Herr Riedener, wann haben Sie zum letzten Mal ein Glas Milch getrunken?
Urs Riedener: Das ist schon länger her. Aus meiner Zeit bei Lindt geniesse ich aber immer wieder mal ein Glas Milch mit einem Stück Schokolade. Die Empfehlung, drei Mal am Tag Milchprodukte zu konsumieren, übertreffe ich aber.

Seit 2004 ist der Konsum von Milch in der Schweiz um über einen Viertel gesunken. Wie erklären Sie sich diesen massiven Rückgang?
Auf den Frühstückstischen sind Fruchtsäfte eine harte Konkurrenz geworden. Und die Konsumenten sind häufiger unterwegs. Mit der Folge, dass der Liter Milch heute nicht mehr ganz so populär ist. Andererseits entwickeln sich unsere Milch-Mischgetränke wie Caffè Latte positiv, und der Käsekonsum nimmt auch zu.

Damit lässt sich aber das Minus nicht wettmachen. Hat die klassische Milch ein Imageproblem?
Die Milch hat kein Imageproblem, höchstens ein Trendproblem. Milch ist ja das erste Getränk, das der Mensch zu sich nimmt. Sie ist etwas vom Natürlichsten überhaupt. Aber es gibt sicher Nachholbedarf, um den Konsum wieder attraktiver zu machen.

Wie?
Indem wir auf aktuelle Trends eingehen. Unsere laktosefreie Milch und unsere Biomilch sind sehr erfolgreich.

Was ist mit Milch auf Pflanzenbasis?
Pflanzliche Milchalternativen sind ein globaler Megatrend, dem wir uns nicht verschliessen. Seit zwei Jahren haben wir mit Sojavit eine eigene, kleine Marke für vegane Bioprodukte. Und bald lancieren wir damit auch Mandel-, Kokos- und Erbsenmilch. Solche Produkte stellen wir für dritte Firmen als Eigenmarke schon seit vielen Jahren her.

Hat dieser Megatrend mit gesundheitlichen oder Lifestyle-Gründen zu tun?
Es gibt eigentlich keine gesundheitlichen Gründe, keine Milch zu trinken, ausser man hat eine Allergie. Ich bin der Ansicht, dass viele Konsumenten der klassischen Milch gegenüber zu kritisch und den veganen Alternativen gegenüber zu positiv eingestellt sind. Ein Liter Mandelmilch hat etwa 98 Prozent Wasser drin und zwei Mandeln. Die Vitamine muss man künstlich beifügen. Es braucht Stabilisatoren und Emulgatoren. Soja und Mandeln müssen importiert werden, kommen aus Grossplantagen, brauchen viel Wasser, und so weiter.

Wieso machen Sie denn bei diesem Trend mit?
Weil wir ein konsumentenorientiertes Unternehmen sind. Gewisse Konsumenten möchten sich nun mal anders ernähren und der Handel gibt diesen Produkten mehr Regalplatz.

Ihr Hauptaktionär, die Zentralschweizer Milchbauern, sind aber sicher nicht erfreut, wenn Sie Milchalternativen bewerben.
Da mache ich mir keine Sorgen. Wir sind und bleiben ein Milch-verarbeitendes Unternehmen. Vegane Milch-Produkte sind und bleiben für uns eine Nische.

Viele Ihrer Milchlieferanten haben Sie jedoch kürzlich vor den Kopf gestossen, als Sie plötzlich verlangten, dass sie ihre Ställe bis 2020 auf besonders tierfreundliche, aber teure Standards umrüsten müssen (die «Schweiz am Sonntag» berichtete).
Wenn man etwas bewegen will, gibt es immer Leute, denen das nicht gefällt. Tatsache ist, dass wir viele Komplimente erhalten haben von Produzenten und Konsumenten. Bei unserer Vorgabe handelte es sich aber um eine Absichtserklärung, zu der wir keine Details festgelegt haben. Sie wurde aber so verstanden, als sei alles schon in Stein gemeisselt. Und dass die meisten Schweizer Milchbauern ihre Kühe schon vorbildlich halten und keinerlei Anpassungsbedarf haben, wurde in der medialen Diskussion unterschlagen.

Weichen Sie die Vorgaben wieder auf?
Nein, die Richtung bleibt bestehen, die Details erarbeiten wir aber mit den Bauern zusammen. Die Frage ist doch, weshalb wir auf eine besonders tierfreundliche Stallhaltung pochen. Unser Ziel ist es, mehr Schweizer Milchprodukte absetzen zu können. Und ich bin der Meinung, dass die Vermarktungschancen von nachhaltiger Milch grösser sind, national und international. Als grösster Milchveredler stehen wir in der Verantwortung, Visionen zu entwickeln, von denen die ganze Branche profitieren kann.

Es stehen mehrere Initiativen an, welche die Schweizer Agrarwirtschaft weiter abschotten wollen. Macht Ihnen das Sorgen?
Es macht wenig Sinn, mehr abzuschotten. In der Schweiz wird mehr Milch produziert als konsumiert. Da muss sich jeder selber fragen, ob es Sinn macht, den Absatzmarkt künstlich zu verkleinern.

Sie wollen öffnen?
Ich will vor allem nicht weiter abschotten. Denn die langfristige Tendenz der Marktöffnung ist nicht aufzuhalten, auch wenn es derzeit auch einige gegenteilige Entwicklungen gibt.

