Die Krankenkasse Helsana wählt deutliche Worte: «Mit bewusst gewählten, ähnlichen Bezeichnungen wird tendenziell gegen das Heilmittelgesetz verstossen», sagt Sprecherin Anja Borchart. «Uns ist diese Praxis ein Dorn im Auge.» Was meint sie?

In Schweizer Apotheken gibt es Medikamente mit einem Doppelleben. Sie werden unter einem Namen, aber gewissermassen mit unterschiedlichen Vornamen vertrieben. Beispiele sind etwa Fluimucil und Fluimucil Erkältungshusten oder Schmerzmittel wie Spedifen und Dolo Spedifen. Die Absicht der Pharmafirmen ist immer die gleiche: Bei Preis und Werbung mehr herausholen.

Ein Beispiel ist das Hustenmittel Solmucol von Herstellerin IBSA. Eine Schachtel mit 10 Brausetabletten Solmucol 600 kostet Fr. 6.30. Weil das Medikament auf Verschreibung von der Kasse bezahlt wird, ist der Preis reguliert. Das Schleimlösemittel ist rezeptfrei erhältlich, doch wer ohne Rezept in die Apotheke geht, muss aufpassen. Dort steht in den Regalen auch das praktisch gleich verpackte Solmucol Erkältungshusten (siehe Bild). Es enthält den gleichen Wirkstoff in der gleichen Dosis.

Doch dann enden die Gemeinsamkeiten. Die kleinste Packung umfasst nicht 10, sondern nur 7 Tabletten. Und sie kostet mehr. Bei der Basler Anfos-Apotheke etwa wird sie für Fr. 11.60 verkauft. Pro Tablette ist das 163 Prozent mehr. Manchmal werden auch Zehnerpackungen verkauft, doch selbst diese sind noch rund 60 Prozent teurer.

Für die Herstellerin bedeutet der Vertrieb mit dieser Dachmarkenstrategie nicht nur, dass sie unterschiedliche Preise verlangen kann. Sie kann auch das Werbeverbot umgehen, das für kassenpflichtige Produkte gilt. Solmucol Erkältungshusten gilt als eigene Marke ohne Kassenpflicht und darf beworben werden. Dass selbst Profis gelegentlich die Zwillingsmedikamente verwechseln, zeigt das Beispiel der Adler-Apotheke in Winterthur, die auf ihrer Website unter «Solmucol 600» das Produkt Solmucol Erkältungshusten auflistet. Wer das billigere anklickt, erhält das teurere.

Ähnlich ist der Fall bei Fluimucil von Zambon, das den gleichen Wirkstoff enthält wie Solmucol. Die nicht kassenpflichtige Version des Pulvers zum Auflösen kostet rund das Doppelte.

Es gibt weitere Beispiele. Etwa das Schmerzmittel Voltaren, das schon vor Jahren von Herstellerin Novartis in einer «dolo»-Reihe lanciert wurde. Teilweise kosten die Produkte gleich viel, etwa beim Gel aus der Tube. Manchmal aber sind die Preisunterschiede frappant. Die frei verkäufliche Schachtel mit 10 Tabletten ist deutlich teurer als das rezeptpflichtige Pendant, obwohl dieses 30 Tabletten enthält.

Seit kurzem stammen die beiden Voltaren von verschiedenen Herstellern. Novartis hat die frei verkäuflichen Medikamente an ein Jointventure mit Konkurrentin GSK ausgelagert. Der Novartis-Sprecher möchte die Preisdifferenz deshalb nicht kommentieren. Die meisten Hersteller argumentieren auf Anfrage, es handle sich bei den Zwillingsprodukten um separate Marken mit je einer eigenen Zulassung. Juristisch gesehen stimmt das. Die Zulassungsstelle Swissmedic akzeptiert sehr ähnliche Marken als eigenständige Produkte. Namen, die den gleichen «Markenkern» verwendeten, seien erlaubt, sagt Swissmedic-Sprecher Peter Balzli. Man würde aber Markennamen ablehnen, die «zu Verwechslungen führen» können. Würden Medikamente in kleineren Packungen verkauft, handle es sich zudem nicht um identische Produkte, so Balzli.

Im Einzelnen mögen die Preise solcher Medikamente tief scheinen, doch in der Summe kommt viel zusammen. Laut der Krankenkasse CSS werden jährlich rezeptfreie Medikamente im Wert von einer halben Milliarde Franken abgerechnet. Sie machen 10 Prozent der Medikamentenkosten aus.

Konsumentenschützer kritisieren die Tricks der Pharma-Firmen. Zwischen den Untermarken bestehe eine grosse Verwechslungsgefahr, sagt Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz. Auch könne es nicht sein, dass über Umwege für Produkte geworben werden könne, die von den Krankenkassen bezahlt werden müssen. Sie verweist auf die Arzneimittel-Werbeverordnung. «Man sollte da eine Bestimmung mit aufnehmen, dass Medikamente nicht beworben werden dürfen, wenn sie die gleiche Marke verwenden wie kassenpflichtige Produkte.»

Ins gleiche Horn bläst Helsana-Sprecherin Borchart: «Es läge an der Zulassungsbehörde Swissmedic, solche missbräuchlichen Praktiken zu verbieten oder im Einzelfall für ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel einen anderen Namen einzufordern.»

Matthias Schenker, Leiter Gesundheitspolitik bei der CSS, verweist zudem auf einen anderen Effekt. Nicht nur treibe die Werbung den Konsum für kassenpflichtige Produkte unnötig an. «Kosten entstehen auch, weil Leute wegen Bagatellfällen zum Arzt gehen, damit sie etwa ein Hustenmittel danach über die Kasse abrechnen können. Da ist der Arztbesuch schnell teurer als das Medikament, das sie auch ohne Rezept hätten kaufen können.» Rezeptfrei verkäufliche Medikamente sollten daher nur noch über die Krankenkasse abgerechnet werden können, fordert er, wenn sie für die Behandlung einer schweren Krankheit unverzichtbar sind.

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