Pierre Moscovici wählte grosse Worte. Es gehe um Gerechtigkeit und Moral, sagte der neue Finanzminister Frankreichs, als er vergangene Woche bekannt gab, die Löhne der französischen Staatsbetriebe auf 450 000 Euro zu begrenzen. In der Schweiz hörte Cédric Wermuth genau zu. Der SP-Nationalrat steht an der Spitze einer breiten Front, welche die hohen Gehälter der Chefs in den Betrieben der öffentlichen Hand ins Visier genommen hat – auf Bundesebene und in den Kantonen.

Noch hat der Bund das jährliche Kaderlohnreporting, das die Spitzengehälter in den Bundesbetrieben ausweist, nicht veröffentlicht. Eine Auswertung der verschiedenen Geschäftsberichte durch den «Sonntag» zeigt aber: Acht Chefs von Unternehmen, die ganz oder mehrheitlich im Bundesbesitz sind, verdienten 2011 mehr als das Gehalt eines Bundesrats (475 000 Franken).

In fünf Unternehmen erhielten auch die übrigen Mitglieder der Geschäftsleitung mehr als einen Bundesratslohn. Und mit Swisscom-Chef Carsten Schloter (1,57 Millionen Franken) und SBB-Spitzenmann Andreas Meyer (1,03 Millionen Franken) bezogen zwei Manager im vergangenen Jahr mehr als das Doppelte eines Bundesrats.

Nun geraten die Bezüge unter Druck. «Es ist absurd, wenn staatliche oder öffentliche Betriebe zum Teil mehr als den doppelten Bundesratslohn zahlen», sagt Cédric Wermuth. Mit mehreren Vorstössen im Nationalrat fordert er eine Begrenzung. Erstens dürften die Chefs der staatlichen oder staatlich kontrollierten Betriebe nicht mehr verdienen als ein Bundesrat. Und zweitens müsse bei den Bundesbetrieben gelten, was die «1:12»-Initiative der Jungsozialisten für die Privatwirtschaft verlangt: Der höchste Lohn darf das Zwölffache des tiefsten Lohns nicht überschreiten. «Der Bund hat eine Vorbildfunktion, die er wahrnehmen muss», sagt Wermuth.

Von einer Lohnschere von 1:12 sind heute mehrere Firmen in Staatskontrolle deutlich entfernt. Das Salär von Carsten Schloter ist 35-mal so hoch wie der Mindestlohn von 45 500 Franken, der im Unternehmen laut Geschäftsbericht gilt. Bei der Post beträgt der im Gesamtarbeitsvertrag festgeschriebene Minimallohn 44 823 Franken; Konzernchef Jürg Bucher verdient 19-mal mehr.

In den Fokus gerückt sind auch die Löhne in den öffentlichen Unternehmen der Kantone. Wie David Roth, Präsident der Jungsozialisten, dem «Sonntag» bestätigt, reichen die Juso in mehreren Kantonsparlamenten Vorstösse ein, die eine Begrenzung der Löhne auf die Höhe eines Regierungsratsgehalts vorsehen. Damit will Roth nicht nur die Löhne der Chefs bei den Kantonalbanken deckeln, sondern auch bei den Verkehrs- und Infrastrukturbetrieben, kantonalen Energieversorgern oder öffentlichen Spitälern. «Die höchste Verantwortung für die staatlich kontrollierten Unternehmen liegt in den Kantonen beim Regierungsrat», sagt Roth. «Es gibt deshalb keinen Grund, weshalb einzelne Manager abkassieren sollten.» Auch bei den staatsnahen Betrieben in den Kantonen soll zudem analog zur «1:12»-Initiative die Regel gelten, dass der höchste Lohn nicht grösser ist als das Zwölffache des tiefsten Gehalts.

Die Chancen für die Juso, zumindest mit einem ihrer Anliegen durchzukommen, sind intakt. Das bürgerlich dominierte Aargauer Kantonsparlament entschied vergangene Woche, den Lohn des Chefs der Aargauischen Kantonalbank (AKB) um 40 Prozent zu kürzen. Die Forderung ging zurück auf einen Vorstoss aus der SVP, der verlangte, dass die Geschäftsleitung der AKB maximal doppelt so viel verdienen dürfe wie ein Regierungsrat. AKB-Chef Rudolf Dellenbach reagierte darauf im «Sonntag» entsetzt: «Ich verstehe die Welt der bürgerlichen Aargauer Politiker nicht mehr.» Als Kantonalbanker ist Dellenbach mit seinem Lohn in guter Gesellschaft: Pascal Kiener, Chef der Waadtländer Kantonalbank, verdiente 2011 mit 2,05 Millionen Franken mehr als 9-mal so viel wie ein Regierungsrat seines Kantons. Martin Scholl, CEO der Zürcher Kantonalbank, brachte es auf 1,65 Millionen.

Auch auf Bundesebene ist es allerdings nicht nur die Linke, die sich an den Bezügen der Staatsmanager stört. SVP-Nationalrat Pirmin Schwander, Präsident der nationalrätlichen Finanzkommission, würde eine Begrenzung der Kaderlöhne in den Bundesbetrieben begrüssen. «Für eine Managerfunktion sind 300 000 bis 500 000 Franken akzeptabel. Was darüber liegt, kann ich nicht vertreten.»

Schwander stösst sich zudem an den Lohnunterschieden zwischen den Chefs der einzelnen Unternehmen. «Ein Bundesrat erhält ja auch nicht mehr Lohn, wenn er ein grösseres Departement führt.» Auch SVP-Nationalrat Rudolf Joder unterstützt eine Lohnobergrenze. «Mehr als eine halbe Million Franken für die Chefs sind nicht zu verantworten», sagt er. Die Unternehmen hätten einen klaren öffentlichen Auftrag, und als faktische Monopolbetriebe seien sie meistens keiner echten Konkurrenz ausgesetzt. «Ein unternehmerisches Risiko besteht da nicht.»

Zumindest der letzte Punkt dürfte bei der Swisscom nicht zutreffen. Das Unternehmen, das an der Börse kotiert ist und an dem der Bund eine Mehrheitsbeteiligung hält, liess eine Anfrage um eine Stellungnahme unbeantwortet.

Die SBB teilten auf Anfrage mit: «Der Lohn des CEO wird vom Verwaltungsrat bestimmt und vom Bundesrat geprüft.» Pikant ist, dass im SBB-Verwaltungsrat seit kurzem ein ausgesprochener Kritiker hoher Saläre sitzt: der frühere SP-Nationalrat Andrea Hämmerle. 2008 sagte er in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung»: «Ich bin der altmodischen Meinung, dass der oberste Manager eines Staatsbetriebes wie der SBB nicht mehr verdienen darf als ein Bundesrat.» Und Hämmerle schob nach: «Was ich sage, gilt für alle Manager von Staatsbetrieben.» Ob er heute immer noch so denkt, will er nicht sagen. «Meine Meinung dazu äussere ich im Verwaltungsrat.»

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