Die SBB haben ihre neue Fahrplan-App als Gewinn für die Bahnkunden vorgestellt. Dank der Ortungsfunktion werde die Fahrplanabfrage erleichtert, hiess es bei der Lancierung im November. Nicht erwähnt haben die Entwickler, dass sich diese Funktion bei den Werbekunden zu Geld machen lässt. Noch dieses Jahr sollen auf der beliebtesten Schweizer App Werbebanner eingeblendet werden. Dank der Lokalisierung wird standortspezifische Werbung möglich. Zudem werden Ticketdaten ausgewertet: Abfahrts- und Zielort sowie die Klasse. Da die App laufend lokalisiert wird, kann die standortspezifische Werbung bei einer Fahrt durch die Schweiz angepasst werden.

Ein Beispiel: Die Erste-Klasse-Passagiere erhalten bei der Einfahrt in Luzern eine Empfehlung für ein KKL-Konzert, während bei den Leuten in der zweiten Klasse ein Werbebanner für das Verkehrshaus erscheint.

Die Werbeabteilung der SBB preist das neue Angebot, das noch dieses Jahr gestartet werden soll, offensiv an. In einem Youtube-Clip wenden sich die SBB an die Werbebranche und verkünden: «Da die Schweiz ein Volk von Pendlern ist, wird die App sehr oft benutzt und bietet sich dadurch perfekt als Werbeträger an. Die Ansprechmöglichkeiten sind endlos.» Zehn Millionen Kontaktchancen würden sich pro Woche bieten. Auch auf der mobilen Website und der Wi-Fi-Landingpage, die bei den 80 Bahnhöfen mit drahtlosem Internet angewählt werden kann, wird zielgruppenspezifische Werbung platziert.

Mit diesem Video verkauft die SBB die Mobile-App als ideale Werbeplattform

Die Kommunikationsabteilung der SBB gibt über das Projekt weniger offensiv Auskunft. Zuerst stritt sie die Pläne sogar ab, um sie auf erneute Nachfrage aber zu bestätigen. Die SBB erklären, wie der Datenschutz aus ihrer Sicht gewährleistet werde. Die Kunden würden mit der Annahme der Allgemeinen Geschäftsbedingungen ihre Zustimmung erteilen, könnten sie aber in den Einstellungen rückgängig machen. Die SBB würden dabei «wie immer mit grosser Sorgfalt und Sensibilität» vorgehen.

Zuletzt wurden die SBB vom eidgenössischen Datenschutzbeauftragten vor einem Jahr gerügt, weil sie eine Datenbank mit Kundenangaben von Swisspass-Kontrollen führten. Die Bundesbahnen mussten die Praxis ändern und die Daten löschen.

Der Datenschutzbeauftragte hat die neuen Funktionen der App noch nicht geprüft, wie er auf Anfrage ausrichten lässt. Hinweise auf Datenschutzprobleme würde er prüfen.

Mit dieser Grafik zeigen die SBB, dass ein Kunde auf einer Reise je nach Standort unterschiedliche Werbung erhält. Auch Ticketdaten werden ausgewertet.Screenshot

Mit dieser Grafik zeigen die SBB, dass ein Kunde auf einer Reise je nach Standort unterschiedliche Werbung erhält. Auch Ticketdaten werden ausgewertet.Screenshot

Datenkampf der Bundesbetriebe

Dank der digitalen Offensive können die SBB die Swisscom auf dem Werbemarkt überholen. Die Bundesbetriebe verfügen je über eine der grössten Datensammlungen der Schweiz. Beide versuchen nun, sie zu Geld zu machen. Die Swisscom liefert ab April Kundendaten an die gemeinsam mit Ringier und der SRG geführte Werbeallianz Admeira.

Folgende Daten gibt die Swisscom
an Admeira weiter: Geschlecht, Altersgruppe und Bezirk. So sehen zum Beispiel Männer zwischen dreissig und vierzig im Oberbaselbiet Werbung für einen Offroader, während Frauen zwischen zwanzig und dreissig in der Stadt Zürich einen Zalando-Clip eingeblendet erhalten. Admeira erarbeitet derzeit die technischen Möglichkeiten, um zielgruppenspezifische Werbefenster auf Swisscom-TV einzurichten. Auf den SRG-Kanälen ist dies allerdings noch nicht erlaubt.

Zu den weiteren Datenkönigen in der Schweiz gehören Coop und Migros. Doch nur Coop schaltete bisher auf ihrer App zielgruppenspezifische Werbung. Damit erreicht die Detailhändlerin über eine Million Kunden. Hello-Family-Mitglieder mit Kindern im Windelalter erhalten etwa ein Banner für Pampers-Aktionen. Standortdaten werden noch nicht ausgewertet. Die SBB fähren den anderen Datensammlerinnen davon.