Demonstranten zogen gestern durch Basel. «Wir lassen uns nicht verseuchen von Gentech-Vogelscheuchen», sangen sie. «Bist du ready for Roundup?», sprayte einer in Anspielung auf das Monsanto-Herbizid aufs Trottoir. Frauen hatten sich als Bienen verkleidet. Zur Demonstration gegen die Agrochemie-Industrie aufgerufen hatte eine linke Allianz aus Umweltschützern und Kapitalismuskritikern. Und es kamen weit mehr als erwartet. Auf 1000 bis 1200 Demonstranten schätzt die Polizei die Zahl der Teilnehmer des Umzugs, der am Abend vor dem Syngenta-Hauptsitz endete. Der Branche weht ein steifer Wind entgegen.

Die Kundgebung in Basel war keine Einzelveranstaltung. In der Schweiz kam es auch in Bern und Morges VD zu Demonstrationen gegen Monsanto, im Ausland wurde in Hunderten Städten von Kapstadt bis San Diego demonstriert.

Monsanto hat sich innert weniger Jahrzehnte von einem kleinen Chemiehersteller zur weltgrössten Saatgutproduzentin gemausert. Kritik erwächst ihr vor allem aus zwei Gründen. In Europa stösst sie mit gentechnisch veränderten Pflanzen auf Widerstand, nicht selten mit politischem Rückhalt in der Gesellschaft. Gleichzeitig ist Monsanto bekannt für ein rigides Durchsetzen von Patentrechten in Entwicklungsländern.

Nun möchte sich Monsanto die Basler Syngenta einverleiben. Aus der Fusion würde rein rechnerisch ein Unternehmen hervorgehen mit einem Saatgut-Marktanteil von 29 Prozent. «Die beiden Firmen stehen für ein krankes und krankmachendes Landwirtschaftssystem», klagt Yves Zenger von der Umweltschutz-Organisation Greenpeace. «Mit einer Fusion würde die Marktmacht zementiert.»

Nicht nur vor den Toren des Syngenta-Hauptsitzes wurde gestern die Fusion der zwei Konzerne kritisiert. Auch hinter den Mauern wehrt man sich weiter gegen das Übernahmeangebot von 449 Franken pro Syngenta-Aktie, das Monsanto den Baslern unlängst gemacht hatte. Zwar werden offenbar Gespräche zwischen den Parteien geführt, doch das Wort Verhandlungen will niemand in den Mund nehmen, wie eine mit den Vorgängen vertraute Person erzählt.

Damit es so weit kommen könnte, müsste der amerikanische Konkurrent das Angebot erst gegen die 500-Franken-Marke oder gar darüber schrauben. Der Gewährsmann spricht von einem Preis zwischen 500 und 550 Franken. Erhöht Monsanto den Preis auf dieses Niveau, wird es schwierig für den Syngenta-Verwaltungsrat, plausible Argumente gegen den Deal zu finden. Vor zwei Wochen zitierte die «Schweiz am Sonntag» Analysten mit der Aussage, bei Ablehnung eines zu guten Angebots riskiere Syngenta Klagen von Aktionären.

Gut möglich, dass Monsanto bereits nächste Woche das Angebot aufbessert. Das zumindest wird am Syngenta-Sitz erwartet. Kommt keine neue Offerte von Monsanto, wird dies als Desinteresse vonseiten der Amerikaner gewertet. «Dann dienten die Avancen wohl nur der eigenen Aktienkurskosmetik», sagt der Insider. Die Monsanto-Titel legten in den letzten zwei Wochen um 5 Prozent zu.

Ein Angebot über 500 Franken und damit ein Gesamtpreis von 46 Milliarden Franken sieht nach einem stolzen Betrag aus – zumindest auf den ersten Blick. Gegenüber dem Durchschnittskurs der letzten Woche würde dies einer Prämie von 50 Prozent entsprechen.

Auf den zweiten Blick relativiert sich der Preis. Denn Monsanto will nicht in bar zahlen, sondern zu 55 Prozent mit eigenen Aktien. Das ist für Syngenta-Aktionäre mehrfach heikel.

