Herr O’Leary, ab April fliegt Ryanair wieder Basel an, nach vier Jahren Unterbruch. Weshalb?
Michael O’Leary: Basel ist eine unterbediente Destination in der Schweiz. Wir kehren zurück, weil wir eine Einigung mit dem Flughafen erzielt haben für eine günstige Kostenstruktur. Im Gegenzug liefern wir Verkehrswachstum.

Das heisst, Sie erhalten Rabatt?
Ich würde es eher einen Anreiz nennen anstatt Rabatt. Wir fliegen ab April neu täglich nach London Gatwick und drei Mal pro Woche nach Dublin. Wir spüren bereits jetzt eine grosse Nachfrage.

Entgegen Ihrem bisherigen Konzept, keine teuren Hauptflughäfen anzufliegen, bedienen Sie nun auch Städte wie Madrid, Rom oder Lissabon. Folgen bald Genf und Zürich?
Zürich und Genf anzufliegen ist schwieriger, weil beide teuer sind und bereits von teuren Airlines wie Swiss und Easyjet bedient werden. Ihre Zahlen steigen auch ohne uns. Deshalb halte ich es kurzfristig für unwahrscheinlich, dass wir nach Zürich oder Genf fliegen. Aber wir werden weiterhin Gespräche mit beiden Flughäfen führen.

Sie möchten Ryanair ein besseres Image verpassen und die Passagiere weniger verärgern. Weshalb kommt diese Einsicht erst jetzt?
Dieser Schritt ist ein laufender Prozess, den wir bereits vor 18 Monaten eingeleitet haben. Wir haben realisiert, dass unsere wir unsere veraltete Homepage modernisieren müssen. Und wir sorgten zu oft für negative Schlagzeilen. Wir versuchen nun, netter zu unseren Kunden zu sein. Man kann nur eine gewisse Zeit nur mit tiefen Preisen weiterkommen.

In den nächsten fünf Jahren planen Sie, die Passagierzahl von 81 auf 110 Millionen zu steigern, unter anderem mit mehr Geschäftsreisenden.
Genau, deshalb fliegen wir jetzt mehr Hauptflughäfen an. Das wollen diese Kunden. Und sie wollen eine Sitzplatznummer, eine gute Webseite und ein zweites Handgepäck ohne Aufpreis. Für das Wachstum haben wir 175 neue Boeing-737-Maschinen bestellt.

Sie werden nicht mehr jedes Handgepäckstück nachmessen?
Wir waren da sicher sehr streng. Wir haben aber festgestellt, dass 70 Prozent der Koffer, die von unserem Personal abgemessen wurden, unsere Anforderungen erfüllten. Das werden wir in Zukunft lockerer handhaben, damit die Kundinnen ihre Handtasche nicht mehr in ihren Rollkoffer quetschen müssen.

In der Branche gelten Sie als verrückter Kauz, der mit schrillen PR-Aktionen die Aufmerksamkeit sucht. Sie verkleideten sich schon als Kobold, Hofnarr und als Flight Attendant. Nun wollen Sie sich plötzlich seriös geben. Das ist schwer zu glauben!
Das Bild von mir als Robin Hood, der ständig ruft, wir haben die tiefsten Preis, muss sich weiterentwickeln. Wir haben jetzt erstmals einen Marketingchef. Ich muss nicht mehr das Gesicht von Ryanair sein oder mich als Weihnachtsmann verkleiden, um Aufmerksamkeit zu generieren. Wir sind nicht mehr der kleine Herausforderer. Wir sind in vielen Ländern wie Spanien, Irland, Polen oder Italien klarer Marktführer.

Wann sind Sie zum letzten Mal mit der Swiss geflogen?
Noch nie. Vor 25 Jahren musste ich nach Rumänien, um ein geleastes Flugzeug abzuholen. Swissair flog damals als eine der wenigen Airlines nach Rumänien. Zur Swiss habe ich keine grosse Meinung. Als Lufthansa-Tochter macht sie ihre Sache gut. Aber ihre Preise sind sehr hoch, genauso wie ihre Kosten.

Etihad Airways aus Abu Dhabi will mit der Tessiner Darwin Airline unter dem Namen Etihad Regional Europa erobern. Haben Sie Angst?
Etihad scheint sich darauf zu spezialisieren, überall bankrotte Fluggesellschaften in Europa aufzukaufen. Das halte ich nicht für eine besonders intelligente Strategie. Aber Etihad hat sehr tiefe Taschen. Und weil sie mein Lieblings-Fussballteam Manchester City sponsoren wünsche ich ihnen weiterhin viel Erfolg bei ihrem Plunder-Einkauf. Seien wir ehrlich, es gibt enorm viele Müll-Airlines in Europe, und ich hoffe Etihad wischt sie alle auf.

