Sika machte diese Woche ihrem Slogan «Building Trust» keine Ehre. Das Vertrauen ist weg. Doch jetzt laufen hektische Gespräche, um doch noch eine Einigung herbeizuführen. Ziel der Gründerfamilie Burkard und der zukünftigen Mehrheitseignerin Saint-Gobain ist, die Geschäftsleitung rund um Konzernchef Jan Jenisch vom angedrohten Rücktritt abzuhalten, sobald der Verkauf über die Bühne gegangen ist.

«Saint-Gobain hat mündlich die Absicht geäussert, die Geschäftsleitung trotz ihres Widerstands gegen die Übernahme zum Bleiben zu motivieren», bestätigt der bisherige Verwaltungsratspräsident Paul Hälg. Sein designierter Nachfolger Max Roesle sagt: «Die Entlassung von Jan Jenisch ist nicht vorgesehen. Er darf eine andere Meinung haben. Es war eine emotionale Reaktion, das darf man ihm nicht übel nehmen.»

Die Deeskalationsphase ist also eingeleitet. Denn Roesle ist klar, dass die einzigartige Erfolgsgeschichte von Sika wesentlich der Führungsriege um Jenisch zu verdanken ist. Und dass womöglich weiterer Aktienwert vernichtet wird, wenn das Management geht. Immerhin hat es Sika zum grössten Bauchemiehersteller der Welt und zum zweitgrössten Klebstoffhersteller für industrielle Anwendungen gemacht. Nicht nur Jenisch dürfe bleiben, sagt Roesle, sondern die gesamte Geschäftsleitung. «Auch den anderen Konzernleitungsmitgliedern wird nicht gekündigt. Sowohl Saint-Gobain wie alle Stakeholder haben ein Interesse, die Lage zu beruhigen.»

Hinter den Kulissen wird nach Lösungen gesucht, die es der Konzernleitung erlauben würden, das Gesicht zu wahren und an Bord zu bleiben. Dem Vernehmen nach geht es dabei um einen Abtausch überlappender Geschäfte zwischen Saint-Gobain und Sika. Direkte Konkurrenten sind sie im Mörtel-, Zement- und Fliesengeschäft. Als Maximalvariante ist denkbar, dass Sika von Saint-Gobain das gesamte Bau- und Dämmstoffgeschäft übernimmt, um klare Verhältnisse zu schaffen und die Interessenkonflikte aus dem Weg zu räumen. Nur: Sika hat dieses Geschäft bislang viel rentabler betrieben; es käme also zu einer Gewinnverwässerung.

In den Gesprächen sind auch die Wettbewerbsvorteile in dreistelliger Millionenhöhe ein Thema, die sich Saint-Gobain vom Deal erhofft. Angedacht ist die Gründung eines gemeinsamen Synergienkomitees, das entscheiden soll, welchen Anteil der geplanten Zusatzeinnahmen Sika erhält. Umgekehrt wird es zu einem Seilziehen kommen, welchen Anteil der erhofften Kostenersparnisse Sika tragen muss. Einfach werden die Gespräche nicht. Schon am Samstag machte die Sika-Führung laut Verwaltungsrätin Monika Ribar konstruktive Vorschläge, die von Saint-Gobain alle abgeblockt wurden. Sie sagt: «Die Idee, Geschäfte abzutauschen, wurde von uns geäussert. Sie wurde von Saint-Gobain abgelehnt.»

Die Wogen will der künftige Präsident Max Roesle auch auf Ebene des Verwaltungsrats glätten. An einer ausserordentlichen Generalversammlung, die Ende Januar stattfindet, werden die Sika-Erben zwar die drei widerspenstigen Verwaltungsräte Paul Hälg, Monika Ribar und Daniel Sauter abwählen. Doch die drei übrigen Oppositionellen Frits van Dijk, Ulrich Suter und Christoph Tobler dürfen bleiben. «Die Abwahl der anderen drei unabhängigen Verwaltungsratsmitglieder ist nicht vorgesehen», sagt Roesle. Ein Sprecher der Familie bestätigt die Information. Suter scheidet allerdings ohnehin an der ordentlichen Generalversammlung aus, da er die Altersgrenze von 70 Jahren erreicht.

Ein jahrelanger Streit innerhalb der Familie Burkard war einer der Auslöser für den Verkauf ihres Aktienpakets, dank dem sie 2,75 Milliarden Franken reicher geworden ist. Ein enger Vertrauter der Familie sagt, die fünf Geschwister seien seit Jahren zerstritten gewesen. Die drei älteren fühlten sich offenbar gegenüber den zwei jüngeren immer benachteiligt. «Die Familie hatte gewisse Konflikte», bestätigt Verwaltungsratspräsident Paul Hälg. «Sie haben nicht alle das Heu auf der gleichen Bühne.»

Als vor genau einem Jahr die Mutter starb, eskalierte der Streit. Der jüngste Sohn, Fritz Burkard, verliess den Verwaltungsrat der Schenker-Winkler Holding, welche die Familie kontrolliert. Er wollte offenbar Konzernchef werden, was ihm weder die übrige Familie noch das Management zutrauten. «Fritz Burkard hatte Ambitionen im Konzern», bestätigt Hälg. «Nach dem Tod der Mutter muss etwas gebrochen sein in der Familie.» Mehrere Quellen bestätigen, dass die Familie den ersten Schritt zum Verkauf machte. Sie trat von sich aus an Saint-Gobain und weitere mögliche Käufer heran.

Den Vorwurf, sie hätten mit ihrer widerspenstigen Haltung den Kurssturz herbeigeführt und damit den Publikumsaktionären geschadet, lassen Hälg und Ribar nicht auf sich sitzen. Sie sagen, der Aktienkurs wäre sowieso gefallen, weil die Übernahme für Sika schlecht ist. Der beste Beweis sei, dass die Ratingagentur Standard & Poor’s angekündigt hat, sie senke ihr Rating.

Wie zur Bestätigung sei nun auch der Aktienwert von Saint-Gobain stark gefallen. Die Sika-Aktien verloren diese Woche 25,6 Prozent ihres Werts, während die Gründerfamilie ihre privilegierten Aktien vergoldet.

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