Eigentlich sollen sie nur Pflanzen schützen: Neonikotinoide (kurz Neonics), hochwirksame Insektizide. Doch 2013 stellte die EU-Kommission fest: «Neonics gefährden die europäische Population der Honigbienen.» Sie erliess ein Teilverbot, das die Agrochemie Milliarden kostet. Nun drängt sie auf die Aufhebung. Das zeigen Aussagen der Chemiekonzerne Bayer und Syngenta gegenüber der «Schweiz am Sonntag».

Die EU habe das Verbot erlassen, so Bayer, aufgrund einer Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). «Diese war aber nicht abschliessend – wegen mangelnder Daten», sagt ein Sprecher. Im Januar 2017 werde abschliessend bewertet – und der Konzern sieht sich gut gerüstet: «Bayer hat sehr umfangreiche zusätzliche Studien durchgeführt. Wir gehen davon aus, dass diese die von der EFSA gesehene Datenlücken schliessen.»

Eine gross angelegte Freilandstudie im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sei eindeutig ausgefallen. «Auch bei genauester Analyse möglicher Effekte wurden keinerlei Schadwirkungen auf die untersuchten Bestäuberinsekten festgestellt.» Man sei daher «nach wie vor überzeugt, dass Neonics sicher für Bienen sind». Einzig müssten sie nach Vorschrift eingesetzt werden. Gemäss Bayer könnte das Teilverbot also im Jahr 2017 fallen. Die Schweiz würde nachziehen.

Ein Syngenta-Sprecher sagt: «Wir hoffen sehr, dass das Teilverbot aufgehoben wird.» Eine Verlängerung werde den Bienen im Endeffekt nichts nützen. «Gemäss mehreren von Syngenta in Auftrag gegebenen Studien und anderen Quellen können Neonics nicht für das Bienensterben verantwortlich gemacht werden.» Dieses werde durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht: Parasiten oder Viren; Pestizide, die breitflächig eingesetzt würden; oder schrumpfende Lebensräume für Bienen.

Nichtregierungsorganisationen (NGOs) halten diese Argumente für Lobbying. «Das zählt zum typischen Arsenal der Agrochemie», sagt Yves Zenger von Greenpeace. «Eigene Studien durchführen lassen von Wissenschaftlern, die von ihr angestellt oder sonst abhängig sind.» Dabei würden häufig nicht alle Daten öffentlich gemacht. «Ihr nicht genehme Studien hingegen bezeichnet die Agrochemie gerne als ‹unwissenschaftlich›.» So schaffe sie Verwirrung und verhindere striktere Regeln.

Die Mär vom Bienensterben
Zwischen den Fronten stehen die Bauern. Nach dem Verbot der Neonics habe es in der Raps-Ernte teils massive Ausfälle gegeben, so David Brugger, Pflanzenschutz-Experte im Bauernverband. «Das ging bis zum Totalverlust, weil Erdflöhe die jungen Rapspflanzen befielen.» Die Bauern hätten Ausnahmen beantragt, um herkömmliche Insektizide einsetzen zu dürfen. «Damit wurden in unmittelbarer Umgebung der Pflanzen alle Insekten abgetötet.» Mit Neonics dagegen werde nur der Samen mit Schutzmitteln gebeizt (ummantelt). Da frage er sich, ob Neonics nicht schonender für die Umwelt gewesen wären.

Dennoch will der Bauernverband sich nach der Wissenschaft richten. «Die Dienste von Bienen und anderen Insekten als Bestäuber sind für uns essenziell.» Verzichten könne man darauf nicht. «Daher müssen wir das Urteil über die Neonics der Wissenschaft überlassen.»

In der Wissenschaft ist die Sache recht eindeutig: Der wissenschaftliche Konsens steht im Widerspruch zur Agrochemie – jedoch auch zur weitverbreiteten Theorie vom «Bienensterben».

Am Institut für Bienengesundheit an der Universität Bern sagt Professor Peter Neumann klipp und klar: Eine Verlängerung des Teilverbots sei «wünschenswert». Zwar würden einzelne Studien jeweils Schwächen aufweisen, so der international anerkannte Experte. «Aber wenn man sich die Studienergebnisse weltweit anschaut – und es wurde in den letzten Jahren sehr viel veröffentlicht –, ist das Ergebnis eindeutig: Die Neonics sind sehr schädlich für Bienen und andere Bestäuber.»

Die wahren Leidtragenden
Der «European Academies Science Advisory Council» (Easac) stellt in einem Report ebenfalls «schwerwiegende negative Auswirkungen» fest. Dies auf Bestäuber wie auch auf Insekten, die auf natürliche Weise Schädlinge bekämpfen. Im Easac bilden alle nationalen Wissenschaftsakademien der EU-Staaten einen Rat, der Politiker unabhängig beraten soll.

Vom «Bienensterben» hat die Öffentlichkeit dennoch ein falsches Bild. Wie der Easac höflich schreibt, gebe es «einen ernsthaften Unterschied» zur wissenschaftlichen Evidenz. Es ist nicht so, dass der weltweite Bestand an Honigbienen abnimmt. Vielmehr gilt: «Die Zahl ihrer Kolonien schwankt mit Wetter, Mode und wirtschaftlichen Signalen.» Neumann erklärt das so: «Honigbienen leben in Völkern, was sie extrem gut gegen schädliche Umwelteffekte puffert.» Imker würden sie zusätzlich umsorgen. «Schliesslich beeinflusst der Honigpreis, wie viele von ihnen es weltweit gibt.» Die Öffentlichkeit sorge sich vor allem um sie, denn sie sind «für die Insektenwelt, was junge Eisbären für die Tiere der Polarregion sind: quasi die Superstars.»

In deren Schatten spielt sich das eigentliche Drama ab. Hummeln, Schmetterlinge, Schwebfliegen oder Wildbienen scheinen sich schwererzutun mit Neonics als Honigbienen, weil sie nicht in grossen Völkern leben. «Der Rückgang ihrer Bestände schreitet fort», stellt der Easac fest.

Einfache Antworten gibt es dennoch nicht. «Ein Freund von Totalverboten bin ich nicht», sagt Neumann. Ohne Pestizide könne Europa keine Landwirtschaft betreiben, die es aber brauche. «Ich habe als Kind die Erdölknappheit der Siebzigerjahre miterlebt. Eine Nahrungsmittel-Knappheit möchte ich nicht erleben.»

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