Wir treffen Thomas Matter um 8 Uhr in seiner Bank im Zürcher Seefeld. Es regnet in Strömen. Während des Interviews zündet er sich eine Zigarette an. Das sei einer der Vorteile, wenn man sein eigener Chef sei.

Herr Matter, als Banker dürften Sie sich kaum über den Brexit gefreut haben. Als SVP-Politiker hingehen schon. Was wiegt mehr, das Politische oder das Wirtschaftliche?
Thomas Matter: Als Banker wie auch als Politiker ist für mich klar: Der Brexit war ein guter Tag für die Demokratie, die Briten und die EU. Ich bin überzeugt, dass sich die Europäische Union mittelfristig verändern wird.

Die Eliten, von den Bankern in London über die Kommissäre in Brüssel bis hin zu den Politikern in Deutschland, sehen das anders. Sie erkennen im Brexit einen Defekt der Demokratie. Wie kommt das bei Ihnen an?
Es macht mir Sorge, wie salonfähig es inzwischen geworden ist, Volksentscheide infrage zu stellen. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagte allen Ernstes, dass das Problem nicht die Eliten seien, sondern das Volk, mit dem man stärker wieder das Gespräch suchen müsse. Den Kopf schütteln musste ich auch über die Aussage des Konzernchefs der CS.

Was sagte er?
Er sagte, der Brexit sei der Preis dafür, dass die Engländer zu wenig in die Bildung investiert hätten. Er sagt damit ja eigentlich: 52 Prozent der Briten sind ungebildet und haben deshalb falsch abgestimmt. Im Übrigen investiert England mehr in die Bildung als die Schweiz.

Was ist falsch daran, dass sich Firmenchefs politisch äussern?
Überhaupt nichts, aber solche Äusserungen sind problematisch – zumal die Schweizer Grossbank in London stark verankert ist und wahrscheinlich auch viele Brexit-Befürworter als Kunden hat. Zudem vertritt er ein Institut aus einem Land mit direkter Demokratie. Dieses politische System ist die Grundlage für unser hohes Wohlstandsniveau.

Was glauben Sie, wird Tidjane Thiam die CS aus der Krise führen?
Ich hoffe es. Was mich aber schon erstaunt, ist, dass die Bank 222 Millionen Sonderboni auszahlen musste, um die guten Leute halten zu können.

Wieso? Das dürfte Sie als Banker nicht erstaunen. Es ist doch fast ein Naturgesetz: Für eine Bank zu arbeiten, lohnt sich. Aktionär zu sein, dagegen nicht.
Der Kurs der CS-Aktie befindet sich auf dem gleichen Niveau wie vor 30 Jahren. Und seit Jahren höre ich das Gleiche: Wir brauchen gute Leute, die entsprechend kosten. Wenn die Leute so gut wären, wie alle behaupten, wäre dann der Kurs so tief wie vor 30 Jahren? Der Aktionär hat in all den Jahren mit der Dividende vielleicht knapp die Teuerung erhalten. Ich bin überzeugt: Würden bei Grossbanken wieder mehr «Buchhalter Nötzlis» arbeiten, wäre alles halb so schlimm. Und sie hätten nur einen Bruchteil des Lohns bezogen.

Wie handhaben Sie es in Ihrer Bank? Arbeiten dort nur Nötzlis?
Wir sind eine kleine Bank und schreiben Gewinne. Warum? Unter anderem, weil wir normale Löhne bezahlen. Bei uns ist das Verhältnis zwischen dem höchsten und dem tiefsten Lohn rund 4 zu 1 – inklusive Putzfrau. Die meisten Mitarbeiter sind Miteigentümer und haben für ihre Beteiligung an der Bank auch bezahlt. Wir müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir unsere Löhne beziehen.

Herr Matter, Sie glauben, der Brexit sei eine Chance für die Schweiz. Warum?
Unter der früheren Finanzministerin haben wir viele EU-Gesetze übernommen. Mit der Begründung, dass wir gegenüber London nicht benachteiligt werden dürfen. Wir haben Hunderte, wenn nicht Tausende von Gesetzen und Verordnungen eingeführt, nur um EU-kompatibel zu sein. Doch London – immerhin der grösste Finanzplatz der Welt – wird in naher Zukunft nicht mehr Mitglied der EU sein. Was heisst das für uns? Ich sehe es als Chance, dass sich die Schweiz bei der Regulierung wieder zurückbesinnt. Eine Kooperation mit London könnte sinnvoll sein, um gemeinsam ein paar Schritte in Richtung einer liberaleren Wirtschaftsordnung auch auf den Finanzplätzen der beiden Länder zu machen. In internationalen Rankings liegt der Finanzplatz Zürich auf Platz sechs; die Schweiz ist der grösste grenzüberschreitende Vermögensverwaltungsmarkt der Welt. Das haben wir nicht erreicht, indem wir immer alle EU-Standards brav übernommen haben.

