Ginge es nach Migros-Chef Herbert Bolliger, dürften seine Filialen praktisch ohne zeitliche Einschränkung Tirolercakes, Ice-Tea und Waschpulver verkaufen. Im Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag» sagt er: «Es braucht kein Ladenöffnungsgesetz. Man sollte dieses Gesetz überall streichen.» Die Konsumenten sollten entscheiden, so der oberste Migros-Mann. «Wir öffnen doch nirgends einen Laden, wenn die Kunden nicht kommen!»

Ein Problem mit dem Arbeitnehmerschutz sieht Bolliger in seiner Forderung nicht: «Die Angestellten sind über das Arbeitsgesetz geschützt. Ausserdem gibt es viele Mitarbeitende, die abends oder am Wochenende arbeiten möchten, weil es für sie passt.»

Bolliger glaubt, der Kantönligeist werde wohl eine wirkliche Liberalisierung verhindern. «Dabei wäre es am besten, alle Kantone würden es machen wie der Aargau.» Der Mittelland-Kanton hatte 2005 sein Ladenöffnungsgesetz über Bord geworfen. Seither werden die Öffnungszeiten nur durch das Arbeitsgesetz des Bundes eingeschränkt. Von Montag bis Samstag dürfen die Läden von 6 bis 23 Uhr offenbleiben.

Bolligers Vorpreschen erfolgt zu einem brisanten Zeitpunkt. Denn erst diese Woche hat die Wirtschaftskommission des Ständerates ihrem Rat beantragt, das neue Ladenöffnungszeitengesetz anzunehmen. Dieses stellt einen Kompromiss nach jahrelangem Hin und Her in den Räten dar. Mit dem neuen Gesetz dürften Händler in der ganzen Schweiz an Wochentagen zwischen 6 und 20 Uhr offen bleiben, an Samstagen zwischen 6 und 18 Uhr. Bolligers Wunschszenario geht also deutlich weiter.

Dass sich der Migros-Chef derart aus dem Fenster lehnt, kommt nicht von ungefähr. Die Befürworter einer Liberalisierung haben nicht zuletzt seit der Erstarkung der bürgerlichen Parteien in den Parlamentswahlen Oberwasser. Doch an den Urnen haben Liberalisierungen selten Chancen. Die IG Detailhandel mit Migros, Coop und Manor, gibt sich deshalb zurückhaltender als der Migros-Chef. Eine Liberalisierung am Sonntag sei kein Thema, sagt IG-Geschäftsleiter Patrick Marty. Man fordere lediglich, dass die laut Arbeitsgesetz möglichen vier Sonntagsverkäufe endlich in allen Kantonen umgesetzt würden. Unter der Woche hat sich die IG eine Teilharmonisierung der Öffnungszeiten auf die Fahne geschrieben. Die momentane Lösung des Parlaments sei eine pragmatische, welche die Kompetenzen der Kantone nicht einschränke.

Für eine Liberalisierung weibelt auch die vor allem auf dem Land präsente Volg-Gruppe. «Früher hat man die meisten Einkäufe am Vormittag getätigt, heute vermehrt am Abend oder auch am Sonntag», sagt Sprecherin Tamara Scheibli. Darum sehe Volg Potenzial für längere Öffnungszeiten. «Gerade kleinere Läden mit vielen Mitbewerbern in der Region sind auf eine möglichst positive Umsatzentwicklung angewiesen», sagt sie. Dies könne mit längeren Öffnungszeiten unterstützt werden und diene langfristig betrachtet auch der Sicherung von Arbeitsplätzen.

Für Volg sei die Frage teilweise existenziell: «In den letzten Jahren haben zahlreiche Läden dank der Verlängerung der Öffnungszeiten Umsatz, Ertrag und Kundenzahl deutlich steigern können. Ehemalige Schliessungskandidaten konnten so gerettet und damit die Einkaufsmöglichkeit im Dorf gesichert werden.»

In den Städten steht insbesondere Tag sieben im Fokus. «Wir sind der Meinung, dass Zürich als grösste Tourismusregion der Schweiz auch am Sonntag die Möglichkeit bieten sollte, einkaufen zu gehen», sagt Tourismus-Direktor Martin Sturzenegger. «Aus Umfragen wissen wir, dass dies ein grosses Bedürfnis der Touristen ist. Dass wir sonntags alles dichtmachen, ist ein bedeutender Standortnachteil im europäischen Wettbewerb.»

In Bern setzt die Tourismus-Branche auf eine Motion von FDP-Grossrat Adrian Haas, der in der Innenstadt eine Sonderregelung anstrebt «Mir war es vorab ein Anliegen, dass die vielen Touristen am Sonntag nicht vor verschlossenen Türen der Souvenirläden stehen», sagt Haas. Die Motion schliesse eine «massgeschneiderte Ausdehnung» nicht aus.

Bei der Gewerkschaft Unia klingeln die Alarmglocken. «Angestellte des Detailhandels sind durch das Arbeitsgesetz nicht genügend geschützt», sagt Unia-Sekretär Arnaud Bouverat. Die Liberalisierung, wie sie vom Parlament beschlossen werden dürfte, führe in 14 Kantonen und für 65 Prozent der Beschäftigten zu schlechteren Bedingungen. Wer heute bis 20 Uhr arbeiten müsse, sei oft sehr spät zu Hause – und frühmorgens bereits wieder im Laden.

Beruf und Familienleben seien so kaum vereinbar. In den Kantonen mit liberalen Öffnungszeiten sei ein Verdrängungskampf zuungunsten der Kleinen zu beobachten, sagt Bouverat. «Verkäuferinnen berichten uns oft, dass sie auch dann im Laden stehen müssen, wenn keine Kunden kommen. Die grossen Ketten setzen in diesen Zeiten einfach weniger Personal ein, was zu extrem aufgesplitteten Arbeitseinsätzen und Arbeit auf Abruf führt», sagt Bouverat.

Denkbar seien allenfalls gewisse Kompensationen, etwa in Form von Schichtmodellen. In der Westschweiz habe man bei GAV-Verhandlungen im Gegenzug zu längeren Öffnungszeiten am Samstag erreicht, dass das Personal an mehr Samstagen und Abenden unter der Woche freinehmen könne. Es sei aber wichtig, dass die Bestimmungen für alle gälten. Deshalb brauche es einen nationalen GAV. Den aber wollten die Arbeitgeber nicht. «Es geht nicht an, dass erst Ausnahmen etwa für Tankstellenshops verlangt werden und man zwei Jahre später mit Berufung auf diese Ausnahmen weitere Liberalisierungen für alle Läden fordert», sagt Bouverat. «Das ist reine Salamitaktik.»

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