VON PETER BURKHARDT

Kaum ein Schweizer Unternehmen hat im letzten Jahrzehnt so viele Stellen abgebaut wie der Basler Spezialchemiekonzern Clariant. Allein im vergangenen Jahr verordnete Konzernchef Hariolf Kottmann viermal eine rigorose Sparrunde: Im Januar kündigte er den Abbau von 1350 Stellen an, im Juni opferte er weitere 500 Arbeitsplätze, im Oktober nochmals 800 und im November 570. Ausserdem gab er die Schliessung von vier Werken in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Mexiko bekannt, was zu Protesten von Arbeitern führte.

die Schrumpfkur geht in diesem Jahr weiter: An einer Investorentagung in Bad Ragaz verkündete Kottmann vor einer Woche, im zweiten Quartal werde die Streichung von 500 weiteren Stellen bekannt gegeben. Konzernsprecher Arnd Wagner bezeichnet dies als grobe Schätzung. «Aber es ist klar, dass es im laufenden Jahr zu weiteren Restrukturierungen und damit auch zu einem weiteren Abbau von Arbeitsplätzen kommt.» Kündigungen könnten nicht ausgeschlossen werden.

Clariant ist in über hundert Ländern vertreten, in 33 davon mit eigenen Produktionsstandorten. Wo die Stellen aufgehoben werden, ist noch offen.

Sicher ist, dass vom neusten Kahlschlag erneut die Fabrikmitarbeiter betroffen sein werden. «Wir untersuchen weltweit alle Bereiche der Produktion», bestätigt Wagner. Treffen könnte es auch die Schweiz. «Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass in Muttenz oder an den anderen Schweizer Standorten Arbeitsplätze abgebaut werden.»

Darüber hinaus lässt Konzernchef Hariolf Kottmann alle Standorte weltweit noch einmal auf ihre Rentabilität durchleuchten. Das Unternehmen werde die Werkschliessungen beschleunigen, kündigte er in Bad Ragaz an. Kein Standort und keine Fabrik sind heilig: «Jeder der zehn Geschäftsbereiche wird angeschaut», sagt Arnd Wagner. «Daraus ergeben sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Schliessungen ganzer Standorte oder einzelner Produktionsstätten. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird das zu einem weiteren, bisher noch nicht kommunizierten Arbeitsplatzabbau führen.» Auch davon könnte die Schweiz betroffen sein.

Der Konzern mit Hauptsitz in Muttenz BL wurde von der Wirtschaftskrise hart getroffen. Die Nachfrage aus der Auto- und der Textilindustrie brach ab Herbst 2008 dramatisch ein. Im ersten Halbjahr 2009 sank der Umsatz um über einen Fünftel, und das Unternehmen rutschte in die roten Zahlen.

Die von Kottmann verordneten Kahlschläge zeigten bisher Wirkung: Im dritten Quartal schaute wieder ein kleiner Reingewinn heraus. Doch sei es noch zu früh, Entwarnung zu geben, sagt Clariant-Sprecher Arnd Wagner: «Vor 2012 rechnen wir nicht mit einer nachhaltigen Belebung der Nachfrage.» Der harte Sparkurs müsse deshalb fortgesetzt werden, um das Überleben des Unternehmens zu sichern. «Es ist ein schmerzhafter Prozess, dem wir uns aber stellen müssen.»

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