Konkret: Wie stimmen Sie über die Ernährungssicherheitsinitiative der Bauern ab, die ebenfalls auf eine Abschottung der Agrarwirtschaft zielt?
Ich befürworte im Grundsatz das Hauptanliegen der Ernährungssicherheitsinitiative. Dafür braucht es aber keinen neuen Verfassungsartikel. Ich bin aber nun gespannt auf den finalen Gegenvorschlag.

Heute kostet ein Kilo Milch doppelt so viel wie in der EU. Mit welchem Milchpreis rechnen Sie bis Ende Jahr?
Die Preisdifferenz zum Ausland war im letzten Jahr ausserordentlich hoch, weil die Branche für Schweizer Milch absichtlich etwas mehr bezahlt hat. International ziehen die Milchpreise bereits seit einigen Monaten wieder an. Diese Entwicklung spüren die Schweizer Milchbauern auch, einfach verzögert und weniger extrem. Ich rechne damit, dass es 2017 auch für den Inlandmarkt eine Milchpreiserhöhung geben wird.

Neben den hohen Rohstoffkosten gilt es auch den starken Franken zu verdauen. War der Währungsschock für Emmi quasi ein probiotisches Joghurt, das langfristig fit macht?
Die Frankenstärke hat nicht erst im Januar 2015 begonnen und ist noch nicht vorbei. Wir sind ja schon nicht mehr bei 1.10, und vor nicht allzu langer Zeit waren wir noch bei 1.65. Der Franken ist eine permanente Herausforderung. Das heisst für uns, dass wir aus der Schweiz heraus nur sehr spezifische Premium-Produkte wie Kaltbach-Käse oder Caffè Latte international vermarkten können. Eine grosse Volumenausweitung bleibt aber aus.

Was heisst das für das Geschäftsjahr 2016? Im Sommer sprachen Sie über ein Umsatzziel von minus 1 bis plus 1 Prozent, und einem Ertrag zwischen 185 bis 195 Millionen Franken.
Wir werden unsere Prognose in etwa erreichen.

Klar ist: Der Schweizer Markt wird das Ergebnis nicht verbessern.
Nein. Der Schweizer Heimmarkt ist sehr schwierig geworden mit dem Einkaufstourismus, den Harddiscountern, die den Preiskampf anheizen, und auch mit importierten Billigprodukten. Da ziehen leider auch die Schweizer Händler oft mit.

Hierzulande ist vor allem der heimische Käse unter Druck, da viel importiert wird. Welche Zukunft hat der Schweizer Käse, wenns so weiter geht?
Das Jahr 2016 dürfte gar nicht so schlecht ausgefallen sein. Ich rechne mit einem Null-Wachstum. Das ist beachtlich, wenn man sieht, wie stark die Käsepreise unter Druck sind. Auf den internationalen Grossmärkten können Sie ein Kilo Gouda für 2 Euro kaufen. Insofern konnten wir uns gut halten und ich bin zuversichtlich, dass inskünftig wieder mehr Schweizer Käse exportiert werden kann.

Geht das starke Wachstum mit Ihrem Blockbuster Caffè Latte weiter?
Wir rechnen national und international mit einem leichten Wachstum.

Nur leicht? Das klang früher noch anders.
Unser wichtigster Handelspartner in Spanien hat sich vor einiger Zeit entschlossen, verstärkt Eigenmarken zu verkaufen. Deshalb gibt es eine kleine Delle. Aber ansonsten wachsen wir mit Caffè Latte überall. Und im Februar sind wir mit der Marke stark an der Ski-WM in St. Moritz präsent. Das wird ein Marketing-Highlight.

Sind Sie mit dem Geschäft in den USA, Ihrem wichtigsten Auslandmarkt, zufrieden?
Sehr zufrieden. Wir wachsen organisch und auch dank unseren Übernahmen. Wir exportieren nach wie vor viele Spezialitätenkäse aus der Schweiz.

In den USA haben Sie kürzlich eine Werbekampagne gestartet, in der Singles sich zum Fondue-Date treffen. Wird Emmi Sponsor der Dating-App Tinder?
(lacht) Das ist nicht geplant. Aber wir möchten das Fondue den Amerikanern noch schmackhafter machen und nicht nur mit Alphütten-Romantik werben. Das zieht in den USA weniger. Das Potenzial ist gross. Denn Fondue ist schnell zubereitet, relativ günstig und gesellig.

Beliefern Sie eigentlich die Hotels von Donald Trump mit Emmi-Joghurts?
Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Wäre mir eigentlich auch egal, solange Trump den Preis bezahlt!

Sie haben diese Woche mit der kalifornischen Firma Jackson-Mitchell bereits die fünfte ausländische Ziegenmilch-Firma gekauft. Weshalb?
Das entspricht unserer Nischenstrategie, der wir treu bleiben. Ziegenmilchprodukte sind im Trend, währendem der Konsum von Kuhmilchprodukten in einigen Märkten stagniert oder gar rückläufig ist. Wir sind inzwischen wohl einer der fünf grössten Anbieter von Ziegenmilchprodukten weltweit.

Sie sind seit 2008 als Emmi-CEO im Amt. Was würde Sie noch reizen?
So weit blicke ich nicht voraus. Mich interessiert die Zielerreichung 2017. Es gibt noch genügend spannende Projekte, die mich bei Emmi sehr interessieren. Ich habe meine Karriere nie geplant. Ich höre auf mich selber: Wie viel Spass habe ich noch? Kann ich zum Erfolg beitreten? Passen mir die Rahmenbedingungen? Ich habe meine Karriere nie geplant. Ich habe Freude an meiner täglichen Arbeit, wir sind erfolgreich. Da kann man gerne auch mal im Moment leben, ohne grosse persönliche Zukunftspläne anzustellen.

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