Monsanto ist an der Börse deutlich höher bewertet als Syngenta: Für ihre Aktien bezahlen Anleger das 30-Fache des Gewinns. Bei der Syngenta beträgt der Aktienkurs bloss das 19-Fache. Der Hauptgrund dafür scheint zu sein, dass der Markt die US-Firma als Biotech-Unternehmen betrachtet. Solche Firmen sind an der Börse mehr wert, weil die Anleger höhere Gewinnsteigerungen in der Zukunft erwarten. Syngenta, die den Hauptumsatz mit Pflanzenschutz-Mitteln erwirtschaftet, gilt jedoch als Chemie-Firma. Das Problem ist nun: Übernimmt Monsanto Syngenta, wird sie zur Hälfte «chemisch». Es droht ein tieferer Aufschlag, der Kurs käme unter Druck.

Das Paradoxe: Monsanto scheint sich geradezu wegen der Chemie für Syngenta zu interessieren. Sie hat ihre komplette Palette an Gentech-Pflanzen auf einem einzelnen Herbizid aufgebaut: Glyphosat. Monsanto-Pflanzen tragen ein Gen, das sie dagegen immun macht. Ein Bauer kann mit Glyphosat alles abtöten ausser der Aussaat.

Damit habe sich Monsanto jedoch ein Problem geschaffen, sagt François Meienberg, Aktivist der industriekritischen Erklärung von Bern. Die intensive Glyphosat-Anwendung habe zu Resistenzen bei Schädlingen geführt. Nun werde vermehrt auf das giftigere Syngenta-Produkt Paraquat ausgewichen. Monsanto habe daher ein grosses Interesse an alternativen Pflanzenschutzmitteln, wie sie die Syngenta herstelle, so Meienberg.

Der zweite Grund für Syngentas Zweifel an der Fusion: Es ist unsicher, ob der Deal überhaupt zustande kommt. Die Risiken entstehen vor allem durch langwierige Bewilligungsverfahren der Wettbewerbsbehörden, da eine fusionierte «Mon-Genta» bei vielen Produkten marktbeherrschend werden könnte.

Monsanto verkündet zwar, dass die Verfahren schnell über die Bühne gehen dürften. Doch daran scheinen die Basler zu zweifeln. Aufseiten von Syngenta beurteilt man das Bewilligungsverfahren als «komplex» und «ressourcenintensiv». Laut dem Insider geht die Geschäftsleitung von einer Dauer von bis zu eineinhalb Jahren aus. Auch deshalb hat Syngenta Zweifel am Deal. Ausgeräumt werden könnten diese, wenn Monsanto bereit wäre, eine sogenannte «Break-Fee» zu leisten. Das bedeutet, dass sie bei einem Nicht-Zustandekommen des Zusammenschlusses Syngenta eine Summe zukommen lassen würde. Aus dem Umfeld von Syngenta wird die Summe von 4 Milliarden Franken ventiliert.

Auch Meienberg sieht den Zusammenschluss kritisch und verweist auf den Saatgutmarkt. «Da kämen die Nummer 1 und die Nummer 3 zusammen.» Rund die Hälfte der in Europa angebauten Gemüsesorten stammten von den beiden Firmen. «Eine volle Fusion im Saatgutgeschäft wird und darf schon aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht durchkommen.»

Angegriffen wurde an der gestrigen Demonstration auch die Basler Regierung. Es sei «zynisch», dass diese für ihre Ausstellung zum Thema Welternährung an der Expo in Mailand ausgerechnet Syngenta als Partner gewählt habe, monierte Tonja Zürcher von der Linkspartei Basta. Die Erwähnung des grünen Stadtpräsidenten Guy Morin provozierte laute Buhrufe. Verglichen mit dem Management von Syngenta kam dieser aber noch gut weg. Das Firmenschild wurde am Abend von Demonstranten mit einem neuen Zusatz versehen. «Syngenta – tötet für Basel», stand dort danach.

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