Auf Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf sind die Banker schon länger nicht gut zu sprechen. Aber jetzt sind sie richtig sauer. Grund: ihre Aussage über die Mindestsätze von Eigenkapital in der letzten «Schweiz am Sonntag». «Nach den in der letzten Zeit gemachten Erfahrungen, scheint mir das tief», sagt die Finanzministerin und löste einen Kurssturz bei UBS und CS aus. Die Kurse der Banken rasselten in den Keller, zeitweise betrug der Verlust acht Milliarden Franken. Analysten korrigierten ihre Prognosen nach unten und befeuerten den Ausverkauf zusätzlich. Auch eine Woche später sind UBS und CS 2,7 respektive 2,1 Milliarden weniger wert.

Die Finanzministerin musste danach die Topbanker persönlich beruhigen: Sie telefonierte mit UBS-Präsident Axel Weber, ebenso wie mit CS-Präsident Urs Rohner. Die Banker sorgen sich nicht nur um die Vernichtung von Börsenmilliarden, sie haben auch Angst um ihre eigene Kasse. Denn ein sinkender Kurs schlägt direkt auf die Boni der Spitzenbanker durch. Etwa bei der Credit Suisse: In dem fürs Topmanagement konzipierten Bonusprogramm LTI hat die sogenannte relative Aktienrendite einen direkten Einfluss. Diese setzt sich zusammen aus der eigenen Performance der CS-Aktie und derjenigen von Konkurrenzbanken. Je schlechter die Aktie abschneidet durch Aussagen einer Politikerin oder durch schlechte Resultate, desto weniger Bonus müssten die Spitzenbanker ausgeschüttet bekommen.

Ebenfalls einen Einfluss hat die Eigenkapitalrendite. Unter anderem erreichen die CS-Topmanager ihre Leistungsziele, wenn die bereinigte Eigenkapitalrendite 11 Prozent beträgt. Nach den ersten neun Monaten liegt sie genau dort. Wenn die Schweizer Politik nun mehr Eigenkapital fordert, wird es für die Banken immer schwieriger, wenn nicht aussichtslos, die geforderten Eigenkapitalrenditen zu erreichen. Die UBS führt ähnliche Bonusprogramme, die sich an der Eigenkapitalrendite und dem Aktienkurs orientieren. Hinzu kommt, dass die Banken unter Druck kommen, generell die Gehälter kürzen, um schneller das Eigenkapital aufzustocken.

Eigentlich dachten die Politiker, dass dieser Mechanismus schon mit den nach der UBS-Rettung erlassenen «Too big to fail»-Anforderungen wirken würde. «Die Erhöhung der Eigenmittel hat als willkommenen Nebeneffekt wohl eine Wirkung gegen überhöhte Boni-Zahlungen», sagte der ehemalige Chef der Finanzverwaltung Peter Siegenthaler im Sommer 2010. «Vielleicht entpuppen sich die strengeren Eigenmittel-Vorschriften als das wirksamste Mittel gegen die übertriebenen Bezüge.» Aus heutiger Sicht muss man feststellen, dass sich Siegenthalers Hoffnungen nicht erfüllt haben.

Denn Bankersaläre sind so hoch wie vor der Rettung der UBS mit Steuermilliarden. Ein Blick in die Geschäftsberichte zeigt, dass sich Gehälter mit Ausnahme von 2008 kaum reduziert haben. Obwohl die Grossbanken viele teure Investmentbanker entlassen haben, schütten sie pro Jahr und Mitarbeiter eine Viertelmillion Franken aus. Bei der Credit Suisse sind es leicht mehr als bei der UBS. Bankmanager beten zwar ständig das Mantra herunter, dass die Löhne sinken werden und sich wieder der Realwirtschaft angleichen. Doch die Realität zeigt ein anderes Bild.

Gerade bei den Bezügen der höchstgestellten Bankangestellten scheint die Zeitenwende noch in weiter Ferne. So verdienen die VR-Präsidenten von Schweizer Grossbanken im europäischen Vergleich mit Abstand am meisten. Mit seinen 5,2 Millionen Franken Gehalt – davon rund 4 Millionen in bar – gilt CS-Präsident Rohner als der bestverdienende Präsident einer Grossbank in Europa. Auf Platz zwei liegt UBS-Präsident Axel Weber, der im Jahr 2012 für 8 Monate Einsatz – er übernahm das Amt im Mai – ein Salär von 3,5 Millionen Franken bezog.

Rohner und Webers Konkurrenten in Frankfurt, London oder Paris verdienen deutlich weniger, obwohl sie Banken vorstehen, die teilweise deutlich grössere Bilanzen bewirtschaften und auch wesentlich mehr Personal beschäftigen. Zum Vergleich: Douglas Flint verantwortet mit HSBC einen Bankenkoloss mit weltweit 260 000 Mitarbeitern. Die französische Grossbank BNP Paribas kommt auf 200 000 Angestellte. CS und UBS beschäftigen zusammen etwa halb so viele Personen.

Derweil musste Widmer-Schlumpf musste diese Woche für ihre Banken-Rüge selber viel Prügel einstecken. Nicht einmal BDP-Präsident Martin Landolt weiss, wie er seine Bundesrätin verteidigen soll. Sie selbst sagt jetzt gar nichts mehr. Und auch der Bundesrat schweigt – und verweist auf eine allgemeine Sprachregelung. «Bis spätestens Februar 2015 wird der Bundesrat dem Parlament eine Evaluation des ‹Too big to fail›-Massnahmenpakets vorlegen und einen allfälligen Anpassungsbedarf unter Einbezug der internationalen Entwicklung umfassend prüfen», heisst es da. Offenbar war in der Regierung auch mal die Rede davon, den Evaluationstermin vorzuziehen. Doch die Idee wurde dann wieder verworfen.

Nur einer verteidigt die Finanzministerin, SP-Präsident Christian Levrat. «Eveline Widmer-Schlumpf ist nicht da, um die Aktionäre von UBS und CS glücklich zu machen», sagt er. «Die Kapitalisierung der Banken wird international diskutiert.» Da könne sich auch die Schweiz nicht entziehen, umso mehr als die beiden stärksten Parteien, die SVP und Levrats SP, eine Eigenkapitalaufstockung auf 6 respektive 10 Prozent verlangen. «Eveline Widmer-Schlumpf muss sich bewegen, sie kann die nationale Debatte nicht ignorieren», sagt Levrat und ergänzt: «Zudem hat sie auch inhaltlich recht.»

Und auch der Präsident des Nationalbankdirektoriums, Thomas Jordan, sagte am Freitag, dass es wichtig sie, dass die Banken die Eigenkapitaldecke verbessern. «Im internationalen Vergleich hinken sie noch immer hinterher», sagte Jordan. Zudem betonte er mehrfach, dass die Banken in Bezug auf die Abwicklungspläne im Verzug seien. Gerät die Grossbank in Probleme, kann sie heute nicht wie gewünscht die wichtigen und gesunden Teile auslagern und einen Teil in Konkurs schicken. Dann müsste wohl wieder der Staat zur Rettung eilen.

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