London ist der grösste Konkurrent der Schweiz. Warum soll es Sinn machen, mit London zu kooperieren?
Alle liberalen Finanzplätze befinden sich in den Rankings weit vorne – Singapur, Hongkong, Tokio und neu sogar auch Korea. Wir sehen immer klarer, dass die EU-Regulierung nicht erfolgreich ist, sonst gäbe es viel bedeutendere Finanzplätze in der EU. Nach dem Brexit ist Luxemburg der grösste Finanzplatz in der EU, weltweit aber nur auf Rang 14. Die Monsterregulierung hat der EU nicht geholfen, sondern geschadet.

Wie soll eine Kooperation mit Grossbritannien aussehen?
Man könnte bilaterale Verträge aushandeln, die eine gegenseitige Anerkennung der Finanzplätze sicherstellen und die nationalen Gesetze als äquivalent akzeptieren. Damit würde ein Protektionismus zwischen den Finanzplätzen verhindert.

Wäre es jetzt nicht besser für den Finanzplatz, er wäre stärker in die EU integriert? Dann könnten Zürich und Genf zur Alternative zu London werden.
Zürich und Genf sind international wettbewerbsfähig und anerkannt. Noch mehr EU-Regulierung schadet der Schweiz. Die Asiaten beobachten die Schweiz genau. Es ist kein Zufall, dass wir primär in Asien wachsen, während der Finanzmarkt in der EU faktisch stagniert.

Wie soll der Finanzplatz profitieren?
Es ist einfach: Die Schweiz, der Finanzplatz und die Banken selbst müssen sich zurückbesinnen auf ihre Kunden. Dieser Gedanke ist seit 2007 verloren gegangen. Wir haben alle Vorteile in der Hand. Wir haben das Know-how, wir haben eine starke Währung, politische Stabilität und eine tiefe Staatsverschuldung. Auf was wir uns wieder fokussieren müssen, sind wirtschaftsfreundliche gesetzliche Rahmenbedingungen. Da haben wir massiv überschossen. Ich erhoffe mir sehr, dass wir monströse Gesetzeswerke wie Fidleg, Finig und weitere, die zum Glück noch nicht verabschiedet sind, nochmals überdenken.

In der Finanzbranche ist unbestritten, dass nicht alles schlecht ist in diesen neuen Regulierungen ...
… aber die Frage ist, ob es wirklich neue Gesetzeswerke braucht, oder ob man qualitativ wichtige Themen nicht auch in die bestehenden Gesetze einbauen könnte, etwa in das Banken- oder das Börsengesetz.

Sehen Sie Chancen, dass gewisse Finanzgeschäfte wieder in die Schweiz zurückgeholt werden können?
Wichtig zu verstehen ist, dass der Finanzplatz Schweiz an der Landesgrenze aufhört. Ich sage das darum, weil viele Politiker und auch die Ex-Finanzministerin immer wieder gesagt haben, dem Finanzplatz gehe es ja gut, weil etwa die UBS und die CS so viel Neugelder ausweisen würden. Aber wenn man es genau anschaut, sieht man, dass diese Banken vor allem im Ausland wachsen, entsprechend auch dort die Wertschöpfung stattgefunden hat und dort neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Das realisieren viele nicht.

Welche Geschäfte könnten zurückkommen?
Eine Chance sehe ich im Fondsgeschäft. Da haben uns zum Beispiel London und Singapur Marktanteile weggenommen. Eine weniger EU-fokussierte Gesetzgebung könnte da helfen. Ebenfalls eine Chance sehe ich im internationalen Kapitalmarktgeschäft. Hier müssten wir die Verrechnungssteuer für Schweizer Obligationen abschaffen. Schwierig dürfte es sein, den Goldhandel zurückzuholen.

Sehen Sie auch die Gefahr, dass Firmen aus der Schweiz nach London abwandern könnten? Gerade der Rohstoffhandel, der vor allem deshalb in der Schweiz ist, weil hier die Steuern so tief sind. London hat nun deutlich tiefere Steuersätze in Aussicht gestellt.
Da muss die Schweiz aufpassen. Darum ist es enorm wichtig, dass die Unternehmenssteuerreform III umgesetzt und eingeführt wird, sonst ist die Schweiz steuerlich nicht mehr wettbewerbsfähig.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper