Bereits bei seinem Amtsantritt war vielen Beobachtern klar, dass der Tessiner Sergio Ermotti dereinst Oswald Grübel als Konzernchef der UBS ablösen könnte. Sein Name tauchte diese Woche wieder auf, als sich bei der grössten Bank der Schweiz ein Köpferollen auf höchster Ebene abzeichnete.

Doch wer ist dieser 51-jährige Ermotti, der die meiste Zeit seiner beruflichen Karriere bei riesigen Banken im Ausland verbrachte? Fragt man Mitarbeiter, fällt schnell einmal das Wort Charisma. Ermotti zeichne eine starke physische Präsenz aus. Er fülle den Raum, wenn er ihn betrete, sagen Vertraute. Er sei analytisch, könne sich schnell in Themen einarbeiten und zeichne sich in Sitzungen durch pointierte Wortmeldungen aus.

Und er sehe schlicht umwerfend aus. «Haben Sie gesehen, wie der aussieht?», fragt ein UBS-Kadermann ungläubig. Das seien zwar nur Nebensächlichkeiten, doch Ermotti könnte glatt als Hollywood-Schauspieler oder Dressman durchgehen. Der 51-jährige Banker lebt in Lugano, ist Vater zweier Söhne und pendelt zwischen dem Hauptsitz in Zürich, einem weiteren Büro in London und dem Tessin, wo er aufgewachsen ist.

Seine Karriere begann unspektakulär mit einer Banklehre bei der Cornèr Bank. Später absolvierte er ein Managementprogramm der Universität Oxford. Er arbeitete zunächst bei der Citigroup, später 18 Jahre bei der Investmentbank Merrill Lynch, wo er rasch Karriere machte und als Co-Chef für das Aktiengeschäft in die Konzernleitung aufstieg – kein Schweizer vor ihm hatte es je so weit nach oben bei einer grossen USInvestmentbank geschafft.

2005 zog es ihn zur italienischen Grossbank Unicredit. Dort war er die Nummer zwei hinter Alessandro Profumo, der nach einer undurchsichtigen Intrige zurücktreten musste. Ermotti, der die Investmentbanking-Sparte leitete, wurde bei der Nachfolge übergangen und verliess darauf das italienische Institut Richtung UBS. Dort ist er seit April für das Europa-Geschäft verantwortlich.

Er ist in Bankkreisen sehr gut vernetzt, aber da er den grössten Teil seiner Karriere in London und Mailand verbracht hat, kennt man ihn in der Deutschschweiz kaum. Bei seinem Engagement bei Merrill Lynch traf er auf Marcel Ospel, der dort ein kurzes Intermezzo hatte, und auf den späteren Swissfirstbank-Gründer und heutigen SVP-Nationalratskandidaten Thomas Matter, dessen Vorgesetzter Ermotti war. «Sergio ist ein Glücksfall für die UBS», sagt Matter zum «Sonntag». Der Kontakt ist nie abgebrochen, gelegentlich treffe er ihn privat.

Im Tessin ist Ermotti auch als Unternehmer aktiv. So ist er seit 2007 Verwaltungsratspräsident der Tessiner Regionalfluggesellschaft Darwin Airline. Zudem ist er Mitbesitzer einer Luxushotel-Kette im Tessin. Von 2006 bis zu seinem Antritt bei der UBS war Ermotti ausserdem Verwaltungsrat in Tito Tettamantis Fidinam Holding. Laut der Auskunftsdatei Teledata gründete er Ende Mai 2011 die Familienstiftung Fondazione Ermotti mit Postadresse bei Tettamantis Fidinam. Er ist auch VR-Mitglied der Tessiner Investmentgesellschaft Enterra.

Auf den Schultern des Tessiners lastet ab sofort eine riesige Verantwortung über fast 65000 Mitarbeiter und eine Bilanz von 1,2 Billionen Franken. Speziell entlöhnt wird er deswegen vorerst nicht, wie ein Sprecher der UBS bestätigt. Ermotti bezieht bis Ende Jahr weiterhin das gleiche Grundgehalt. Der Bonus könne sich durch die neue Aufgabe jedoch ändern. Zwar wurde gestern betont, dass Ermotti lediglich zum «Group CEO ad interim» ernannt worden sei – also als Chef auf Zeit, bis ein Nachfolger für Oswald Grübel gefunden wurde. Doch die Suche dürfte sich lediglich darauf kaprizieren, keinen Besseren zu finden.

An einer kurzfristig einberufenen Telefonkonferenz liess der neue UBS-Chef gestern keinen Zweifel daran, dass er nicht der neue permanente CEO der Bank sei. «Ich bin mir der enormen Bedeutung dieses Amts voll bewusst. Ich zähle voll auf die Unterstützung meiner Kollegen bei dieser Herausforderung.» Es würde auch keinen Sinn machen, angesichts der grossen Herausforderungen der Bank. Offensichtlich nimmt VR-Präsident Kaspar Villiger Rücksicht auf Axel Weber, den designierten VR-Präsidenten.

Die Mitarbeiter müssen sich unter Ermotti auf turbulente Zeiten einstellen: «Durch diese müssen wir hindurch», sagt er. Sein wichtigster Job wird es sein, die Investmentbank weiter zu redimensionieren und bis zum 17. November an der Investorenkonferenz einen Plan zu präsentieren, in welchen Bereichen die UBS weiter abspecken wird.

Die Bank hielt gestern fest, dass sie strategisch an der Investmentbank und dem integrierten Bankmodell festhalte. In gewissen Bereichen und Regionen, wo die Investmentbank keine gute Marktposition hat, dürften drastische Einschnitte die Folge sein. Ein Rückbau bei den festverzinslichen Anlagen ist entschieden. Der Aktienhandel, wo die UBS unter Grübel die Weltmarktführerschaft zurückerobert hat, dürfte unangetastet bleiben.

In diesen Bereich gehört auch die skandalträchtige Delta-1-Abteilung, in welcher der 31-jährige Händler Kweku Adoboli 2,3 Milliarden Dollar an die Wand gefahren hat. Auf die Frage des «Sonntags» sagte Ermotti, dass Delta-1 kundenorientiertes Geschäft betreibe. «Daher gibt es keinen Grund, die Abteilung aufzuheben», sagte er, der neben seiner Muttersprache Italienisch auch Deutsch, Englisch und Französisch spricht.

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