Ferguson Ein ehemaliger Notenbanker sieht es ähnlich. Das Pulver der Notenbanken sei verschossen. Zwar würden sie versuchen, mit noch drastischeren Massnahmen ihre Inflationsziele zu erreichen. Der Geldpolitiker geht davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen in kleinen Schritten auf minus 0,5 Prozent senken wird. Die Schweiz sei dabei ein Vorbild: «Man hat gesehen, dass die Negativzinsen zu keiner Katastrophe in der Schweiz geführt haben, also kann auch EZB-Chef Mario Draghi die Zinsen weiter senken.»

Die Zinsen der SNB liegen seit Monaten bei minus 0,75 Prozent. Mit einer Absenkung des Zinsniveaus in der Eurozone wird der Zinsunterschied zum Schweizer Franken jedoch kleiner. «Die SNB wird aber kaum mehr weiter heruntergehen können», ist der Banker überzeugt. «Deshalb wird der Druck auf den Schweizer Franken zunehmen», sagt er.

Er geht davon aus, dass der Euro-Franken-Kurs auf 1.05 fallen könnte. Die SNB müsse nun durch taktische und überraschende Interventionen versuchen, die Aufwertung so gut es geht zu managen.

Weil die Massnahmen der Notenbanken keine Wirkung mehr zeigen, seien jetzt die Staaten gefordert. Es liege jetzt mehr an den Regierungschefs in Italien oder Frankreich, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Dazu müsse man an der Basis ansetzen, mit Arbeitsmarkt- und Steuerreformen. Ins gleiche Horn bläst Ferguson, der im Interview den USA Strukturreformen empfiehlt.

Wer sich umschaut, sieht fast überall nur noch Probleme. In China, in Japan, in den Schwellenländern, in Europa, in den USA. Wirklich überall?

Erfrischend war der Auftritt von Bankerlegende Bob Diamond, der lange Zeit den Finanzkonzern Barclays führte und 2012 im Strudel des Libor-Skandals zurücktrat. Er gründete 2013 die Bankgruppe Atlas Mara mit operativem Hauptsitz in Ruanda. Die Wachstumsraten in der ehemals durch Bürgerkriege zerrissenen Region liegen bei über 8 Prozent. Damit ist das Land in Ostafrika eine der wenigen Wachstumslokomotiven in der Welt. Eine kleine zwar, aber eine mit Zukunft.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper