Die Schweizer Wirtschaft brummt, die Auftragsbücher sind gefüllt, die Umsätze steigen. Dennoch warnt Ihr Verband vor dramatischen Folgen des starken Frankens. Sind Sie nicht zu pessimistisch?
Hans Hess: Nein, denn die Statistiken zeigen nur eine Seite der Medaille. Die Gewinne der Unternehmen verschlechtern sich laufend, weil sich der Franken in den letzten 18 Monaten um 20 Prozent aufwertete. Die meisten kleinen Schweizer Industriefirmen mussten die Preise senken, weil die Konkurrenten in Europa 20 Prozent tiefere Preise offerieren können. Das kann man in keiner Statistik nachlesen, weil nur börsenkotierte Firmen Gewinnzahlen ausweisen.

Wie viele Industriefirmen sind in den roten Zahlen?
Ein Drittel schreibt Verluste und lebt von der Substanz. Allein von unseren Mitgliedern sind rund 300 Firmen mit insgesamt 25000 Angestellten betroffen. Jeden Monat fallen mehr Firmen in die Verlustzone. Wenn sich die Währungssituation weiter verschlechtert, werden etliche dieser Unternehmen irgendwann ihr Geschäft aufgeben oder die Arbeitsplätze verlagern müssen.

Sie befürchten eine eigentliche Abwanderungswelle?
Ja, wenn sich der Franken weiter verstärkt. Und danach werden das Knowhow und die Arbeitsplätze fehlen. Wenn Sie wissen wollen, wie es Ländern geht, welche die Industrie vernachlässigt haben, dann müssen Sie nur nach England schauen. Es hängt nur noch am Dienstleistungs- und Finanztropf und geht jetzt durch ganz schwere Zeiten.

Kann man 20 Prozent Preisnachteil mit Mehrarbeit aufholen?
Das kann eine sinnvolle Massnahme sein. Wenn eine Firma ein Produkt in einer statt erst in zwei Wochen liefert, kann sie dafür einen höheren Preis lösen. Mehrarbeit sieht der Krisenartikel in unserem Gesamtarbeitsvertrag ausdrücklich vor. Ich erwarte, dass die Mitarbeiter und Sozialpartner jetzt mithelfen.

Bei gleichem Lohn?
Ja. Nur so liesse sich die Produktivität steigern und damit die Nachteile aus der Frankenstärke ein wenig kompensieren. Dann bügelt man am Samstag eben auch noch und kann die Zeit später dafür kompensieren. Das mag vielleicht unpopulär sein. Aber es ist immer noch besser, als diese Stellen zu streichen.

Gewerkschaften hegen den Verdacht, dass die Arbeitgeber wegen des starken Frankens die Löhne senken wollen.
Bestimmt machen sich einzelne Arbeitgeber diese Gedanken.

Wird es eine positive Lohnrunde in der Schweiz geben?
Unternehmen, die stark betroffen sind, können sicher keine Lohnerhöhungen gewähren. Zudem haben wir fast keine Inflation. Der Druck für eine Lohnerhöhung ist nicht da.

Wie viele Unternehmen werden noch in die Verlustzone hineinrutschen?
Ich weiss es nicht. Klar ist, dass 2012 noch schwieriger wird. Ich sehe viele Gründe, warum der Franken noch stärker wird, und sehr wenige, warum er schwächer wird. Ich mache mir Sorgen um einen Griechenland-Schock.

In wie vielen Monaten führt der starke Franken zu einer höheren Arbeitslosigkeit?
Wenn jetzt eine Verlagerung entschieden wird, was viele Unternehmen derzeit überlegen, dann hat das frühestens Ende Jahr Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Ich mache mir grösste Sorgen, denn das ganze Ausmass der Eurokrise wird man erst in ein, zwei Jahren sehen. Wenn der Auslagerungsprozess einmal gestartet ist, dann ist er irreversibel. Es wird eine blutige Bremsspur geben in den nächsten zwei Jahren.

Wenn Griechenland pleitegeht, könnte es zu einer unkontrollierten Aufwertung des Frankens kommen. Was sind Ihre Szenarien für diesen Fall?
Ich habe die Befürchtung, dass es nochmals zu einem Schock kommen und der Eurokurs im Extremfall bis auf 1 Franken fallen könnte. Ich rufe die Nationalbank auf, ihren Handlungsspielraum wirklich auszunutzen und einer Schnellstabwertung entgegenzuwirken.

