Die Beschäftigten in der Pharma- und Chemieindustrie können nächstes Jahr mit den grössten Lohnerhöhungen rechnen. Am knausrigsten sind das Bildungswesen und die Dienstleister für Unternehmen. Das zeigt die bedeutendste repräsentative Umfrage unter den Schweizer Personalchefs, die der «Schweiz am Sonntag» vorliegt.

Demnach planen knapp 88 Prozent aller Unternehmen eine Lohnerhöhung. Bei 12 Prozent wird eine Nullrunde erwartet, lediglich 0,3 Prozent wollen die Löhne senken. Im Auftrag der Zürcher, Basler und Berner Gesellschaften für Personalmanagement befragte die St. Galler Beratungsfirma Know.ch die Personalleiter von 363 Deutschschweizer Firmen. In den meisten Branchen haben die Lohnverhandlungen zwar noch gar nicht begonnen. Doch die alljährlich durchgeführte Umfrage hat in den vergangenen Jahren das Ergebnis ziemlich präzise vorweggenommen. Denn wer wüsste es genauer als die obersten Personalverantwortlichen?

Aus der Umfrage lässt sich ein klarer Trend herauslesen: Insgesamt liegen die geplanten Nominallohnerhöhungen am häufigsten zwischen 0,5 und 1,5 Prozent. Die Industrie ist grosszügiger als der Dienstleistungssektor: Die meisten Industriefirmen erhöhen die Löhne zwischen 1 und 1,5 Prozent, bei Dienstleistungsfirmen sind es 0,5 bis 1 Prozent. Der Mittelwert über alle Branchen liegt bei ungefähr 1 Prozent.

Damit dürften die Gewerkschaften nicht zufrieden sein. Travail Suisse fordert Lohnerhöhungen in der Grössenordnung von 2 Prozent. Die Angestellten Schweiz verlangen 1,7 bis 2,3 Prozent mehr Lohn. Die grösste Dachorganisation der Arbeitnehmer, der Schweizerische Gewerkschaftsbund, legt seine Forderungen am Dienstag vor.

Eine durchschnittliche Erhöhung der Löhne um 1 Prozent sei machbar, sagt Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. «Lohnerhöhungen insgesamt über alle Branchen im Rahmen des Vorjahres sind vermutlich nicht unrealistisch, obwohl sich die wirtschaftlichen Aussichten in gewissen Bereichen verschlechtern.» Die grössten Sorgen hat Vogt wegen Deutschland, dem mit Abstand wichtigsten Handelspartner der Schweiz. Mehrere deutsche Wirtschaftsinstitute warnten diese Woche, dass die europäische Exportlokomotive in die Rezession abzuschlittern droht. Die Industrieaufträge sind überraschend gesunken, die Produktion ist schwach, und die Stimmung hat sich verschlechtert.

Auch in der Schweiz gibt es Anzeichen, dass sich das Wachstum abschwächen könnte. So hat im zweiten Quartal der Auftragseingang in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie abgenommen, wie der Branchenverband Swissmem vor einer Woche bekannt gab. Auch die Exporte gingen zurück.

Unsicherheiten zeigen sich auch in der Bauwirtschaft. Die Baubewilligungen und die Baugesuche sind seit mehr als einem Jahr rückläufig. Der lange Wachstumszyklus der Bauwirtschaft neigt sich gemäss dem am Donnerstag veröffentlichten Bauindex der Credit Suisse und des Schweizerischen Baumeisterverbands dem Ende zu.

Insgesamt rechnen die Ökonomen aber nicht mit einem Einbruch der Schweizer Wirtschaft. Das Konjunkturbarometer der ETH Zürich, das als einer der besten Frühindikatoren gilt, stieg im August sogar wieder nahe an das Langfristniveau. Das heisst, dass sich das Wachstum der Schweizer Wirtschaft in etwa auf dem langfristigen Durchschnitt stabilisieren dürfte. Das Staatssekretariat für Wirtschaft rechnet für das laufende Jahr nach wie vor mit einem Wirtschaftswachstum von 2 Prozent und sagt fürs kommende Jahr gar ein Wachstum von 2,6 Prozent voraus.

Das Ergebnis der Lohnverhandlungen werde je nach Branche und Unternehmen deutlich variieren, sagt Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt. Überdurchschnittliche Lohnerhöhungen erwartet er in der Pharma- und Uhrenindustrie. Nur geringe Lohnerhöhungen werde es dagegen in der Medienbranche und im Baugewerbe geben.

Die Schlüsselfrage für die Lohnempfänger ist jedoch, wie hoch nächstes Jahr die Teuerung ausfallen wird. Denn davon hängt ab, wie viel ihnen letztlich in der Tasche verbleibt. Die Nationalbank und das Staatssekretariat für Wirtschaft sagen eine Teuerung von plus 0,4 Prozent voraus. Trifft diese Prognose zu, ergibt das fürs kommende Jahr immer noch eine durchschnittliche Reallohnerhöhung von gut einem halben Prozent.

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