VON PETER BURKHARDT

Alexandre wurde nur 17-jährig. Dann erhängte er sich an einem Baum, 800 Meter von seinem Elternhaus in Nizza entfernt. Sein Vater Daniel Voidey gibt dem Aknemittel Roaccutan die Schuld. Dieses habe seinen Sohn, der zuvor nie an Depressionen gelitten habe, in den Tod getrieben. Ende Januar reichte er Klage gegen den Hersteller Roche und zwei Produzenten von Nachahmerpillen ein. Mitte März kommt es vor dem Zivilgericht von Nanterre zur Gerichtsverhandlung.

Vor seinem Tod im Juli 2007 hatte der Schüler Roaccutan eingenommen. Dieses wirkt bei schweren Fällen von Akne, kann aber heftige Nebenwirkungen wie Depressionen oder eine Schädigung des Magen-Darm-Trakts verursachen. «Am Anfang der Behandlung verlief alles gut», schilderte Daniel Voidey der Zeitung «La Provence» den Leidensweg seines Sohns.

«Aber im letzten Monat wirkte er niedergeschlagen. Am Abend vor seinem Suizid zog er sich zurück, dann brachte er sich um.» Drei Tage vorher hatte Alexandre die Matur bestanden. In einem Abschieds-SMS an seine Mutter beklagte er sich über unerträgliche Schmerzen und Depressionen. «Maman, ich kann nicht mehr.»

Daniel Voidey ist nicht der Einzige, der von Roche Genugtuung fordert. Laut dem Geschäftsbericht, den der Konzern vor einer Woche veröffentlicht hat, reichten bis Ende Jahr allein in den USA 2422 Patienten Klage ein. Dort wurde das Medikament unter dem Namen Accutane verkauft. Hinzu kommt eine nicht genannte Zahl von Klagen in weiteren Ländern.

Die geforderten Summen sind horrend und könnten für Roche zum Albtraum werden. Rechtsanwalt Mike Hook aus Florida, der den Hauptteil der Accutane-Kläger vertritt, sagt: «Ich repräsentiere über 2500 Kunden und werde in diesem Jahr über 1000 weitere Klagen gegen Roche einreichen. Pro Fall verlangen wir eine Schadenersatzsumme von durchschnittlich über zehn Millionen Dollar. Der potenzielle Schaden für alle Fälle beträgt also über 35 Milliarden Dollar.»

Darin nicht eingerechnet sind die Schadenersatzklagen, die von anderen Anwälten eingereicht werden. Im Internet wimmelt es von US-Anwälten, die auf der Suche nach Klagewilligen sind. Morgen wird Hook in New Jersey drei weitere Klagen gegen Roche einreichen.

Roche wehrt sich gegen die Klagewelle. «Roaccutan ist ein sicheres und wirksames Medikament», sagt Sprecherin Claudia Schmitt. Dies unter der Voraussetzung, dass es unter strengster ärztlicher Aufsicht und gemäss den Vorschriften eingenommen werde. Ein Geschworenengericht in New Jersey sah das anders: Es gab sechs Klägern recht und sprach ihnen einen Schadenersatz von insgesamt 48 Millionen Dollar zu.

Roche zog alle Urteile an die nächste Instanz weiter, erlitt aber in einem Fall eine empfindliche Niederlage: Das Appellationsgericht erhöhte den Schadenersatz für einen Kläger von 2,6 auf 25,1 Millionen Dollar. Dies als Genugtuung dafür, dass ihm nach der Einnahme von Accutane der Dickdarm entfernt werden musste. Roche behält sich den Gang an die nächsthöhere Instanz vor. Bisher ist keiner der Fälle von New Jersey rechtskräftig entschieden.

Dennoch hat Roche Roaccutan seit 2006 in den USA, Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien und weiteren europäischen Ländern vom Markt genommen. Laut dem Konzern geschah das nicht aus Sicherheitsgründen, sondern wegen stark abnehmender Verkäufe nach Ablauf des Patentschutzes.

Laut Geschäftsbericht haben jedoch auch die «hohen Kosten für Klagen» zum Rückzug geführt. Im vergangenen Jahr erhöhte Roche die Rückstellungen für Rechtsfälle um 232 auf 781 Millionen Franken. Wie viel Geld für die Accutane-Fälle reserviert ist, verrät der Konzern nicht.

In der Schweiz wird Roaccutan nach wie vor verkauft. Für die Medikamentenzulassungsbehörde Swissmedic ist ein Rückruf kein Thema. «Bei bestimmungsgemässem Gebrauch haben diese Präparate ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis», sagt Rudolf Stoller, Leiter der Abteilung Arzneimittelsicherheit.

In einem Informationsschreiben an die Fachwelt berichtete Swissmedic jedoch im Dezember, dass bislang 501 Meldungen über unerwünschte Wirkungen eingegangen seien, darunter 133 Fälle von Depressionen, neun Suizidversuche und 20 Suizide.

Bei der Hälfte dieser 20 Meldungen sei ein Kausalzusammenhang zwischen der Einnahme des Medikaments und dem Suizid «in Betracht zu ziehen». Zudem sei es möglich, dass das Absetzen «nicht ausreicht, um die Symptome zu lindern, und dass psychiatrische oder psychologische Massnahmen getroffen werden müssen.»

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