Die Chefs von Lufthansa und Swiss kritisieren, die Golf Airlines würden unter unfairen Wettbewerbsbedingungen operieren. Haben sie Recht?
Nein. Lufthansa, Swiss oder Air France operieren seit Jahren mit unfairen Wettbewerbsbedingungen. Und jetzt, wo plötzlich ihr Langstecken-Monopol angegriffen wird, haben sie Angst. Ich finde diese Entwicklung gut. Die Golf Airlines haben die Preise zum Sinken gebracht, vor allem auf der Langstecke. Das ist einfach typisch für die Lufthansa. Jedes Mal wenn etwas Konkurrenz auftaucht, fangen sie an zu jammern.

Ökologisch sinnvoll ist es auf jeden Fall nicht, Umwege über die Wüstenstädte Abu Dhabi oder Dubai zu fliegen.
Und mit Lufthansa fliegen Sie von München über Frankfurt nach Paris. Da ist es müssig, über Ökologie zu sprechen. Die Leute wollen mehr Auswahl, mehr Konkurrenz und tiefere Preise. Wenn die Golf Airlines dafür sorgen, so sei es.

Hatten Sie in den letzten Jahren Jobangebote von den arabischen Fluggesellschaften?
Nein, die könnten sich mich gar nicht leisten.

Würden Sie denn je zu einer anderen Airline wechseln?
Nein, nichts macht mir angezogen mehr Spass als Ryanair-Chef zu sein.

Dieses Amt üben Sie seit 20 Jahren aus. Wie lange bleiben Sie noch?
Solange wir spannende Projekte haben. Ich habe nicht vor, in den nächsten drei, vier Jahren abzutreten, vielleicht aber schon, wer weiss. Das hängt auch vom Verwaltungsrat und den Aktionären ab und ob sie mit meiner Arbeit zufrieden sind.

Was denken Sie, wie sieht Europas Aviatikmarkt in zehn Jahren aus?
Die fünf Grossen werden dominieren: Lufthansa, Air France, British Airways für den Umsteigeverkehr, und auf der Kurzstrecke Ryanair und Easyjet. Und natürlich werden die Golf Airlines weiter angreifen.

Etihad-CEO James Hogan prophezeite in der «Schweiz am Sonntag» den europäischen Airlines schwere Zeiten voraus, weil die Züge wichtiger würden.
Blödsinn. Die europäischen Zuganbieter sind gewöhnlich sehr langsam, sehr teuer und stark subventioniert. Züge werden nur auf wenigen Strecken zur Konkurrenz wie Barcelona-Madrid, London-Paris, London-Brüssel, Paris-Nizza oder Paris-Lyon. Mehr nicht.

Richard Branson, Gründer des Virgin-Konzerns, plant kommerzielle Flüge ins Weltall. Hatten Sie noch nie eine solche Idee?
Ich halte solche Ideen für verrückt. Ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen, als eine Stunde im Weltall gefangen zu sein. Wie das kommerziell aufgehen soll, weiss ich nicht. Ich fliege die Leute lieber an spannende Destinationen in Europa und vielleicht in die USA.

Sie sprechen schon lange von billigen Flügen über den Atlantik. Geschehen ist nichts.
Weil die arabischen Airlines alle grossen Langstrecken-Flugzeuge aufkaufen! Aber das Ziel lautet nach wie vor, irgendwann für zehn Euro in die USA fliegen zu können und für zehn Dollar zurück.

Die Billig- und Traditionsairlines gleichen sich an. Sie verbessern ihren Service, während die Swiss...
…weiterhin teure Preise verlangt.

Die Swiss wirbt in Genf zurzeit mit Preisen ab 39 Franken.
Das ist ein mystischer Preis, der bei der Swiss vielleicht einmal im Jahr auftaucht. Wir haben das analysiert. Der durchschnittliche Ticketpreis der Swiss betrug letztes Jahr rund 200 Euro. Bei uns waren es 48 Euro. Niemand lässt sich von den 39 Franken täuschen.

Was waren Ihre Gedanken vor drei Wochen nach dem Absturz der Malaysian-Airlines-Maschine?
Es ist eine Tragödie und das Albtraumszenario für jede Airline. Man weiss ja noch immer nicht genau, was die Ursache war. Unsere Gedanken und Gebete gelten den Hinterbliebenen in dieser schwierigen Zeit. Das Schlimmste ist die Ungewissheit, nicht zu wissen, was genau passiert ist. Je schneller die Behörden der Sache auf den Grund gehen können, desto besser.

Bereiten Ihnen solche Unfälle als Airline-Chef schlaflose Nächte?
Nein. Wir kümmern uns jeden Tag um die Sicherheit. Vielleicht war es bei der Malaysian Airlines kein Sicherheitsdefekt, sondern ein terroristischer Hintergrund. Ich weiss es nicht. Am Schluss ist es egal, wie tief die Preise sind, wie gross die Flotte ist oder wie erfolgreich die Airline arbeitet. Sicherheit geht immer vor.

Sie halten vier Prozent an Ryanair und sind einer der reichsten Männer Irlands...
...Irland ist ein sehr armes Land.

Wofür geben Sie Ihr Geld aus?
Meine Frau gibt mein Geld aus.

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