Noch zahlen wir im Laden mit Bargeld oder Plastikkarte. Schon bald aber werden wir es mit dem Handy tun. Zumindest sehen das Banken und Detailhändler so. Im vergangenen Sommer lancierte die Swisscom mit Tapit einen ersten Schweizer Versuch, und im Ausland zeigt Apple mit Apple Pay, wohin es gehen könnte: An der Kasse kurz das Telefon ans Lesegerät halten, und schon ist alles bezahlt.

Jetzt bringt die Migros Schwung in die Sache. Auch sie hat eine solche Handy-App angekündigt. Erstmals sagt Migros-Chef Herbert Bolliger, wie sie aussehen soll. Er ist kein Freund der Banken, welche die heutigen Zahlkartensysteme kontrollieren. «Wir suchen eine möglichst günstige Lösung, was in der Regel bedeutet, dass wir etwas an den Kreditkartenfirmen vorbei entwickeln müssen», sagt er zur «Schweiz am Sonntag». Laut Nationalbank werden pro Jahr Einkäufe im Wert von 60 Milliarden Franken mit Karten bezahlt. Selbst konservativ geschätzt verdienen die Verarbeiter Hunderte Millionen Franken an Kommissionen. 20 bis 30 Rappen kostet eine Zahlung mit Maestro, etwa 2,5 Prozent des Umsatzes eine per Kreditkarte.

Die Migros hat ihrer eigenen Bank den Auftrag gegeben, eine App zu entwickeln. Man habe das Know-how im Haus, sagt Bolliger. Seit 1987 können Kunden der Migros Bank mit der Kontokarte in den Migros-Läden und bei Partner-Unternehmen wie den SBB bezahlen. Die Detailhändlerin war mit ihrem Plastikkarten-System sogar noch etwas früher als das heutige Maestro, das in den Achtzigerjahren als «EC Direkt» lanciert wurde.

Bolliger will mehr als ein Zahlsystem nur für die Migros-Läden. «Wir gehen davon aus, dass das auch anderswo funktionieren wird», sagt er. «Nur eine Migros-Lösung kann nicht die Sache sein.» Zudem sollen Karten oder Konten auch anderer Banken aufgeschaltet werden können. «Dazu gehören dann auch die Kreditkarten», so Bolliger. Der Migros-Chef ist zuversichtlich: «Wenn wir mit unserer Grösse etwas Gescheites aufstellen, sollten wir eine grosse Chance haben, dass sich das durchsetzt.» Im zweiten Halbjahr will Bolliger damit starten.

Wenig Freude an den Plänen der Migros dürfte die Konkurrenz haben. Das im Sommer lancierte Swisscom-Produkt Tapit ist nicht in die Gänge gekommen, wie Swisscom-Chef Urs Schaeppi unlängst eingestand. Von den Schweizer Kreditkartenfirmen sind bisher nur zwei zaghaft eingestiegen. Andere haben offiziell abgesagt. Auch die Telekom-Unternehmen Orange und Sunrise haben ihre für 2014 angekündigte Teilnahme hinausgeschoben. Zu Tapit hält lediglich der Detailhändler Coop. Und der wird von der gleichen Person präsidiert wie die Swisscom: Hansueli Loosli.

Tapit ist eine eher komplizierte Lösung, denn sie basiert auf der SIM-Karte des Telefons als Sicherheitsmerkmal und ist damit von den Telekom-Firmen abhängig. Damit ein Kunde bezahlen kann, braucht er also nicht nur das richtige Handy und die richtige Bank, sondern auch noch das richtige Netz.

Die Kreditkartenfirmen stören sich am Einfluss der Swisscom, und so haben sie parallel zu Tapit unter dem Codenamen «SwissALPS» eine eigene App entwickelt. Sie soll wie das Zahlsystem der Migros im laufenden Jahr lanciert werden. Die Kreditkartenfirmen setzen dabei auf einen grossen Namen: «Wir wollen mit Apple kooperieren», sagt Nadine Geissbühler, Sprecherin der Kreditkartenfirma Aduno. Erste Gespräche haben offenbar bereits stattgefunden.

Und dann wäre da noch die Post. Bereits im Plastikkarten-Zeitalter hat ihre Bank mit der «Postfinance Card» den Alleingang gesucht. Nun soll ein Handy-System namens «Twint» den Erfolg wiederholen. Der Nachteil: Twint setzt mit dem Funkstandard Bluetooth auf eine andere Technologie als alle anderen. Die Läden müssen also zusätzliche Geräte kaufen – und sie auch selber bezahlen, wie Twint-Chef Thierry Kneissler erklärt. Zudem kommunizieren die Handys bei Twint nicht direkt mit der Kasse, sondern übers Internet. Ohne Handyempfang wird das Zahlen nicht möglich sein. Läden mit Funklöchern müssen daher aufrüsten, und auf die Swisscom können sie dabei kaum setzen.

Auch Post-Manager Kneissler sagt, man wolle günstiger sein als Visa, Maestround Co. Zehn Rappen soll ein Händler für eine Twint-Zahlung bezahlen müssen – halb so viel wie heute bei Maestro oder Postfinance Card. Damit wird klar: Die neuen Systeme werden die Margen der Kreditkartenfirmen weiter unter Druck bringen. Erst vor Weihnachten mussten sie auf Druck der Wettbewerbskommission (Weko) einen Teil ihrer Gebühren erneut senken. Die Weko redet den Kreditkartenfirmen aufgrund der kartellistischen Branchenstruktur ins Geschäft.

Die nächsten Monate werden entscheiden, wer sich durchsetzt. «Da werden viele Pilze aus dem Boden schiessen, aber nach ein paar Jahren gibts eine Konsolidierung», sagt Migros-Chef Bolliger. Wichtig sei, dass das Zahlen einfach sei. Die Migros habe bestehende Lösungen ausprobiert und wieder verworfen. «Der Kunde will an der Kasse ein, zwei Handgriffe tun. Braucht es mehr, funktioniert das nicht.»

Erstaunlicherweise fehlt in diesem Rennen ein Anbieter: Die SIX Group hat bis anhin kein entsprechendes Produkt in der Pipeline – obwohl sie einst EC Direkt erfunden hat und noch heute alle Maestro-Karten verwaltet. Zwar bastelt auch die SIX Group an einer Handy-App. Doch sie soll vorerst nur Überweisungen von Handy zu Handy ermöglichen. Zahlungen im Laden kommen erst später dazu. Insider vermuten, frühestens 2016.

Die SIX handelt unfreiwillig mit angezogener Handbremse, denn ihre Aktionäre sind die grossen Schweizer Banken. Und die wollen wohl alle erst ihre eigenen Projekte ausprobieren.

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