Wie?
Im äussersten Notfall mit Interventionen. Wenn der Euro innerhalb von Tagen oder Wochen auf Fr. 1.10 oder 1 Schweizer Franken sinken würde, dann erwarte ich, dass die Nationalbank alles unternimmt, was sinnvoll ist, um dem entschieden entgegenzuwirken.

Wollen Sie den Franken an den Euro binden?
Ich kann der Nationalbank nicht vorschreiben, was das beste Mittel ist. Das muss sie wissen. Aber ich sage ihr: Schaut mal, was andere vergleichbare Länder in einer ähnlichen Situation tun, ohne dabei das ganze Volksvermögen zu verschleudern. Und ich frage: Gibt es eine Möglichkeit, den Schweizer Franken temporär an den Euro anzubinden? Die Nationalbank muss die temporäre Anbindung des Frankens an den Euro zumindest prüfen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Land in einer schwierigen Situation seine Währung an die eines anderen Landes anbindet.

Was sagt die Nationalbank zu Ihrer Forderung?
Sie lässt das in ihre Überlegungen einfliessen. Die Nationalbank hat vorbehaltene Beschlüsse in der Schublade. Es ist klar, dass sie nichts dazu sagt, denn die Finanzhaie warten nur auf eine Reaktion der Nationalbank.

Während die Exportindustrie leidet, profitieren die Importeure vom starken Franken. Viele geben den Währungsgewinn nicht weiter. Nervt Sie das?
Ja, ich finde das in höchstem Mass unsolidarisch. Ich erwarte, dass der Bundesrat nach Vorliegen einer in Auftrag gegebenen Analyse mehr Druck macht. Auch die Wettbewerbsbehörde sollte sich das anschauen. Natürlich ist das auch ein Markt. Aber er scheint verzerrt. Nun müssen sich halt die Kunden selber helfen und die Schweizer Preise mit denen im Ausland vergleichen.

Machen Sie das selber auch?
Ja. Ich wollte vor drei Monaten einen Küchentisch kaufen und stellte fest, dass er in Deutschland 25 Prozent billiger ist. Mein Schweizer Möbelhändler wollte mir aber beim Preis um keinen Millimeter entgegenkommen. So kaufte ich den Tisch halt in Deutschland und habe 25 Prozent weniger bezahlt, inklusive Hauslieferung. Das finde ich eigentlich nicht in Ordnung. Erst wenn es genügend Leute gibt, die es so machen wie ich, kommen die Importeure unter Druck.

Wie könnte der Bund der Industrie kurzfristig helfen?
Vor allem darf der Staat nicht noch zusätzliche Belastungen für die Firmen schaffen. Nur schon zu verhindern, dass noch mehr Abgaben und Auflagen auf die Firmen loskommen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Einen «Masterplan» zur Frankenstärke lehnte der Bundesrat diese Woche ab, ebenso Subventionen. Sind Sie von der Politik und speziell vom Wirtschaftsminister enttäuscht?
Ich verstehe, dass es keine einfachen Lösungen für diese schwierige Situation gibt. Aber der Bundesrat darf sicher noch einen Zacken aggressiver sein, als er heute ist. Ich glaube, Johann Schneider-Ammann hat verstanden, dass die Industrie sehr stark betroffen ist. Da hat im Departement ein Prozess stattgefunden. Einschätzungen, wie man sie noch vor wenigen Monaten aus dem Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement gehört hat, würden heute nicht mehr gemacht.

Als einzige Massnahme zugunsten der Industrie beschloss der Bundesrat am Mittwoch, den
Zugang zu Krediten für die Innovationsförderung zu erleichtern. Genügt das?

Nein. Und diese Massnahmen wurden ja bereits im Februar vorentschieden. An unseren Hochschulen hat es viele geniale Ideen, aber es kümmert sich niemand richtig darum, diese schnell in die Firmen zu bringen. Der Bund muss mehr machen, um diesen Prozess in Gang zu bringen. Er sollte den Unternehmern Hilfe geben, damit sie das Forschungswissen abholen können, und die Professoren dazu animieren, dass sie zu den Unternehmern gehen. Dafür braucht es schlagkräftigere Instrumente und zusätzliche Geldmittel des Bundes.

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