Der Milchpreis ist im Tief. Doch gegenüber dem Ausland ist Schweizer Milch noch immer doppelt so teuer. Um diese Preise durchzusetzen, versucht Emmi, seinen Joghurts, Käsen und Caffè Latte einen besonders edlen Anstrich zu verpassen. Nur so könne, glaubt der Konzern, der letztjährige Umsatz von 3,2 Milliarden Franken gesteigert werden. Punkten will der Verwaltungsrat, der von CVP-Ständerat Konrad Graber präsidiert wird, mit einer neuen Nachhaltigkeitsstrategie. Diese hat er kürzlich verabschiedet. Unter anderem sollen der CO2-Ausstoss und die Verschwendung von Verpackungsmaterial vermindert werden. Es sind hehre Ziele – und die Milchbauern müssen spuren. So will es der Milchkoloss. Doch ein Punkt in der grünen Emmi-Vision sorgt für rote Köpfe.

«Was Emmi von uns verlangt, geht auf keine Kuhhaut», sagt Toni Peterhans, der in Fislisbach AG einen Stall mit 40 Kühen betreibt und dem Konzern jährlich 500 000 Liter Milch abliefert. «Wenn Emmi uns die neuen Regeln aufzwingt, muss ich mit der Milchwirtschaft aufhören. Die Preise sind schon jetzt im Keller.» In der Kritik steht Emmis Forderung, dass bis 2020 alle Lieferanten gewisse Haltungsbedingungen erfüllen müssen. Konkret geht es um die Tierwohlprogramme «BTS» und «Raus», wie Emmi dem Branchenportal «Schweizer Bauer» bestätigte.

Protestbrief an Emmi-CEO Riedener
BTS steht für «Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme» und beinhaltet Massnahmen wie eingestreute Liegeplätze, Zugang zu Tageslicht und einen rund um die Uhr zugänglichen Liegebereich. Das Raus-Programm sieht den «Regelmässigen Auslauf im Freien» vor. Demnach müssen die Milchkühe im Sommer 26 Tage Weidegang pro Monat erhalten, im Winter 13 – oder Zugang zu einem Laufhof während des ganzen Jahres.

Toni Peterhans führt hingegen einen sogenannten Anbindestall, in dem die Kühe mehrheitlich an Ort und Stelle verharren. Er erfüllt die BTS- und Raus-Richtlinien nicht. Damit ist er nicht allein. Von den 550 000 Schweizer Milchkühen sind 60 Prozent nicht Teil des BTS- und 20 Prozent nicht Teil des Raus-Programms. Peterhans sagt, wenn er seinen Kühen mehr Auslauf geben würde, würden sie erfahrungsgemäss 15 Prozent weniger Milch produzieren. Kühe in Anbindeställen seien oft sogar gesünder als Weidekühe. Er habe viel investiert, damit sich die Tiere wohlfühlen, unter anderem in Ventilatoren für die Frischluftzufuhr. «Beim derzeitigen Milchpreis von rund 50 Rappen kann ich es mir nicht leisten, in einen teuren Laufstall zu investieren.» Vor allem, weil Emmi die Kosten nicht kompensieren wolle.

Ein weiteres Problem: Die Programme seien mit Zusatzaufwand verbunden, da die Kühe rein- und rausgelassen werden müssten, sagt Peterhans. Wegen der Milchpreiskrise habe er in den letzten Jahren aber noch andere Geschäftszweige aufgebaut, die ihn zeitlich beanspruchen. «Diesen könnte ich dann nicht mehr nachgehen.»

Unterstützung erhält Peterhans von der IG Anbindestall, die rund 2000 Mitglieder zählt. «Die Zwängerei von Emmi ist äusserst stossend», sagt IG-Präsident Konrad Klötzli. Dabei würden auch Anbindeställe gängige Tierschutzregeln einhalten. «Und wenn Emmi schon solche Forderungen stellt, müssten die Anstrengungen wenigstens finanziell belohnt werden. Ansonsten droht vielen Milchbauern mit Anbindestall das Aus.» Emmi habe das Ganze zu wenig durchdacht, sagt Klötzli. Für viele Milchbauern in Bergregionen seien die Richtlinien in der Praxis nicht finanzierbar, da sie einen Drei-Stufen-Betrieb führen, mit der Kuhhaltung im Tal, auf dem Maiensäss und auf der Alp. «Da bräuchte es an allen drei Orten bauliche und organisatorische Anpassungen. Und das kostet.» Nicht jeder Bauer habe einen Millionenlohn wie Emmi-CEO Urs Riedener. Der Konzern nutze seine Marktmacht aus. Die IG hat Emmi diese Woche einen Protestbrief geschickt, der der «Schweiz am Sonntag» vorliegt. Darin verlangt sie, dass Emmi «auf diesen unsinnigen Zwang» verzichtet. Als grösster Schweizer Milchverarbeiter habe Emmi eine soziale Verantwortung gegenüber den Lieferanten.

Mehr Swissness, mehr Geld?
Auch vom Hauptaktionär von Emmi, den Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP), wird die erfolgsverwöhnte Geschäftsleitung in die Schranken gewiesen: «Über die Art und Weise, wie die Nachhaltigkeitsstrategie umgesetzt werden soll, sind wir nicht glücklich», sagt ZMP-Chef Pirmin Furrer. «Da wurde vorschnell kommuniziert.» Denn über die Umsetzung wolle man mit den Verantwortlichen von Emmi noch ausführlich diskutieren. Für ihn ist klar: «Nicht nur Emmi soll von den Zusatzprogrammen profitieren, sondern auch die Milchbauern.» Nur mit der generellen Stossrichtung des Nachhaltigkeitskonzepts sei man einverstanden. Denn die Konsumenten wollten nun mal Milch aus besonders tierfreundlicher Haltung. «Bio- und Heumilch halten schon heute einer Milchkrise besser Stand», sagt Furrer. Mit einem klaren Profil könne sich die Schweizer Milch von der ausländischen Konkurrenz abheben.

Emmi gibt sich inzwischen zurückhaltender. Man werde die nächsten Monate nutzen, um die die Umsetzung des Nachhaltigkeitskatalogs zusammen mit den Milchlieferanten auszuarbeiten. «Das Ziel von Emmi ist es, auch künftig für Schweizer Milchprodukte einen Swissness-Bonus lösen zu können», sagt Sprecherin Sibylle Umiker. Dabei sei nebst der Qualität auch die Nachhaltigkeit ein wichtiger Faktor. Wenn es Emmi gelinge, nachhaltigere Milchprodukte mit einem Mehrwert zu verkaufen, würden davon auch die Produzenten profitieren.

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